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Kinderlosigkeit:Frauen sind kinderlos, Männer haben nur noch keine Kinder

Dass Frauen oft unter ihrer Unfruchtbarkeit leiden, hat damit zu tun, dass für viele die Mutterschaft zwingend zu einem erfüllten Frauenleben dazu gehört. In Umfragen stimmt der Aussage knapp die Hälfte aller Kinderlosen zu. Dass Vaterschaft ein zwingendes Element des Mannseins ist, glaubt hingegen nur jeder Dritte.

Kinderlosigkeit wird bei Frauen und Männern unterschiedlich wahrgenommen. "Den kinderlosen Mann gibt es eigentlich gar nicht", sagt Hannelore und meint damit, dass Männer - theoretisch - bis ins hohe Alter Kinder bekommen können. Ein Mann ist daher nie wirklich kinderlos, sondern hat höchstens noch keine Kinder. Bei Frauen hingegen ist die Entscheidung irgendwann unumkehrbar gefallen, in die eine oder auch in die andere Richtung. Wahrscheinlich hat sich deswegen die Forschung bislang fast ausschließlich auf die Frauen konzentriert und so das Vorurteil geschaffen, dass die berufstätige Akademikerin im Gebärstreik an der demografischen Entwicklung schuld ist.

Ganz so stimmt das aber nicht. In allen Altersgruppen gibt es mehr kinderlose Männer als kinderlose Frauen. So sind beispielsweise von den Frauen zwischen 50 und 59 Jahren nur 17 Prozent ohne eigenen Nachwuchs, hingegen 25 Prozent der Männer. Theoretisch kann sich diese Lücke noch schließen. Praktisch tut sie es wahrscheinlich nicht.

Eine Frau, die aus Karrieregründen auf die eigene Familie verzichtet hat, sitzt nicht in Evas Wohnzimmer. Das Gespräch dreht sich über mehrere Stunden ums Frausein, ums Alter und um Kinderlosigkeit - doch ihre Berufstätigkeit erwähnen Eva, Gabie und Hannelore dabei kaum. Auf Nachfrage kommt Kopfschütteln: Nein, sie hätten zwar alle gerne gearbeitet und zum Teil auch Karriere gemacht, aber das war nicht der Grund für ihren Lebensentwurf. "Ich glaube nicht, dass die Berufstätigkeit in unserer Generation für die Kinderfrage eine große Rolle gespielt hat", sagt Eva.

Ein Leben abseits der Norm

Ein Phänomen gebildeter Schichten ist gewollte Kinderlosigkeit aber sehr wohl. Über die Hälfte der Frauen zwischen 20 und 50 Jahren, die derzeit keine Kinder wollen, haben Abitur. Die meisten von ihnen wollen noch irgendwann Mutter werden. Manche von ihnen werden stattdessen in der Gruppe der Aufschieberinnen landen.

Das kann für die betreffenden Frauen ein Problem sein - muss es aber nicht. "Die Reue im Alter ist so eine Art selbsterfüllende Prophezeiung", sagt Autorin Sarah Diehl. Wenn man Frauen ständig einrede, dass sie sich doch schlecht fühlen müssten, würden viele nach Defiziten suchen - und dann natürlich auch welche finden. Wer sich von den Urteilen der Umwelt freimache, fühle sich aber oft erstaunlich wohl ohne Kinder. Für ihr Buch hat Diehl mit vielen Frauen gesprochen, die zunächst erzählten, das mit den Kindern habe sich eben nicht ergeben. Und die erst im Laufe des Gesprächs zugeben konnten, dass sie eigentlich nie welche wollten.

"Eine Frau, die grundsätzlich keine Kinder will, gilt als sonderbar", sagt Diehl. Dabei seien das oft interessante Menschen. "Sie haben ein anderes, größeres Selbstbewusstsein. Und das brauchen sie auch, denn sie haben sich für ein Leben abseits der Norm entschieden."

Die Forschung beschäftigt sich bislang fast ausschließlich mit den Kinderlosen zwischen 20 und 50 Jahren, auf denen der Druck der Entscheidung noch lastet. In diesem Alter sagen viele Frauen: Im Moment gefällt mir mein Leben, ich brauche keine Kinder - aber wie wird es sein, wenn ich alt bin? Frage ich mich dann, welchen Sinn mein Leben hat? Bei diesen Fragen wird Gabie wütend: "Da krieg' ich wirklich Blutrausch", sagt sie. Es sei grauenvoll, was man den Kindern damit antue. Gabie findet: "Ein Kind bekommt man, weil man ein Kind bekommen will." Und wer nicht will, solle es bleiben lassen.

Kluge Worte - die den hin- und hergerissenen Aufschieberinnen aber vermutlich auch nicht weiterhelfen. Dennoch würde es der aufgeregten Debatte über Mutterschaft, Reue und Kinderlosigkeit gut tun, öfter mal die zu Wort kommen zu lassen, die ihre Entscheidung schon vor langer Zeit gefällt haben.

© SZ.de/vs
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