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Homosexualität auf dem Land:Der Selbstverleugnung folgt Depression

Als Rathgeber 23 Jahre war, heiratete er seine Frau. Andere Lebenskonzepte kannte er nicht. "Ich habe nicht nach rechts und links geschaut", sagt er heute. Jahrelang verdrängte er, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, jahrelang versuchte er, die Illusion aufrechtzuhalten, so leben zu wollen, wie es die Gesellschaft, wie es sein Vater, wie es die Tradition fordert: Mann plus Frau plus Kinder - bis er unter schweren Depressionen litt.

Für den Landwirt Rathgeber war es ein langer Weg, bis er sich endlich eingestand, dass ein Mann, der jeden Tag auf einem Bauernhof richtig zupacken muss, einen anderen Mann lieben kann.

(Foto: SZ)

Rathgeber versuchte, sich einzureden, dass alles gut sei so wie es ist, und vor allem, dass es sowieso zu spät sei, ein anderes Leben zu führen. Er hatte schließlich Verantwortung, für seine Familie, für drei Kinder, für die Kühe und den Hof. Da kann man sich nicht einfach hinstellen und sagen: Hey Leute, ich bin schwul, und das ist gut so. Und was hätte er dann auch machen sollen? Er hatte noch nie einen Mann berührt, er kannte keine anderen Schwulen. Und in die Stadt ziehen, das hat er sich niemals vorstellen können. Das Leben dort ist ihm viel zu hektisch. Nein, er gehört auf den Hof.

Rathgeber setzt sich an den Küchentisch, die Schultern leicht nach vorne gebeugt und belegt ein Brot mit Wurst. Von der Wand blickt ein Jesus am Holzkreuz auf ihn herab. Auf der Fensterbank steht eine Topfpflanze, daneben eine Vase mit einer roten Rose, ein Geschenk von Rathgebers Freund, der als Verwaltungsbeamter in der Eifel arbeitet. Seit sieben Jahren sind die beiden ein Paar. Rathgeber schließt behutsam die Wurstpackung und lässt die Hände auf den Tisch sinken. Und dann erzählt er - von dem Kampf, den es ihn gekostet hat, nicht das Leben zu leben, das für ihn eigentlich vorgesehen war und davon, dass immer noch Menschen auf ihn zukommen und ihn von der Seuche heilen wollen.

Irgendwie hat er schon als Jugendlicher gespürt, dass er anders ist, dass er sich für Männer interessiert. Doch über Homosexualität wusste er nichts und niemand sprach darüber. "Mein Vater hätte mich erschlagen, hätte er gewusst, dass ich schwul bin", sagt er. Als sein Vater starb und er den Hof übernahm, da hatte er längst selbst Familie und sich ein Lebensziel gesetzt: einen größeren Kuhstall zu bauen. Er stürzte sich in die Arbeit, so dass keine Zeit mehr blieb zum Nachdenken. Doch er wurde immer unzufriedener und kaum stand der neue Kuhstall, fiel er in ein tiefes Loch.

"Irgendwann habe ich dann für mich innerlich akzeptiert, dass ich auf Männer stehe", sagt er, "aber dann kam das Verdrängen. Sich zu outen, ist immer schwierig, denn es bedeutet, dass man nicht der Norm entspricht - noch schwieriger ist es, nach 22 Jahren Ehe zu sagen: Ich ticke eigentlich anders, als ich lebe." Er verbarrikadierte sich hinter einer Mauer des Schweigens. Seine Frau wagte kaum, den Hof für einige Stunden zu verlassen, aus Angst, er könnte sich etwas antun.

Rathgebers Jugend liegt viele Jahre zurück, und seitdem hat sich einiges geändert. Stammtische für Schwule oder Discoabende für Lesben gibt es heute auch in vielen Kleinstädten, Jugendliche können sich anonym in Internetforen austauschen. Doch trotz aller liberalen Fortschritte und Offenheit wird Heterosexualität heute immer noch als Norm gesetzt, während die gleichgeschlechtliche Liebe als Abweichung gilt. Dass jeder lieben kann, wen er möchte, ist noch lange nicht selbstverständlich.

Besonders in ländlichen Regionen müssen Schwule und Lesben noch gegen viele Vorurteile ankämpfen. Die soziale Kontrolle ist größer als in der Stadt. Wer aus der Reihe fällt, wer anders ist, der stellt erst einmal eine Bedrohung für die dörfliche Ordnung dar. Gerade Jugendliche sind damit oft allein gelassen. Soziale Treffpunkte auf dem Land wie Fußballvereine, Freiwillige Feuerwehr, Kirchen und Jugendzentren sind nur selten für das Thema Homosexualität sensibilisiert, und Beratungsstellen konzentrieren sich bundesweit fast ausschließlich auf Großstädte. Menschen auf dem Land sind nicht automatisch homophober als in der Stadt, aber je weniger Schwule und Lesben dort offen leben, desto größer sind meist die Vorurteile - und die Unsicherheit: Wie geht man bloß mit einem schwulen Nachbarn, einer lesbischen Nachbarin um?

Rathgebers zweites Leben begann vor acht Jahren. Er hält es nicht mehr aus, sich zu verstecken und macht seiner Frau gegenüber eine Andeutung. "Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, was Sache ist", sagt er. Doch wie es weitergehen sollte, darauf wussten sie beide keine Antwort. "Große Ernüchterung. Große Ratlosigkeit auf beiden Seiten", sagt er lakonisch. Ein halbes Jahr lang leben sie weiter wie bisher, stehen morgens im Stall, bestellen die Felder, ziehen die Kinder groß, als wäre nichts gewesen, während zwischen ihnen stillschweigend das Geheimnis liegt, wie eine tickende Bombe, die noch nichts verändert hat, aber wenn sie explodiert, den ganzen Hof durcheinanderbringen wird.

Erst als ein Freund von ihm sich das Leben nimmt, "da bin ich aufgewacht, da habe ich gedacht, so kann das nicht enden", sagt er, seine Stimme wird brüchig. "Eine Jugendliebe", fügt er zögerlich hinzu und knetet seine Hände ineinander, als krieche ihm plötzlich die Kälte in die Glieder.

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