Kinderwunsch:Mit 40 machen sie dann (k)ein Kind

Margaret Mahy Family Playground New Zealand 10 03 2016 Christchurch New Zealand March 10

Zukunftsaussicht: Junge Paare schieben den Kinderwunsch oft nach hinten.

(Foto: imago stock&people/Bildmontage: SZ.de)

Späte Schwangerschaft? Kein Problem, gaukeln alte Promimütter und geschäftstüchtige Mediziner vor. Viele Paare glauben das nur zu gern - dabei schwindet die Fruchtbarkeit viel früher als gedacht.

Essay von Felicitas Kock

Eine Gruppe Freundinnen Anfang 30 beim Italiener. Gerade ging es um die nervigen Kollegen, den arbeitslosen Partner, die Eltern, die langsam in Ruhestand gehen. "Da kämen ihnen ein paar Enkel gerade recht", sagt Anne und nippt am Weißbier. Anne führt eine Fernbeziehung, macht ihren Doktor und kann mit dem Gedanken an ein Baby momentan nichts anfangen. Die anderen genauso wenig: Annabel hatte ewig keine Beziehung mehr, Lena arbeitet 50 Stunden die Woche, Marie hat gekündigt und plant, die kommenden Monate durch Südamerika zu reisen.

Klar, man würde gern jung Mutter werden, denn junge Mütter sind irgendwie cool. Aber dann gibt es da den Job, die Reisepläne, die Selbstverwirklichung. Also Kinder ja bitte, aber lieber später. Irgendwann.

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Dass eine Sache längst entschieden ist, verdrängen sie großzügig: Niemand an diesem Tisch wird mehr jung Mutter. Und als Julia, die Ärztin ist, einwirft, dass es womöglich nicht leicht wird mit dem Kinderkriegen, dass die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden sinkt und die Anfälligkeit für Fehlbildungen beim Baby wächst, rollen die anderen mit den Augen und reden schnell über etwas anderes. Über die Dinge, die sie noch machen wollen, bevor Tag X da ist und das Leben in seine mit Babybrei verklebte Phase eintritt.

Über künstliche Befruchtung reden sie nicht, sie denken nicht einmal daran. Und sitzen dem gleichen Trugschluss auf wie viele Menschen: Sie gehen davon aus, man könne Kinder zu dem Zeitpunkt bekommen, an dem es einem gefällt. Problemlos auch mit Mitte, Ende 30, vielleicht sogar Anfang 40.

Tatsächlich ist in Deutschland aktuell jede zehnte Frau bei der Geburt ihres Kindes 38 oder älter. Paare lassen sich mit dem Kinderkriegen mehr Zeit als früher. Und die Reproduktionsmedizin boomt: 96 000 Kinderwunschbehandlungen gab es in Deutschland 2015. Mehr waren es nur unmittelbar vor der Einführung des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes 2004, als die Krankenkassen noch einen Großteil der Kosten übernahmen.

Frauen entscheiden sich immer später für ein Kind - das ist der Hauptgrund für den Anstieg der Behandlungen, wenngleich nicht der einzige: Der Kinderwunsch homosexueller Paare wird zunehmend anerkannt, weshalb heute mehr sogenannte Regenbogenfamilien gegründet werden. Auch, dass es in Westeuropa kaum noch Kinder gibt, die adoptiert werden könnten, ist ein Faktor. Und dann ist da das Internet, über das Informationen mit ein paar Klicks zugänglich sind - sowohl zu künstlicher Befruchtung und Samenspende als auch zu Praktiken, die hierzulande verboten sind, wie Eizellspende und Leihmutterschaft.

"Wer in die Praxis kommt, ist in der Regel gut informiert", sagt Andreas Jantke, Leiter eines Kinderwunschzentrums in Berlin. Die Stimme des Gynäkologen klingt am Telefon ziemlich zufrieden, als er sagt, der Besuch in der Kinderwunschklinik sei gerade "en vogue".

Wer sich vor zehn, fünfzehn Jahren in die Hände eines Reproduktionsmediziners begab, wurde schief angeschaut, der Eingriff in die Natur mindestens als merkwürdig eingestuft. "Unfruchtbarkeit gilt seit jeher als Stigma", sagt die Medizinethikerin Claudia Wiesemann, die sich als Mitglied des Deutschen Ethikrats mit den gesellschaftlichen Implikationen der Reproduktionsmedizin beschäftigt. Das Stigma habe sich noch vor wenigen Jahren auch auf Paare übertragen, die versuchten, sich ihren Kinderwunsch durch künstliche Befruchtung zu erfüllen. Mittlerweile gilt es dagegen als normal, sich assistieren zu lassen. Schon das Wort "assistieren" drückt das aus.

