Graham Nash:"Ich war bloß der Freund von Joni Mitchell"

Lesezeit: 6 min

Graham Nash: Der englische Musiker und Songwriter Graham Nash bei seinem Konzert beim 28. Rudolstadt-Festival im Jahr 2018.

Der englische Musiker und Songwriter Graham Nash bei seinem Konzert beim 28. Rudolstadt-Festival im Jahr 2018.

(Foto: Imago)

Der englische Sänger und Songwriter Graham Nash spielte mit seiner Band "Crosby, Stills, Nash and Young" in Woodstock und engagierte sich gegen Atomkraft. Hier erzählt er von seiner Liebe zu Joni Mitchell, seinem Bruch mit David Crosby und seiner verschollenen Gitarre.

Von Wolfgang Luef

Mit Crosby, Stills, Nash and Young (CSNY) spielte er einst in Woodstock, viele ihrer großen Hits stammen aus seiner Feder. Graham Nash war eine Ikone der Gegenkultur der 70er-Jahre. Mittlerweile ist er 80 und geht weiterhin unermüdlich auf Solotour, gerade ist ein neues Album erschienen. Nash, der eigentlich in New York lebt, erscheint für das Gespräch irgendwo in England gut gelaunt vor dem Bildschirm. Auf seinem T-Shirt prangt ein Zitat der Bürgerrechtlerin Rosa Parks: "The only tired I was, was tired of giving in." Auf Deutsch etwa: "Ich war nie müde, ich war es nur leid, dauernd nachzugeben."

Neustart

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(Foto: Henry Diltz)

Meine Freundin Cass Elliot, Sängerin von The Mamas and The Papas, ist der Grund, warum Sie diese Zeilen hier überhaupt lesen können. Ich lernte sie in den 60er-Jahren in Los Angeles kennen, wo ich mit meiner Band The Hollies ein paar Konzerte spielte. Man nannte sie "Mama Cass", sie kannte einfach jeden in Laurel Canyon, dort in der Nähe von Santa Monica wohnten viele Musiker und Stars. Sie war damals mit David Crosby befreundet, und wusste, dass man ihn aus der Band The Byrds geworfen hatte. Und von Stephen Stills wusste sie, dass sich seine Band The Buffalo Springfield gerade aufgelöst hatte. Und als sie zu verstehen begann, dass ich mich bei den Hollies nicht mehr richtig wohlfühlte, hat sie den Sound von Crosby, Stills und Nash erfunden. Eines Tages fragt sie mich: "Hast du heute noch was vor?" Hatte ich nicht. Dann ging es los: Sie fuhr mich in ihrem Porsche Cabrio von Hollywood nach Laurel Canyon in ihr Haus. In einem Raum, in dem nur ein Plattenspieler, riesige Boxen und eine Couch standen, saß ein Mann namens David Crosby. Und fast das Erste, was er sagte, war: "Mein Kumpel Peter Tork von der Band The Monkees schmeißt eine Party, kommt doch mit. Mein Freund Stephen ist auch dort." Auf der Party angekommen, höre ich jemanden mit einem großartigen Groove Klavier spielen: Es war Stephen Stills. Wir gründeten zu dritt eine Band, der Rest ist Geschichte. Cass Elliot starb 1974. Sie fehlt mir.

Spiegelbild

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(Foto: Amy Gantham)

Das Bild zeigt einen unglaublichen Zufall. Ich war vor ein paar Jahren mit meiner Schwester und meiner Frau in Salford unterwegs, dem Vorort von Manchester, aus dem ich stamme. Und plötzlich sehen wir im Vorbeifahren an einer Wand dieses Graffito: "Hey, das bin ja ich!", rief ich. Keine Ahnung, wer das dahin gesprüht hat - aber wir mussten sofort aus dem Auto aussteigen und dieses Foto machen. Jetzt, ein paar Jahre später, passt es wunderbar zu meinem neuen Album "Live: Songs for Beginners / Wild Tales". Für diese Platte habe ich meine ersten beiden Soloalben Jahrzehnte später noch mal live vor Publikum aufgenommen. Dieses Foto wurde zum Plattencover. Es illustriert wunderbar, worum es bei dem Album geht: Hier bin ich in echt, als fast 80-Jähriger. Und das daneben bin ich in der Vorstellung der Menschen.

