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Historie des Karnevals:Närrische Herrschaftskritik

Traditioneller Fasching in Mittenwald

In Oberbayern sollen nach altem Brauchtum mit viel Lärm die bösen Wintergeister ausgetrieben werden. Die Tradition von Karneval, Fasching und Fastnacht reicht mehr als 5000 Jahre zurück.

(Foto: dpa)
  • Die Geschichte von Karneval, Fasching und Fastnacht reicht mehr als 5000 Jahre zurück.
  • Die Narren namen schon immer eine besondere Rolle ein. Von den Nationalsozialisten wurden sie massiv unter Druck gesetzt, von der Stasi bespitzelt.
  • Heute dient das Narrentum oft als Opposition zur herrschenden Politik.

Von Uwe Ritzer

Die betuchten Bürgersöhne hatten genug. All die Verbote, das militärische Gehabe, der Fimmel der preußischen Besatzer für blank polierte Uniformen, in denen sie durch die Stadt stolzierten.

Gewiss, die Kölner schlugen bisweilen arg über die Stränge, was schon vorher unter Napoleons Herrschaft zu Ärger und Verboten geführt hatte. Vor allem das einfache Volk auf den Straßen trieb es ziemlich ordinär und ausschweifend, roh und rüpelhaft. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die ziemlich spaßfreie preußische Obrigkeit den Karneval verbieten würde.

Karneval als Spitze gegen die preußischen Besatzer

Disziplin und Ordnung, wie die Preußen sie verstanden, war nicht nach dem Geschmack der von Haus aus aufmüpfigen und sinnesfrohen Kölner. Also sannen die Bürgersöhne darüber nach, wie sie den Karneval in neue, geordnete Bahnen lenken und sich gleichzeitig über die preußischen Spaßverderber lustig machen könnten. Sie gründeten ein festordnendes Comité.

Man schrieb das Jahr 1823, und es wurde zum Ursprung des heutigen Kölner Karnevals: mit Rosenmontagszug und Dreigestirn, bestehend aus Prinz, Bauer und Jungfrau. Und mit allerhand Marsch- und Uniform-Tamtam. "Das war damals eine Militär-Parodie, eine Spitze gegen die preußischen Besatzer", sagt Daniela Sandner.

Die Volkskundlerin empfängt am Eingang eines alten, bunt bemalten Hauses mitten im mainfränkischen Weinstädtchen Kitzingen, dem deutschen Fastnachtsmuseum.

Besuchern wird schnell klar: Vieles von dem, was heutzutage als belangloser Klamauk auf Narrenbühnen und in Fernseh-Prunksitzungen geboten wird, hat kaum noch mit Ursprung und Wesen dessen zu tun, was im Rheinland Karneval, im Badischen Fassenacht, in Altbayern Fasching oder andernorts Fastnacht heißt.

"Wir sind hier kein Gaudimuseum"

Etwa weil echte Narren Obrigkeiten verspotten und nicht mit Orden behängen, um sich wiederum mit den Behängten zu schmücken. Weil gute Büttenredner nicht nur Zoten reißen, sondern politisch-literarische Satire betreiben. Und weil der Fastnachtsbrauch in seinem Kern neben Klamauk, Spaß und Tanz vor allem eines ist: Opposition.

"Es ist ein Urbedürfnis des Menschen, ab und zu einmal richtig aus der Haut zu fahren", sagt Hans Driesel. 75 Jahre ist er alt, ein belesener Mann, der Goethe und bekannte Büttenredner gleichermaßen aus dem Kopf rezitieren kann.

Fünf Jahrzehnte ist der Schweinfurter als Redner selbst in der Bütt gestanden oder hat als Sitzungspräsident Narrenshows moderiert, zweimal auch im ZDF. Nun ist er im Ehrenamt künstlerischer Leiter im Kitzinger Fastnachtsmuseum. "Wir sind hier kein Gaudimuseum", sagt er.

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