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Hamsterkäufe:Plötzlich fast die wertvollste Ware der Welt

Coronavirus - Göppingen

Sieht aus wie eine echte Notlage, die derzeitige Knappheit beim Klopapier ist aber wohl nur dem Nachahmerefekt und den Lieferketten bei Drogerieartikeln geschuldet.

(Foto: Tom Weller/dpa)

Leere Regale, Prügeleien im Supermarkt: Derzeit scheint Toilettenpapier das Must-have schlechthin zu sein. Warum, darauf gibt es keine klare Antwort - aber viele Erklärungen.

Während sich im Alltag viele Paare darüber streiten, ob man nun das Klopapier von hinten oder von vorne abrollt, kann man in Zeiten von Corona schon froh sein, wenn man überhaupt eine Rolle bekommt. Mal eben Toilettenpapier nachkaufen? Gar nicht so einfach, wenn man sich umsieht: Unter Hashtags wie #toiletpapergate oder #toiletpapercrisis kursieren Fotos von Menschen, die Wagenladungen voller Klopapier an die Kasse schieben. Im Februar fingen Bewaffnete in Hongkong eine Lieferung Toilettenpapier im Wert von 200 Euro ab. Auf Youtube zeigt ein Video, wie sich in einem australischen Supermarkt drei Frauen schubsen und an den Haaren ziehen, um die letzte Packung zu ergattern.

Nochmal: Die Menschen kämpfen nicht um Milch oder den letzten Laib Brot für ihre Kinder - es geht um Klopapier.

Während die einen sich deswegen prügeln und straffällig werden, tragen andere es wie die Trophäe eines urbanen Gladiatorenkampfes zur Schau: Sieger posten Selfies von sich, die Finger zum Victoryzeichen geformt, den Fuß auf der erlegten Packung abgestellt. Verlierer fotografieren sich vor leeren Regalen, mit ungläubigem Blick und nach oben erhobenen Handflächen. Rod Bower, Pater einer anglikanischen Kirchengemeinde nördlich von Sydney, appelliert auf Twitter an die Solidarität: "Jesus würde sein Klopapier teilen!"

Warum ausgerechnet Klopapier? Diese Frage stellen sich zurzeit nicht nur jene, die zu spät dran waren. Auch im Netz wird - mal mehr, mal weniger ernsthaft - nach einer Erklärung für das Phänomen gesucht. "Was wollt ihr damit? Essen? Hose draus basteln? Euch zudecken?", fragt Autor Till Böttcher im Online-Magazin noizz.de. Immerhin gebe es noch fließendes Wasser, was ohnehin hygienischer sei. Erst wenn das ausgehe, bestehe wirklich Grund zur Panik.

Aber was sagen die offiziellen Stellen zu dem Phänomen? Beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe ist Vorratshaltung durchaus erwünscht: "Unabhängig von Covid-19 empfehlen wir seit vielen Jahren in einem Vorsorgeratgeber, dass sich die Bürger Vorräte zulegen", sagt BKK-Sprecher Wahid Samimy. So könne man im Notfall die Zeit überbrücken und die Einsatzkräfte entlasten, bis die staatliche Organisationshilfe anlaufe und die Infrastruktur stehe.

So viel weiß man aus Lebenserfahrung: der Mensch ist ein Herdentier

Zwar enthält der Ratgeber neben Checklisten für Lebensmittel auch eine für Medikamente und Hygieneartikel, darunter Seife, Zahnpasta und - Toilettenpapier. Allerdings weise man darauf hin, versichert Samimy, "die Vorräte nicht auf einmal anzuschaffen, sondern sukzessive zu erweitern, so dass man sich über einen gewissen Zeitraum einen Vorrat aufbaut". Was darüber hinausgehe, sei aus fachlicher Sicht nicht sinnvoll. Den Run aufs Klopapier kann auch der BKK-Sprecher nicht erklären, jedenfalls nicht mit offiziellen Zahlen.

Ein Anruf bei der Gesellschaft für Konsumforschung bringt ebenfalls kein Licht ins Dunkel. Leider könne man dazu keine Einschätzung geben, heißt es. Offizielle Verbraucherstudien gebe es dazu nicht.

