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Historie:Wie bei Pyrrhus

Die Gartenlaube (1866) b 500

"Von und auf dem Langensalzaer Schlachtfelde. Nach Mittheilungen von Augenzeugen und nach der Natur aufgenommen von A. Sundblad": zeitgenössische Darstellung (1866) der Schlacht von Langensalza aus der Gartenlaube. Der Bericht enthält auch eine Szene des Unwillens am innerdeutschen Krieg. Ein preußischer Landwehrmann hatte auf einer Patrouille nicht auf die feindliche Soldaten geschossen, "weil mir´, entgegnete er treuherzig, ,der Hannoveraner zurief: Bruder, schieß nicht! Komm, wir wollen einmal trinken!´ Darauf hätten sie sich die Hände gereicht und mit einander getrunken."

(Foto: Public Domain/gemeinfrei)

Verwitterte Steine erinnern in Bad Langensalza an jene Schlacht, die 1866 das Ende des Deutschen Bundes einläutete.

Wenn man vom Kirchhügel im Dorf Merxleben hinüber nach Bad Langensalza schaut, kann man verstehen, warum Thüringen sich selbst als "das grüne Herz Deutschlands" preist. Knapp 40 Kilometer nordwestlich von Erfurt liegt das Tal der Unstrut, eher ein Flüsschen als ein Fluss, zwischen Merxleben und Langensalza, heute Bad Langensalza. Man sieht Felder und Wiesen, so weit das Auge reicht. Im Flusstal stehen kleine Auwälder; von jenem Ufer aus, das Langensalza zugewandt ist, zieht sich ein etwas größeres Waldstück einen lang gestreckten Hügel hinauf. Nach der Entdeckung von Schwefelquellen gab es seit 1812 am Rande dieses Waldes eine Reihe von Badehäusern; von ihnen ist so gut wie nichts mehr übrig. Den Namen Badewäldchen hat der Forst trotzdem behalten.

Was heute eine Idylle ist, war am 27. Juni 1866 ein Schlachtfeld. Auf den Hügeln um die Unstrut herum bekämpften sich die Truppen zweier Königreiche, die es heute nicht mehr gibt: Fast die gesamte Armee des Königreichs Hannover mit, je nach Zählweise, 17 000 bis 19 000 Soldaten traf auf einen preußischen Großverband, der ungefähr 9000 Mann zählte. Hannover siegte in der Schlacht bei Langensalza, und es war ein Pyrrhussieg schlimmsten Ausmaßes.

König Pyrrhus von Epirus hatte 279 v. Chr. die Römer bei Asculum im heutigen Apulien geschlagen. Sein Heer erlitt dabei so große Verluste, dass Pyrrhus danach sinngemäß gesagt haben soll: Noch so ein Sieg, und wir sind verloren. Immerhin setzte Pyrrhus nach Asculum seinen Krieg gegen die Römer noch vier weitere Jahre fort.

Ein Sieg mit maximalem Schaden: Das Königreich Hannover fällt an Preußen

Langensalza aber blieb der einzige Sieg Hannovers gegen die Preußen. Zwei Tage nach der Schlacht, am 29. Juni 1866, kapitulierte das hannoversche Heer, nachdem es von überlegenen preußischen Verbänden eingekreist worden war. Der Sieg von Langensalza läutete auch das Ende des Königreichs Hannover ein. Nachdem die Preußen den bald so genannten Deutschen Krieg mit der Schlacht bei Königgrätz im heutigen Tschechien am 3. Juli gegen Österreicher und Sachsen endgültig und nahezu triumphal für sich entschieden hatten, annektierten sie am 1. Oktober desselben Jahres das Königreich Hannover, das Kurfürstentum Hessen, das Großherzogtum Nassau sowie die Freie Stadt Frankfurt.

