Süddeutsche Zeitung

Homosexualität auf dem Land:Alles andere als normal

Der Außenminister heiratet einen Mann, Bürgermeister outen sich, RTL begleitet bei "Bauer sucht Frau" erstmals einen schwulen Mann. Doch auf dem Land wird Schwulsein noch immer nicht akzeptiert. Ein Besuch bei einem homosexuellen Landwirt in Bayern.

Die Nachricht verbreitete sich schnell von Haus zu Haus und von Dorf zu Dorf. Auf dem Bauernhof von Rudolf Rathgeber gehe es nicht mit rechten Dingen zu, hieß es. Der Bauer lebt in der nordbayerischen Provinz, zehn Kilometer von der Kleinstadt Dinkelsbühl entfernt. Der 53-Jährige ist hier geboren und aufgewachsen, er hat den Hof noch nie länger als für eine Woche verlassen. Rathgeber, der fleißige und hilfsbereite Landwirt von nebenan, der regelmäßig in die Kirche geht, der im Chor singt, der Mitglied im Aufsichtsrat der örtlichen Genossenschaftsbank ist - der die letzte Dorfkneipe betreibt. "Und jetzt so etwas", raunte man sich empört auf dem Marktplatz, vor der Kirche und am Stammtisch zu: "schwul!"

Im Fernsehen wird der Alltag geprobt: In der RTL-Fernsehsendung "Bauer sucht Frau" wird am Pfingstmontag erstmals auch ein Bauer seinen Traummann suchen. Als sei Schwulsein auch auf dem Land das Normalste von der Welt.

In dunkelgrünem Overall und blassgrünen Gummistiefeln treibt Rathgeber seine Kühe in den Melkraum. Ein Geruch aus Milchsäure und Kuhmist liegt in der warmen Luft. Das gleichmäßige Pumpgeräusch der Melkanlage vermischt sich mit dem tiefen Blöken der Tiere. Rathgeber ist von schmaler Statur, und wenn er lacht, kneift er seine blauen Augen etwas schüchtern hinter der Brille zusammen. Er tippt die Nummer einer Kuh in einen Computer, säubert mit schnellen, aber ruhigen Bewegungen die Zitzen, stülpt die Melkbecher darüber und wendet sich der nächsten Kuh zu.

Seine Frau, Inge Rathgeber, hat ein dunkles Tuch mit weißen Blumen um den Kopf gebunden, das ein fester Knoten unter dem Kinn zusammenhält. Die Bäuerin nimmt einen Eimer frischer Milch und trägt ihn hinaus zu den Kälbern, die unter dem Vordach des Stalls stehen. "Mein Kindergarten", sagt sie, lacht und gießt die Milch in die Behälter am Gatter. Ihr ältester Sohn verteilt Heu in den Boxen. Der Stall mit den 80 Kühen ist der Mittelpunkt des Hofes, den Rathgeber gemeinsam mit seiner Frau und dem ältesten Sohn betreibt. Sie teilen sich die Arbeit, dafür bedarf es keiner Worte, die drei sind ein eingespieltes Team.

Rechts und links vom Kuhstall stehen zwei Wohnhäuser. In dem kleineren Haus lebt Rudolf Rathgeber allein, nur an den Wochenenden kommt sein Freund. Gegenüber in dem alten Bauernhaus wohnen seine Frau und sein Sohn. "Aus meinem ersten Leben", sagt er. Wenn der Bauer in fränkischem Dialekt von sich erzählt, dann unterteilt er die vergangenen 53 Jahre in ein erstes und ein zweites Leben. Hier auf dem Hof sind die beiden Leben nur wenige Meter voneinander entfernt.

Homosexualität ist in Deutschland heute kein Tabuthema mehr. Ein Außenminister und ein Berliner Bürgermeister, die offen sagen, dass sie schwul sind, Fernsehmoderatoren, Künstler und Schauspieler, die sich mit gleichgeschlechtlichen Partnern zeigen, sie sind in der Öffentlichkeit akzeptiert. Bunte Federboas und schrille Lederoutfits erzeugen schon lange keinen Aufschrei der Empörung mehr. Doch was Rudolf Rathgeber im Fernsehen sieht, Politiker mit ihren Partnern, Künstler mit rosa Handtäschchen und bunte Straßenumzüge, das alles hat so gar nichts mit seinem Leben zu tun.

