Deutscher Kaiser Wilhelm I.:Der alte Haudegen

König Wilhelm I., 1867 Deutscher Kaiser

Regierte als König ab 1861 Preußen und wurde 1871 deutscher Kaiser: Wilhelm I. Diese Aufnahme ist 1867 entstanden.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Vier Attentate überstand Wilhelm I., gründete das hoffnungslos verspätete Deutsche Reich und kommandierte im Deutsch-Französischen Krieg die Entscheidungsschlacht. So musste ein Preuße sein: Nur Gott fürchten - und Otto von Bismarck.

Von Willi Winkler

Mit seinem getreuen Bismarck unterhielt er sich einmal über die Gegenwart, das ihm unbegreifliche Begehren des straff regierten Volkes nach mehr Freiheit oder wenigstens Mitsprache.

Bei Gelegenheit einer Bahnfahrt - Seine königliche Majestät wusste dies neumodische Transportmittel selbstverständlich zu nutzen - melancholisierte der preußische Kronprinz vor sich hin: "Ich sehe ganz genau voraus, wie alles enden wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir."

Bismarck fragte nach, fragte auf Hoffranzösisch: "Et après, Sire?", worauf der Angesprochene kühl versetzte: "Ja, après, dann sind wir tot."

Zögernder Griff nach der Krone

Wilhelm wurde dennoch König von Preußen; die Meute draußen am Opernplatz sollte nicht über die Monarchie triumphieren. Schließlich hatte er als "Kartätschenprinz" begonnen und war bei der bescheidenen Barrikadenrevolution von 1848 selbst seiner Familie so peinlich gewesen, dass sie ihn auf Dienstreise nach England schickte.

Fünf Attentate überstand der alte Haudegen in seinem langen Leben, und noch im Deutsch-Französischen Krieg befehligte er höchstselbst die Schlacht von Sedan. So musste ein Preuße sein, nur Gott fürchten und Otto von Bismarck.

Zögernd nur hatte sich Wilhelm nach dem Sieg über Frankreich zur Übernahme ganz Deutschlands überreden lassen. Diesmal hing an der Krone kein Ludergeruch einer Revolution; eher roch sie nach dem Blut, das auf den Schlachtfeldern für die deutsche Einheit vergossen wurde.

Der bayrische Ludwig musste ihm die Kaiserwürde in einem Brief antragen, den er sich königlich bezahlen ließ. (Eine ewige Schande für Bayern, aber auch wieder, wenn man die Besucher der Schlösser zusammenrechnet, eine zukunftsträchtige Investition.)

Die Franzosen mussten es dulden, dass sich ein Deutscher ausgerechnet im Spiegelsaal von Versailles zum neuen Kaiser ausrufen ließ, der dann als Kriegsbeute auch noch fünf Milliarden Francs und ganz Elsass-Lothringen kassierte.

Der Seufzer des Alten

Wie schon den Kriegseintritt, den er durch eine klassische Fälschung erzwang, bestimmte auch hier Bismarck die Richtlinien der Politik und wurde deshalb mit Tausenden von Denkmälern und einem Hering beschenkt.

Sein nomineller Herr wurde fast 91, älter als all die anderen Greise, die zum Ende des 19. Jahrhunderts in Europa herrschten.

Am 9.März 1888 teilte Bismarck den Reichstag mit, was niemanden mehr überraschte: "Es hat Gott gefallen, Seine Majestät, den Kaiser und König, unseren Allergnädigsten Herrn, nach kurzem Krankenlager heute achteinhalb Uhr morgens im 28. Jahr seiner reichgesegneten Regierung aus dieser Zeitlichkeit abzuberufen."

Der alte Soldat hatte unter seiner Frau gelitten, die ihm zu gebildet, zu musisch, zu liberal vorkam, so wie er ihr zu einfältig war. 1861 hatte er sich in Königsberg zum König gekrönt.

Sein Sohn Friedrich wäre alt genug gewesen, wesentlich liberaler und wahrscheinlich ein Segen für Preußen und für Deutschland. Das Volk, das ihn nicht mochte, gewöhnte sich im Lauf der Jahre an den langweiligen Wilhelm und sein makelloses Pflichtbewusstein.

Am Ende war der alte Soldat sogar noch populär geworden, allseits gerühmt wegen des Eifers, mit dem er Paraden abnahm, visitierte, grüßte. Mit Bismarck an seiner Seite ("Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein", soll er geseufzt haben) hatte er drei Kriege durchgestanden, das hoffnungslos verspätete Deutsche Reich begründet und alles für die kommende Großmannssucht seines Enkels vorbereitet.

Wie eine kolorierte Fotografie belegt, hatte er zuletzt noch einen Urenkel auf dem Knie wiegen dürfen, Sohn und Enkel standen dabei, und stolz schwelgte die Unterzeile in dynastischen Träumen von "4 Kaisern".

Doch ganz so schön sollte es dann doch nicht enden.

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