Internetschule in Bochum:Letzte Chance für Mobbing-Opfer

Für die meisten Schüler, die alle von der Schulpflicht befreit oder dauerhaft krankgeschrieben sein müssen, übernimmt das Jugendamt das monatliche Schulgeld von 787 Euro. "Wenn jemand zu uns kommt, ist das System Schule gescheitert", sagt Schulleiterin Lichtenberger. "Wenn das Sozialgefüge in der Schule die Kinder krank macht, bieten wir eine Alternative."

Fünf Jungs, ein Mädchen, eine erfolgreiche Patchwork-Familiengeschichte, dazu fünf Tagespflegekinder. Auf dem Bauernhof von Katjas Familie scheint das Sozialgefüge bilderbuchperfekt zu sein. Durch den Garten mit dem riesigen Trampolin streichen Pfaue, Shetland-Ponys, Kühe und Esel grasen dahinter auf einer Weide. Vom Schweinestall weht der passende Geruch in die Küche des großen Bauernhauses.

Webschule Bochum

Katja zu Hause auf dem Bauernhof. Hier schöpft sie Kraft.

(Foto: Lena Jakat)

An den Herd gelehnt, rechts neben sich die Mutter, links den Vater und vor sich eine große metallene Tischplatte erzählt die Katja, wie sie zur Webschule kam.

"Am Anfang stand ein ganz belangloser Streit mit meiner besten Freundin. Völlig banal. Dann hat sie in der Klasse erzählt, was ich gesagt, was ich Blödes getan hätte. Und bald wussten alle genau Bescheid, was angeblich passiert war. Alle außer mir." Katja hatte viele Freunde, war Klassensprecherin. Sie hätte nie damit gerechnet, dass ihr so etwas passieren könnte. Sticheleien wurden zu Mobbing, die Streitschlichterin Katja zum Opfer. Die 16-Jährige spricht ruhig, routiniert. Allein ihre Finger, die rastlos das bunte Halstuch knüllen oder die pink lackierten Fingernägel knibbeln, verraten, was in ihr vorgeht. "Wenn andere Schüler früher zu mir als Klassensprecherin kamen, habe ich gesagt: 'Man muss auch einfach mal weghören.' Aber man kann nicht weghören. Nicht, wenn man die ganze Klasse gegen sich hat. Ich habe es am Anfang probiert. Es geht nicht."

An der Webschule gibt es mehrere Jugendliche, die Opfer von Mobbing wurden. "Als ich jung war, und mich auf einer Party daneben benommen habe, wurde vielleicht getuschelt. Aber das war schnell vorbei", sagt Pädagogin Lichtenberger. "Jetzt, in Zeiten von Facebook, schlagen diese Dinge viel höhere Wellen. Die Kinder haben keine Chance." Tatsächlich gaben in einer repräsentativen Studie jüngst 59 Prozent aller Kinder in Deutschland an, schon einmal schlechte Erfahrungen im Netz gemacht zu haben. "Wir versuchen dann, Selbstvertrauen aufzubauen, ihnen den Glauben wiederzugeben, dass sie kein Opfer sein müssen", sagt Lichtenberger. "Es hilft schon viel, wenn die Stresssituation und der Druck durch die Mitschüler nicht mehr da sind."

Die Recherche zum Schulsystem: Bildung, wie wir sie brauchen

"Welche Bildung brauchen unsere Kinder wirklich?" - das wollten unsere Leser in der zweiten Runde von Die Recherche wissen. Mit einer Reihe von Artikeln versuchen wir diese Frage zu beantworten.

Als Katja es nicht mehr aushielt in ihrer Klasse, beschloss sie gemeinsam mit ihren Eltern, nicht mehr hinzugehen. Etwa ein halbes Jahr ist das her. Irgendwann will Katja wieder ins Gymnasium gehen, Abitur machen, studieren, Chirurgin werden. "Aber ich bin froh, dass ich bis dahin noch ein Weilchen habe", sagt sie. Erst einmal wird sie sich auf den Realschulabschluss im kommenden Mai vorbereiten. In ihrer Schule zu Hause.

© Süddeutsche.de/sebi
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