Rathgebers erstes Leben verlief in einer vorgezeichneten Spur. Seit seiner Geburt stand fest, dass er Bauer werden würde. Als ältester Sohn war es seine Aufgabe, den Hof von seinem Vater zu übernehmen. Das hatte nie zur Diskussion gestanden und er hat es nie hinterfragt. Es war selbstverständlich, die Familientradition weist den Weg und sie duldet keine Fragen. Ebenso selbstverständlich gehört zu einem Bauernhof eine Frau, die einen unterstützt und Kinder, für die es sich lohnt, in den Ausbau des Stalls zu investieren und sieben Mal in der Woche früh aufzustehen, um die Kühe zu melken. Kinder, die einmal die Tradition fortsetzen werden. Ein Bauernhof ist keine Ich-AG, die man alleine aufbauen kann, und kein Geschäft, das abends die Türen schließt. Wer Bauer ist, ist es rund um die Uhr.

Inge Rathgeber hat in den vergangenen Wochen oft nachts im Stall gestanden, als die Kälber zur Welt kamen. Die Bäuerin klingt nicht verbittert oder vorwurfsvoll, als sie davon erzählt. Sie wirft die leeren Milcheimer in ein Spülbecken und lässt Wasser einlaufen. Ihr ältester Sohn hat eine landwirtschaftliche Ausbildung abgeschlossen. Aber ob er den Betrieb einmal übernehmen wird, das müsse er selbst entscheiden. "Mein Mann ist doch das beste Beispiel dafür, was passiert, wenn man zu einem Leben gezwungen wird", sagt sie, beugt sich etwas abrupt über das Spülbecken und scheuert schweigend und mit kräftigen Bewegungen die Eimer aus.

"Sie hat sehr viel mitgemacht und sehr viel Größe gezeigt", sagt Rudolf Rathgeber, als er hinüber zu seinem Haus geht, um zu frühstücken. Er tritt den Schlamm von den Gummistiefeln, streift sie von den Füßen und läuft auf Socken in die Küche. Durch die weißen Spitzengardinen vor dem Fenster blickt er auf den Kuhstall und auf das alte Bauernhaus, in dem er früher auch gelebt hat.

Der Selbstverleugnung folgt Depression

Als Rathgeber 23 Jahre war, heiratete er seine Frau. Andere Lebenskonzepte kannte er nicht. "Ich habe nicht nach rechts und links geschaut", sagt er heute. Jahrelang verdrängte er, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt, jahrelang versuchte er, die Illusion aufrechtzuhalten, so leben zu wollen, wie es die Gesellschaft, wie es sein Vater, wie es die Tradition fordert: Mann plus Frau plus Kinder - bis er unter schweren Depressionen litt.

Rathgeber versuchte, sich einzureden, dass alles gut sei so wie es ist, und vor allem, dass es sowieso zu spät sei, ein anderes Leben zu führen. Er hatte schließlich Verantwortung, für seine Familie, für drei Kinder, für die Kühe und den Hof. Da kann man sich nicht einfach hinstellen und sagen: Hey Leute, ich bin schwul, und das ist gut so. Und was hätte er dann auch machen sollen? Er hatte noch nie einen Mann berührt, er kannte keine anderen Schwulen. Und in die Stadt ziehen, das hat er sich niemals vorstellen können. Das Leben dort ist ihm viel zu hektisch. Nein, er gehört auf den Hof.

Rathgeber setzt sich an den Küchentisch, die Schultern leicht nach vorne gebeugt und belegt ein Brot mit Wurst. Von der Wand blickt ein Jesus am Holzkreuz auf ihn herab. Auf der Fensterbank steht eine Topfpflanze, daneben eine Vase mit einer roten Rose, ein Geschenk von Rathgebers Freund, der als Verwaltungsbeamter in der Eifel arbeitet. Seit sieben Jahren sind die beiden ein Paar. Rathgeber schließt behutsam die Wurstpackung und lässt die Hände auf den Tisch sinken. Und dann erzählt er - von dem Kampf, den es ihn gekostet hat, nicht das Leben zu leben, das für ihn eigentlich vorgesehen war und davon, dass immer noch Menschen auf ihn zukommen und ihn von der Seuche heilen wollen.

Irgendwie hat er schon als Jugendlicher gespürt, dass er anders ist, dass er sich für Männer interessiert. Doch über Homosexualität wusste er nichts und niemand sprach darüber. "Mein Vater hätte mich erschlagen, hätte er gewusst, dass ich schwul bin", sagt er. Als sein Vater starb und er den Hof übernahm, da hatte er längst selbst Familie und sich ein Lebensziel gesetzt: einen größeren Kuhstall zu bauen. Er stürzte sich in die Arbeit, so dass keine Zeit mehr blieb zum Nachdenken. Doch er wurde immer unzufriedener und kaum stand der neue Kuhstall, fiel er in ein tiefes Loch.