Der Kulturwissenschaftler und frühere SZ-Kollege Andreas Bernard ist für sein Buch "Kinder machen" um die Welt gereist, hat Kinderwunschkliniken und Eizellbanken, Spender und Spenderkinder besucht. Er kommt zu dem Schluss, die künstliche Befruchtung gelte inzwischen "eher als Variante der natürlichen Empfängnis (...) nicht als deren Gegensatz".

Die 1,4 Millionen ungewollt kinderlosen Paare, die das Allensbach-Institut in Deutschland gezählt hat (etwa jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ist der Studie zufolge betroffen), dürften die neue Offenheit begrüßen. Sie können heute freier über ihre Nöte sprechen, über die Sehnsucht nach einem leiblichen Kind und die Versuche, sich den Wunsch zu erfüllen.

Wie alt war noch mal Halle Berry?

Gleichzeitig hat der entspanntere Umgang mit der Fortpflanzungsmedizin zu eben jenem Trugschluss beigetragen, von dem eingangs die Rede war. Späte Schwangerschaften gelten als normal. Strapazen und Risiken werden ausgeblendet, gefördert durch die Versprechungen der Kinderwunschindustrie und das dankbare Schweigen der Paare, bei denen es endlich geklappt hat. Die Biologie gerät aus dem Blick: Auch wenn wir uns noch so jung fühlen - der Zeitraum, in dem wir am einfachsten Kinder bekommen können, verschiebt sich nicht nach hinten.

Problematisch ist weniger, dass Frauen und Männer spät Eltern werden wollen. Sondern, dass sie immer später beginnen, sich überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wenn sie sich dann endlich informieren, bleibt bisweilen gar kein anderer Weg mehr als der in die Kinderwunschklinik.

Das Gefühl, noch warten zu wollen, speist sich oft aus diffusem Halbwissen. Hat nicht vor Kurzem eine 65-Jährige Vierlinge bekommen? Zugegeben, das war extrem, wer will schon als Titelgeschichte der Bild-Zeitung enden. Aber wenn 65 funktioniert, ist 40 doch im Rahmen, oder? Prominente wie Halle Berry, Uma Thurman, Janet Jackson und Caroline Beil machen vor, dass die Sache mit der späten Mutterschaft klappt - und sie sehen dabei hinreißend aus. Hieß es nicht gerade, die Lebenserwartung in Industrieländern werde künftig auf 90 Jahre steigen? Überhaupt, 30 ist das neue 20, warum sollten sich 30-Jährige also mit Kindern befassen? Sie sind doch selbst gerade erst erwachsen geworden.

Also raus aus den Klamotten, rauf auf den Partner?

Der Hintergrund solcher - hier etwas zugespitzter - Gedanken, wird selten thematisiert: Viele Menschen sind in Sachen Fruchtbarkeit viel zu wenig aufgeklärt. Das Einzige, was sie in jungen Jahren zu hören bekommen, ist der Appell, nur ja keine Kinder in die Welt zu setzen, bis die Ausbildung abgeschlossen ist. Schwangerschaft als Tabu - so etwas bleibt haften.

Die Tatsache, dass es im Monatszyklus nur eine Handvoll fruchtbare Tage gibt und dass die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden auch an den fruchtbaren Tagen nur bei 25 Prozent liegt, erfahren Teenager selten. Aus gutem Grund, sie sollen ja bloß IMMER VERHÜTEN. Doch irgendwann zwischen 17 und 30 wäre es angebracht, sich auch mit der Endlichkeit der Fruchtbarkeit auseinanderzusetzen und ein paar Fakten geradezurücken.

"Studien haben gezeigt, dass etwa die Hälfte der Deutschen denkt, die Fertilität der Frau nehme erst mit 40 ab", bestätigt Andreas Jantke. Dabei seien in diesem Alter selbst die Chancen für eine erfolgreiche Kinderwunschbehandlung vergleichsweise gering. Medizinethikerin Wiesemann fordert deshalb eine bessere Aufklärung schon in jungen Jahren. Wobei nicht nur Frauen Adressaten einer solchen Aufklärungskampagne sein dürften. Auch Männer müssen wissen, dass sie mit etwas Glück noch mit 70 Kinder zeugen können, ihre Partnerin aber schon Schwierigkeiten haben könnte, wenn sie halb so alt ist.

