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#werwirsind:"Erst mal den Optimismus wieder lernen"

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"In der Krise zeigt sich, was die Menschen wirklich wollen", sagt Meinungsforscher Markus Küppers.

(Foto: Marina Weigl)

Wie wirkt sich die Pandemie in Zukunft auf die "Generation Lockdown" aus? Der Forscher Markus Küppers hat einige Antworten.

Von Ramona Dinauer

SZ: Herr Küppers, Sie sind Meinungs- und Emotionsforscher. Vor Kurzem haben Sie eine Studie über die "Generation Lockdown" veröffentlicht. Wer gehört zu dieser Generation?

Markus Küppers: Befragt haben wir Personen zwischen 16 und 24 Jahren. Denn die einschneidenden Merkmale einer Generation lassen sich daraus ableiten, was sie in dieser Lebensphase erfahren haben. Das, was die Jugendlichen in diesem Alter erleben, oder auch nicht erleben, prägt ihr ganzes Leben - ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Wir haben klar gesehen, dass diese Generation raus möchte - auch um Fehler machen zu können. Das geht jetzt alles nicht. Sämtliche Auslandsaufenthalte sind verschoben, Praktika abgesagt und Partys keine Option.

Sind Sie froh, während dieser Krise 48 und nicht 19 Jahre alt zu sein?

Ich persönlich überstehe den Lockdown ganz gut. Auch weil ich diese Blütezeit schon hinter mir habe. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie schlecht sich die Jugendlichen gerade fühlen. Auf einmal ist für junge Menschen eine Karriere bei einer Versicherung oder einer Behörde attraktiv, sie setzen auf Langeweile statt Unsicherheit. Diese Generation wird im zukünftigen Berufsleben oft fürchten, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird - wie damals in der Pandemie. Die Folgen kann man sich ausrechnen: Kurzfristig wird diese Generation riesige Hochzeiten feiern und den Spaß nachholen.

Warum gerade heiraten?

Diese permanente Unsicherheit könnte Auswirkungen auf deren Beziehungsleben haben. Entweder werden sich die Menschen schneller binden wollen, um die Unsicherheit aus der Krise zu vermeiden. Oder sie wollen sich weniger binden, weil sie wissen, alles kann jederzeit zu Ende gehen. Überblicken kann ich diese Auswirkungen noch nicht, aber ich weiß, es wird sie geben.

Was macht das mit den Durchschnittsdeutschen der Zukunft?

In 20 Jahren werden manche nicht ihren Traumjob haben, weil sie sich in der Krise zum Beispiel nicht selbständig machen konnten. Oder ganze Branchen meiden mussten, wie etwa die Kulturbranche. Deshalb müssen die Leute sich jetzt andere Jobs suchen. Das werden sie vielleicht eines Tages bedauern.

In der Studie befragen Sie die Jugendlichen auch zu ihrer Zukunft. Können Menschen diese in einer Krise realistisch einschätzen?

Meistens nicht. Gerade Studien zu Emotionen sind nur eine Momentaufnahme. Seit Corona fällt uns in Umfragen auf, wie stark der Optimismus der Menschen gebremst ist. Nach der Krise muss der Optimismus erst wieder antrainiert werden.

Unterscheiden sich die Umfrageergebnisse zwischen Deutschland und anderen Ländern seit der Krise stärker?

Ganz im Gegenteil. In vielen Bereichen nähern wir uns unseren Nachbarländern mehr an, weil die Lebensrealität in den europäischen Ländern ähnlicher ist als in Vor-Pandemie-Zeiten. Die nationalen Unterschiede werden durch die Linse der Pandemie gebündelt. Wenn Sie Menschen auf der Straße fragen, wie sie sich verhalten, fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus. Befragen Sie diese Menschen hingegen in einem Stau, geben die meisten dieselben Antworten - alle sind ungeduldig und haben einen ähnlichen Handlungsspielraum. In einer Krise ist es vergleichbar.

Sie betreiben Markt- und Meinungsforschung in Ihrem Institut. Wollen die Menschen andere Dinge als vor der Krise?

In einigen Branchen schon. Macht zum Beispiel gerade ein Süßwarenhersteller eine Grundlagenstudie dazu, wie viel Zucker die Menschen essen, wird er einen Peak nach oben sehen. Denn wenn die Menschen viel zu Hause sind, ist ihr Zuckerkonsum deutlich höher. Die Leute backen mehr und kaufen mehr Zucker.

Wer geht - außer dem Zucker - noch als Gewinner aus der Krise hervor?

Alle Firmen, die ihr Geld mit Dauerschuldverhältnissen verdienen - also Elektrizität, Wasser, Gas sowie Versicherungen. Diese Branchen haben sich nur wenig verändert. Mehr gekauft werden auch nachhaltige und vegane Produkte, weil die Menschen Zeit haben, sich mit ihrer Ernährung auseinanderzusetzen.

Aber mehr Zucker essen sie auch?

Ja, es hat sich ein Spannungsfeld ergeben. Manche Menschen lassen sich nun mehr gehen, essen mehr Zucker, und manche essen zum ersten Mal veganen Käse. Der Trend zu Nachhaltigkeit und gesundem Essen ist ungebrochen. Die Krise hat diesen Trend lediglich verstärkt. Deshalb raten wir unseren Kunden derzeit, alles was bio oder vegan ist, früher herauszubringen oder stärker zu vermarkten.

Woran forschen Sie als Nächstes?

Gegen Ende der Corona-Pandemie, wenn man dafür überhaupt einen Zeitpunkt benennen kann, wollen wir unsere Studie zur "Generation Lockdown" wiederholen. Das wird spannend werden, weil die Ergebnisse sich wahrscheinlich krass unterscheiden werden. Die Einstellung der Deutschen zu vielen Themen wird sich komplett verändert haben im Vergleich zu vor der Krise.

© SZ
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