So viel aber weiß man aus Lebenserfahrung: dass der Mensch ein Herdentier ist. Im Urlaub zum Beispiel. Einer fängt an, im Hotel den besten Sonnenplatz mit seinem Handtuch zu besetzen - und verschwindet dann erstmal zum Frühstück. Es dauert nicht lange, bis die anderen (die eben noch den Kopf über so viel Würdelosigkeit schüttelten) sich plötzlich getriggert fühlen, es nachzuahmen. Nicht, dass man am Ende leer ausgeht. Die Logik dahinter: Wenn die anderen es tun, muss es einen Grund geben, dann sollte ich es besser auch tun.

Anfrage beim Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftspsychologie. Datenbasierte Belege kann man auch hier nicht vorlegen. "Von wissenschaftlicher Seite steht man derzeit vor einem Rätsel", sagt Anja Achtziger von der Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee. Doch die Professorin für Wirtschaftspsychologie geht davon aus, dass der Wirbel ums Klopapier auf ein ähnliches Imitationsverhalten wie beim Sonnenbaden im Urlaub zurückzuführen ist. "Die Leute hören in den Medien, dass andere viel Toilettenpapier kaufen. Im Job, in der Familie, unter Freunden wird ständig darüber geredet, ob und wie viel man bereits gehortet hat. Wer bis dahin keine Vorräte angelegt hat, wird nervös - und macht es dann schlichtweg nach", sagt Achtziger.

Zumal die Kaufentscheidung einfach ist, so die Wirtschaftspsychologin: "Man kauft es sowieso routinemäßig, und in Anbetracht eines möglichen Krisenszenarios nimmt man eben gleich mehr davon mit." Im Unterschied zu anderen Produkten, bei denen sich herausstellt, dass man sie umsonst gekauft hat, kann Klopapier nicht verderben und ist somit auch in in größeren Mengen kein Fehlkauf, den man hinterher bereuen könnte.

Was den vermeintlichen Kaufdruck zusätzlich erhöht: die Optik der meterlangen leeren Regale. Es ist nun mal ein Unterschied, ob 50 große Packungen Toilettenpapier fehlen oder 50 kleine Fläschchen Desinfektionsmittel. Hinzu kommt die Logistik: "Hygieneartikel werden seltener nachbestellt als Lebensmittel, weil sie normalerweise weniger nachgefragt werden", sagt Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH). Das bedeutet, dass es vielleicht erst am übernächsten Tag wieder Nachschub gibt. Oder am über-übernächsten. Ist es dann soweit, geht der Run wieder los.

Doch wie kam es überhaupt zu den ersten Hamsterkäufen von Klopapier, irgendjemand muss ja damit angefangen haben? "Oft fällt uns gerade in einer Krise auf, dass etwas so Profanes wie Toilettenpapier im Alltag unerhört wichtig und zugleich unterschätzt ist", sagt Wirtschaftspsychologin Achtziger. Die Vorstellung, über einen längeren Zeitraum hinweg ausgerechnet im Bereich Hygiene improvisieren zu müssen, führe bei einigen Leuten zu Panik.

Somit erzeugt also weniger die unmittelbare Bedrohung den Mangel, sondern die Angst davor. Die Angst vor einem Mangel, den wir erst durch unser Handeln auslösen, weil wir mehr kaufen, als wir brauchen. Wer deshalb leer ausgeht, fühlt sich spätestens jetzt beunruhigt. So wird aus den Erscheinungen einer irrationalen Angst plötzlich ein konkreter Grund zur Panik.

Und wie kommt man nun raus aus diesem Teufelskreis? Achtziger setzt hier auf Selbstkontrolle und Interventionsstrategien, die auch in Sport, Schule und Gesundheit Anwendung finden. "Wenn ich den Impuls fühle, Sachen zu hamstern, bleibe ich bewusst ruhig und entspannt", sagt die Psychologin. Alternative: "Ich mache mir bewusst, dass es für uns alle gerade besser ist, das nicht zu tun."

Geduld, Vernunft und Solidarität: gute Idee. Vielleicht sollte man sich davon gleich mal ein paar Reserven anschaffen.

© SZ
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