Sie alle lagen nördlich der Main-Linie, sie alle hatten sich im Krieg des Deutschen Bundes gegen Preußens Hegemonialbestrebungen an der Seite Österreichs gegen Berlin gewandt. Dies besiegelte ihr Schicksal; es entstand die preußische Provinz Hannover, die anderen beiden Feudalstaaten sowie Frankfurt wurden Teil der preußischen Provinz Hessen-Nassau. Die Abneigung gegen die Preußen war nach 1866 keineswegs eine exklusiv bayerische Angelegenheit - auch wenn die Bayern im Deutschen Krieg genauso auf der Verliererseite standen wie Hannover oder Sachsen.

Die Vorgeschichte jenes Tages, an dem Hannovers Artillerie vom Kirchberg in Merxleben aus auf die Preußen jenseits der Unstrut schoss, ist kompliziert und beginnt mit dem Wiener Kongress von 1815. Nachdem Napoleon die alte Ordnung Europas einschließlich des mehr und mehr zur Farce gewordenen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation umgestürzt hatte, wollten Monarchen, Fürsten und Herzöge nebst ihren Kabinetten und Kammerherren nach Napoleons Endniederlage bei Waterloo die feudalstaatliche Ordnung, soweit es nur irgend ging, wiederherstellen. Das Ergebnis war der Deutsche Bund mit dem Kaiserreich Österreich, vier deutschen Königreichen (Bayern, Sachsen, Hannover und Württemberg), dem Staat Preußen (allerdings zunächst ohne die weit östlich gelegenen Provinzen Ost- und Westpreußen) sowie etlichen Herzog- und Fürstentümern und Freien Städten.

Vieles am Deutschen Bund mutet heute skurril an; zum Beispiel zählte Großbritannien bis 1837 in gewisser Weise zu der europäischen Adelsallianz, weil die Könige von Hannover bis zu eben jenem Jahr wegen dynastischer Verquickungen in Personalunion auch Könige von Großbritannien waren. Auch der König von Dänemark war wegen seiner Herrschaft über Lauenburg und Holstein genauso Mitglied im Deutschen Bund wie der König der Niederlande, der Luxemburg und später Limburg vertrat. In den ersten Jahrzehnten war einer der tonangebenden Politiker im Bund Österreichs Kanzler Klemens von Metternich, ein Erzreaktionär, der nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819 alles verfolgen ließ, was nach Liberalität oder gar Demokratie roch.

Das Revolutionsjahr von 1848 ließ manche Hoffnungen aufkeimen, der Deutsche Bund oder mindestens wichtige Teile des Bundes könnten einen neuen Weg einschlagen - weg vom Übergewicht der Feudalordnungen, hin zu einer stärkeren Beteiligung wenn nicht des ganzen Volkes, so doch der bürgerlichen Schichten. Diese Hoffnungen waren trügerisch, trotz des politischen Frühlings mit dem Parlament in der Frankfurter Paulskirche. Truppen von Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes wurden sogar einige Male gegen Revolutionäre vor allem in Südwestdeutschland 1848 und 1849 eingesetzt. Letztlich blieb der Bund ein Garant der alten Ordnung.

Der Bund hatte auch eine eigene Militärverfassung. Die Mitglieder stellten insgesamt zehn Armeekorps, rund 300 000 Soldaten. Je drei davon waren österreichische beziehungsweise preußische Truppen; die Bayern steuerten ein Armeekorps bei. Die restlichen drei Korps kamen aus den anderen kleineren Mitgliedsstaaten und -herrschaften. Dieses "Bundesheer" allerdings war nicht mehr als eine Ansammlung höchst unterschiedlich ausgebildeter und ausgerüsteter Truppen unter uneinheitlicher Führung. Der Verlauf des Krieges von 1866 bewies dann auch, dass die Preußen in nahezu allen Belangen überlegen waren.