"Irgendwann habe ich dann für mich innerlich akzeptiert, dass ich auf Männer stehe", sagt er, "aber dann kam das Verdrängen. Sich zu outen, ist immer schwierig, denn es bedeutet, dass man nicht der Norm entspricht - noch schwieriger ist es, nach 22 Jahren Ehe zu sagen: Ich ticke eigentlich anders, als ich lebe." Er verbarrikadierte sich hinter einer Mauer des Schweigens. Seine Frau wagte kaum, den Hof für einige Stunden zu verlassen, aus Angst, er könnte sich etwas antun.

Rathgebers Jugend liegt viele Jahre zurück, und seitdem hat sich einiges geändert. Stammtische für Schwule oder Discoabende für Lesben gibt es heute auch in vielen Kleinstädten, Jugendliche können sich anonym in Internetforen austauschen. Doch trotz aller liberalen Fortschritte und Offenheit wird Heterosexualität heute immer noch als Norm gesetzt, während die gleichgeschlechtliche Liebe als Abweichung gilt. Dass jeder lieben kann, wen er möchte, ist noch lange nicht selbstverständlich.

Besonders in ländlichen Regionen müssen Schwule und Lesben noch gegen viele Vorurteile ankämpfen. Die soziale Kontrolle ist größer als in der Stadt. Wer aus der Reihe fällt, wer anders ist, der stellt erst einmal eine Bedrohung für die dörfliche Ordnung dar. Gerade Jugendliche sind damit oft allein gelassen. Soziale Treffpunkte auf dem Land wie Fußballvereine, Freiwillige Feuerwehr, Kirchen und Jugendzentren sind nur selten für das Thema Homosexualität sensibilisiert, und Beratungsstellen konzentrieren sich bundesweit fast ausschließlich auf Großstädte. Menschen auf dem Land sind nicht automatisch homophober als in der Stadt, aber je weniger Schwule und Lesben dort offen leben, desto größer sind meist die Vorurteile - und die Unsicherheit: Wie geht man bloß mit einem schwulen Nachbarn, einer lesbischen Nachbarin um?

Rathgebers zweites Leben begann vor acht Jahren. Er hält es nicht mehr aus, sich zu verstecken und macht seiner Frau gegenüber eine Andeutung. "Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, was Sache ist", sagt er. Doch wie es weitergehen sollte, darauf wussten sie beide keine Antwort. "Große Ernüchterung. Große Ratlosigkeit auf beiden Seiten", sagt er lakonisch. Ein halbes Jahr lang leben sie weiter wie bisher, stehen morgens im Stall, bestellen die Felder, ziehen die Kinder groß, als wäre nichts gewesen, während zwischen ihnen stillschweigend das Geheimnis liegt, wie eine tickende Bombe, die noch nichts verändert hat, aber wenn sie explodiert, den ganzen Hof durcheinanderbringen wird.

Erst als ein Freund von ihm sich das Leben nimmt, "da bin ich aufgewacht, da habe ich gedacht, so kann das nicht enden", sagt er, seine Stimme wird brüchig. "Eine Jugendliebe", fügt er zögerlich hinzu und knetet seine Hände ineinander, als krieche ihm plötzlich die Kälte in die Glieder.

Für die Kinder war es am schlimmsten

Nach dem Suizid wendet sich Rathgeber an seinen Arzt. Der überweist ihn an einen Psychotherapeuten. Es ist ein älterer Herr, dem Homosexualität nicht ganz geheuer ist. Rathgeber sucht weiter, doch niemand kann oder will ihm helfen. Sie hätten keine Erfahrung mit dem Thema, sagen sie, oder versuchen ihn zu beruhigen, Homosexualität sei eine Mode, die wieder vergeht. Erst nach einigen Monaten stößt er auf einen ehemaligen katholischen Pfarrer, der schwul ist und in der Stuttgarter Aidshilfe arbeitet. Er hört Rathgeber zu und berät ihn. "Der Mann hat es geschafft, dass ich mein Schwulsein für mich annehmen konnte", sagt er.