Ab 30 sinkt die Fertilität der Frauen - ab Mitte 30 dann rapide

Früher, als das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes noch bei Mitte 20 lag, mag dieses Wissen nicht von Belang gewesen sein. Heute ist es existenziell. Denn Argumente für eine späte Elternschaft gibt es viele: Chefs, die ein Baby als Karrierehindernis begreifen oder mangelhafte Kinderbetreuung zum Beispiel. Regretting-Motherhood- und Social-Freezing-Debatten, die Grund zum Grübeln geben. Natürlich lösen sich diese Argumente nicht einfach auf, nur weil man die biologischen Fakten kennt, aber sie erscheinen in einem anderen Licht.

Da wäre etwa die Tatsache, dass die Fertilität bei der Hälfte der Frauen bereits mit 30 abzunehmen beginnt - zunächst nur langsam, ab Mitte 30 dann rapide. Oder dass die Eizellen, die eine Frau von Geburt an in sich trägt, mit zunehmendem Alter an Qualität einbüßen und auch eine künstliche Befruchtung nicht viel ausrichten kann, wenn da keine gesunden Eizellen mehr sind, die befruchtet werden könnten.

"Viele Menschen haben überzogene Erwartungen an die Reproduktionsmedizin", sagt Kinderwunscharzt Andreas Jantke. Auf der Internetseite seiner Klinik steht groß die Zahl 44,7. Sie gibt an, wie viel Prozent der Klientinnen im vergangenen Jahr durch seine Behandlung schwanger geworden sind. Nicht ganz die Hälfte also. Die meisten Klientinnen seien etwa Mitte, Ende 30, sagt Jantke.

Wer die Kinderwunschklinik erfolglos verlässt, aber partout nicht adoptieren will, gelangt fast automatisch auf die Internetseiten ausländischer Eizellenbanken oder Leihmütteragenturen. Dann stellt sich die Frage, ob man bereit ist, ethische Bedenken zur Seite zu schieben und wie weit man das globale Geschäft mit dem Kinderwunsch unterstützen will und kann.

Eine Google-Anfrage reicht, um zu erfahren, dass ein unerfüllter Kinderwunsch nicht nur teuer werden kann, sondern viele Paare psychisch belastet. Für manche Betroffene wird jeder fehlgeschlagene Versuch zum Trauerfall. "Wir bieten von Anfang an psychosoziale Betreuung an", sagt Jantke. Die meisten Paare kämen schon gestresst in die Klinik. Kein Wunder, viele würden seit Jahren versuchen, ein Kind zu bekommen.

Denkt jemand an all diese Dinge, wenn er im Fernsehen schwangere Prominente Mitte 40 sieht oder erfährt, dass eine Bekannte gerade mit Ende 30 Zwillinge bekommen hat? Vermutlich nicht. Die Großverdiener der Kinderwunschindustrie dürften sich indes begeistert die Hände reiben. Gut gelaunte Midlife-Mütter, die den schwierigen Teil ihrer Erfahrungen lieber unerwähnt lassen, sind die besten Aushängeschilder.

Wie wichtig eine entspannte Atmosphäre für das Geschäft ist, zeigt sich auch bei den "Kinderwunsch-Tagen" in Berlin: Eizellspenderinnen lächeln dort glücklich von Plakaten, Angebote für Leihmütteragenturen im Ausland laufen unter dem Schlagwort Reproduktionstourismus. Als würden die künftigen Eltern irgendwohin in Urlaub fahren, ein bisschen am Strand liegen und dann ein Kind als Souvenir mit nach Hause nehmen.

"Das Bild, das hier gezeichnet wird, hat mit der Realität ungewollt kinderloser Paare nichts zu tun", sagt Medizinethikerin Wiesemann. Es handle sich um einen belastenden Prozess für alle Beteiligten. Mit vielen offenen Fragen, vielen emotionalen Momenten und einem gewaltigen Berg an Papierkram.

Wer früher mehr weiß, entscheidet freier

Was ist also die Konsequenz? Raus aus den Klamotten, rauf auf den Partner und möglichst schnell ein Kind machen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Die Gründe fürs Warten lösen sich durch das Wissen um die Biologie wie gesagt nicht auf.

Fest steht, dass die Debatte über Reproduktionsmedizin und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen sehr viel intensiver geführt werden muss als bislang. Zumal sich in Zukunft deutlich mehr Menschen für diesen Weg entscheiden werden.

Bei der nächsten Diskussion im Freundeskreis kann es schon helfen, wenn man der Ärztin etwas mehr Gehör schenkt, die mahnt, dass alles nicht so einfach ist. Um dann rechtzeitig eine reflektierte Entscheidung zu treffen, ob und wann die breiverschmierte Phase des Lebens beginnen soll.

Zum Jahresende präsentieren wir die Lieblingstexte der Redaktion, die 17 aus 2017. Alle Geschichten finden Sie auf dieser Seite.

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© SZ.de/vs/bavo/sks
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