Für einen einzigen Tag stand Langensalza im Zentrum der Geschichte

Die letzten Jahre des Deutschen Bundes begannen, als der dänische König Friedrich VII. 1863 mit einer neuen Verfassung eine stärkere Bindung der ihm unterstehenden Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg an die dänische Krone durchsetzen wollte. Der Deutsche Bund beschloss die sogenannte Bundesexekution, also den Einsatz militärischer Mittel, gegen Dänemark. Holstein und Lauenburg sollten von Truppen aus Österreich, Preußen, Hannover und Sachsen besetzt werden. Nach einigen Monaten der Verhandlungen, aber auch mancher Uneinigkeit im Bund sowie dem Tod des dänischen Königs und der Thronbesteigung seines Nachfolgers Christian IX. marschierten zu Weihnachten 1863 Bundestruppen ohne größeren Widerstand in Holstein und Lauenburg ein. Im Januar 1864 stellten Preußen und Österreich Dänemark dann ein Ultimatum, die neue Verfassung außer Kraft zu setzen und sich aus Schleswig zurückzuziehen. Die mittleren und kleinen Staaten des Deutschen Bundes protestierten gegen dieses Vorgehen der "Supermächte"; allerdings hatten Wien und Berlin bereits zuvor erklärt, sie würden so handeln, wie sie wollten, unabhängig vom Deutschen Bund.

Im Februar 1864 griffen Preußen und Österreicher Dänemark an; den Bundestag in Frankfurt oder die Proteste von Königen und Herzögen ignorierten sie dabei. Im April 1864 fand die Entscheidungsschlacht statt; die Preußen überwanden das bedeutendste Festungswerk der Dänen nahe der Stadt Düppel, die Düppeler Schanzen. Im Mai kam es noch zu einem wiederum denkwürdigen Seegefecht vor dem damals britischen Helgoland, wo die dänische Flotte gegen preußische Schiffe sowie einen starken Verband der österreichischen Marine kämpfte. Auch das hört sich heute sehr seltsam an: die österreichische Marine bei Helgoland. Im Juli 1864 jedenfalls unterzeichneten die Dänen den Waffenstillstand.

Schon vor dem Dänemark-Krieg wurde immer deutlicher, dass die Rivalität zwischen den zwei deutschen Führungsmächten Österreich und Preußen erhebliches Konfliktpotenzial barg. Preußens König Wilhelm berief 1862 Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten. Unter Bismarck setzte sich Berlin jenes Ziel, das es mit der Ausrufung Wilhelms zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871 nach drei Kriegen erreicht hatte: die Dominanz Preußens in einem deutschen Reich ohne Österreich.

Bismarck wollte die Vormachtstellung Preußens auch durch eine Reform des Deutschen Bundes vorantreiben. Im Juni 1866 legten die Preußen einen Reformplan vor, der im Prinzip aus dem Deutschen Bund einen Bundesstaat mit einem gewählten nationalen Parlament machen sollte - allerdings ohne die k. u. k. Monarchie. Der Plan stieß nicht nur in Wien, sondern auch bei anderen Mitgliedern des Deutschen Bundes auf Skepsis und Ablehnung. Im Mittelpunkt dabei standen die Furcht vor der Übermacht Preußens und die Sorge vor allem der kleineren Staaten und Herrschaften, sie könnten in so einem preußischen Deutschland auf kurz oder lang ihre Souveränität verlieren. Genauso kam es dann auch nach 1866 und 1871.

Ebenfalls im Juni 1866 nahm Berlin eine politische Entscheidung Wiens zum Anlass, in dem seit dem dänischen Krieg von den Österreichern verwalteten Holstein einzumarschieren (die Preußen verwalteten nach 1864 Schleswig). Die Österreicher wiederum hielten Preußens Vorstoß für eine Verletzung der Statuten des Deutschen Bundes und beantragten die Mobilisierung der Bundestruppen gegen Preußen. Dies spaltete den Bund; etliche Mitglieder schlugen sich auf die Seite Preußens, andere, darunter Bayern, Sachsen und auch Hannover, stimmten für Österreich. Bismarck erklärte daraufhin, der Deutsche Bund bestehe nicht mehr, weil Österreich die Regeln für eine Bundesexekution nicht eingehalten habe. Damit hatte Preußen jenen Krieg, auf den Bismarck hingearbeitet hatte.