Einige Monate später sagt Rathgeber es seinen Kindern. "Für sie ist eine Welt zusammengebrochen." Es verschlägt ihm heute noch die Sprache, wenn er davon erzählt. Ein Vater, der sich plötzlich als schwul oder eine Mutter, die sich als lesbisch outet, bedeutet mehr als nur das Zerbrechen der Familie, es bedeutet auch ein Abweichen von dem, was die Gesellschaft als normal ansieht.

"Die Kinder wurden in der Schule mit dem schwulen Vater aufgezogen und meine Frau wurde überall darauf angesprochen. Für sie war es viel schlimmer als für mich", sagt Rathgeber. "Mit dem Betroffenen selbst wird ja nie geredet, sondern nur hinter seinem Rücken. Viele haben meiner Frau vorgeworfen, dass sie mich nicht wegjagt." Der Bauer steht auf und schlüpft in die Gummistiefel, draußen dämmert es bereits, die Kühe müssen gemolken werden.

Inge Rathgeber hat ihren Mann nicht weggejagt - und auch den Hof nicht verlassen. Über den Platz vor dem Kuhstall fegt ein kalter Wind. "Ich habe mich zweimal für den Hof entschieden - und das ist gut so", sagt die Bäuerin so bestimmt, als gäbe es nicht mehr dazu zu sagen. Das erste Mal entschied sie sich, als sie heiratete und ihren Beruf als Krankenschwester aufgab. Das zweite Mal, als ihr Mann sich als schwul outete. Sie dreht sich um und stellt zum Schutz vor Kälte einen Strohballen vor eine Hütte mit Kälbern. Die Bäuerin verurteilt ihren Mann nicht. Aber einfach ist es für sie wohl auch nicht. Sprechen will sie darüber nicht.

Als die Kühe gemolken sind, geht Rathgeber hinüber zu dem alten Bauernhaus. Im Erdgeschoss ist eine Gaststätte. Die Rathgebers wollten sie eigentlich längst schließen, es war einfach zu viel Arbeit. Doch dann protestierte die Dorfgemeinschaft, sie könnten doch nicht die letzte Kneipe schließen. Also zapft Rathgeber Bier, wenn die Freiwillige Feuerwehr oder die Bauern sich zum Stammtisch treffen. Es ist nicht wegen des Geldes, sagt er, dafür lohnt es sich nicht. Aber ein Dorf ohne Gaststätte, das ist doch kein richtiges Dorf.

Um einen Tisch sitzen zwölf Landwirte, man duzt sich, trifft sich schon seit Jahrzehnten hier zum Stammtisch. Rathgeber serviert Bier und Weißwürste und setzt sich dazu. Die Älteren kennen ihn seit er geboren ist, die Jüngeren kennt er, seit sie geboren sind. Das Gespräch dreht sich um die Klärschlammanlage, die neben Rathgebers Hof steht und pleite sein soll. "Ach, die sollte man in die Luft sprengen", sagt einer der Bauern. "Dann fahr' ich aber vorher in Urlaub", entgegnet Rathgeber, und die Männer lachen.

Mittlerweile fühlt Rathgeber sich von den anderen Landwirten respektiert. Die Welle der Empörung ist abgeebbt. Mit der Zeit haben sich die Dorfbewohner wohl daran gewöhnt, dass an den Wochenenden nun auch sein Freund auf dem Hof wohnt. Irgendwann wurde wohl selbst die Tatsache, dass der Nachbar einen Mann liebt, als Gesprächsthema einfach langweilig. "Aber wenn ich mit meinem Partner irgendwo hinkomme, dann wissen die Leute oft nicht, wie sie mit uns umgehen sollen", sagt der Bauer.

Einige Tage später, es ist Freitag, steht ein Auto vor Rudolf Rathgebers Haus. Schon im Flur riecht es nach Kuchen. Franz-Josef Kaup wirbelt durch die Küche. Der 52-Jährige hat sich eine Schürze umgebunden, gibt Rathgeber, der gerade aus dem Stall kommt, einen Kuss, prüft den Kuchen im Ofen und gießt Wasser in die Kaffeemaschine. Kaup und Rathgeber haben sich vor sieben Jahren über eine Anzeige in einer landwirtschaftlichen Fachzeitung kennengelernt, "und an dem bin ich dann hängengeblieben", sagt Rathgeber, lächelt etwas verlegen und wird rot. "Dat war Liebe auf'n ersten Blick", sagt Kaup entschieden, stellt schwungvoll die Kanne auf den Tisch, nimmt einen Topflappen und zieht das Blech mit dem Kirschkuchen aus dem Backofen.

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SZ vom 11.06.2011/vs
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