Dies alles gehört zum Vorlauf jenes Tages im Juni 1866, an dem Langensalza für ein paar Stunden unversehens in die Nähe des Zentrums der deutschen Geschichte rückte. Hannovers letzter König Georg V. und seine Berater wussten sehr wohl, dass ihre Armee den Preußen nicht würde standhalten können. Die Preußen wussten das auch, weswegen sie sofort Hannover und seine Ländereien besetzten, während die hannoversche Armee nach Süden auswich in der vagen Hoffnung, sich dort mit anderen Bundestruppen, den Hessen und vor allem den Bayern, vereinigen zu können. Daraus wurde nichts. Einerseits waren die Verbündeten sehr zögerlich, sie wollten in erster Linie ihre eigenen Grenzen schützen und nicht zu weit nach Norden marschieren. Während bei Waterloo die Preußen Wellington zu Hilfe gekommen waren, waren bei Langensalza die Bayern und die Hessen weit, weit weg. Zum anderen hatten die Preußen im Juni 1866 mehrere starke Armeekolonnen in Marsch gesetzt, die in jedem Fall den Hannoveranern überlegen waren. Als der Krieg begann, stand das Schicksal Hannovers fest.

Am 27. Juni hatten die preußischen Armeekolonnen die Hannoveraner in Thüringen bereits von Westen, Osten und Norden her eingeschlossen. Ein zahlenmäßig nicht so starkes Kontingent unter dem preußischen Generalmajor Eduard von Flies sollte den Abmarsch der Hannoveraner in Richtung Süden verhindern. Es rückte auf Langensalza und in Richtung der Unstrut vor. Weil die Preußen dort auf die hannoversche Armee trafen, ließ Flies angreifen. So entstand die Schlacht von Langensalza.

Ein paar verwitterte Grabsteine erinnern an das Sterben und an die Vergänglichkeit

Hannovers Infanterie drängte die Preußen unter erheblichen Verlusten aus dem Tal der Unstrut zurück und in das Badewäldchen hinein. Die Preußen waren zwar zahlenmäßig unterlegen, benutzten aber bereits ein mit Zündnadelpatronen schießendes Hinterlader-Gewehr. Mit dieser Waffe schossen die Soldaten deutlich schneller als die Hannoveraner, die fast alle noch mit Vorderladern ausgerüstet waren. Dies lässt sich auch an den Verlustzahlen erkennen. Obwohl die Hannoveraner die Preußen aus Langensalza vertrieben, sie also militärisch gesehen besiegten, hatten sie rund 400 Gefallene und etwa 1500 Verwundete zu beklagen. Bei den Preußen kamen knapp 200 Mann um, etwa 630 wurden verwundet. Man erinnere sich an Pyrrhus: Nach einem solchen Sieg gab es für Hannover nichts mehr zu gewinnen.

Von alledem ist heute nicht mehr viel zu sehen im grünen Tal der Unstrut. Bad Langensalza ist ein hübsches Fachwerkstädtchen mit einem seit Jahren geschlossenen Museum. An der Brücke über die Unstrut und oben bei der Kirche von Merxleben, die damals als Lazarett diente, stehen etwas versteckt ein paar Informationstafeln. Auf dem Merxlebener Kirchhof sieht man mehr oder weniger verwitterte Grabsteine von Hannoveranern. In einem Massengrab sind 200 von ihnen beerdigt; sie seien, heißt es auf dem Stein, "treu ihrem Könige und Vaterlande" am 27. Juni 1866 gefallen. Man blickt vom Friedhof auf den grünen Hügel, wo an jenem Tag die Kanonen eines Vaterlandes standen, das es seit Langem nicht mehr gibt und das von einem König regiert wurde, der seine Tage im Wiener Exil beschloss. Ach ja, ein paar Jahrzehnte nach dem Tag von Langensalza gab es auch das mächtige Preußen nicht mehr. Bis es allerdings so weit war, starben noch etliche Millionen.