Freundschaft

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(Foto: Privat)

Das Foto zeigt mich als 21-Jährigen mit meiner Band The Hollies im Abbey-Road-Studio in London 1964. Ich teile mir ein Mikro mit Allan Clarke, so hat man damals Platten aufgenommen, heute wäre das unvorstellbar. Allan war mein erster Freund in der Grundschule, wir haben zusammen mit den Hollies den Durchbruch geschafft. Und wir sind bis heute befreundet. Seit 74 Jahren! Ich habe ihn gerade erst in London getroffen, weil ich auf seinem neuen Soloalbum einige Gesangsparts übernehme. Übrigens: Ich wünschte, ich wüsste, wo die Gitarre abgeblieben ist, die ich hier in der Hand halte. Es war meine erste akustische, eine Epiphone Texan. Mit ihr habe ich "Teach Your Children" geschrieben. Leider war sie irgendwann weg. Ich hatte lange den Verdacht, dass sie bei Neil Young oder Stephen Stills sein könnte, aber ich habe jede einzelne Gitarre in ihren Häusern durchgesehen. Sie ist nicht mehr aufgetaucht.

Bruch

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(Foto: Joel Bernstein. Kolorierung: Brian Porizek)

Ein Bild der Stadion-Tour von Crosby, Stills, Nash and Young im Jahr 1974 in Oakland. Ich denke oft und gerne an diese Zeit zurück, aber für mich ist das Vergangenheit. Ich habe keinen Kontakt mehr zu David Crosby und wünsche mir das auch nicht. Ich verstehe, dass viele davon träumen, dass wir noch einmal zusammen spielen. Aber dafür müssen wir eine Verbindung haben, sonst funktioniert es nicht. Und diese Verbindung haben wir einfach verloren. Ob sie wiederkommen kann? Es sieht nicht danach aus. Aber das sah schon in der Vergangenheit oft nicht danach aus, und dann passierte es trotzdem. Wenn etwa Neil Young mit vier neuen Songs um die Ecke kommt und mir damit das Herz bricht, weiß ich: Da will ich mitmachen. Wir sind eben Musiker, es muss immer mit neuer Musik beginnen. Von mir wird es aber nicht ausgehen: Die Stücke, die ich schreibe, kommen auf mein nächstes Soloalbum.

Große Liebe

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(Foto: Graham Nash)

Das ist eines der ersten Fotos, die ich von Joni Mitchell gemacht habe. Das muss in London gewesen sein, etwa 1967. Ich fand diesen Baum toll, und wollte eine Doppelbelichtung machen. Damals waren wir ein Paar, und ich denke daran gerne zurück: Die Menschen sagten, wenn Joni und ich einen Raum betraten, wurde es heller. Es gibt auch einen Teil in meinem Herzen, der noch immer verliebt in sie ist. Der bitter bereut, dass wir damals nicht geheiratet haben. Wenn man dieser Frau nahe kommen darf, wenn man sie einmal geliebt hat, wenn man gesehen hat, wie sie Lieder schreibt, und wie sie Kunst macht, dann bleibt da etwas zurück. Sie ist ein wunderbarer Mensch und Künstler. Ich bin so froh, dass wir bis heute befreundet sind.

Auftritt

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(Foto: Joel Bernstein)

Das ist der Backstage-Bereich des "Roxy", ein Club am Sunset Strip in Los Angeles. Im September 1973 hatte Neil Young dort ein Konzert gegeben, und die Band, die seine Vorgruppe sein sollte, hatte sehr kurzfristig abgesagt. Also hat Elliot Roberts, der damals mich und Neil Young managte, spontan gefragt, ob ich einspringen will. Ich habe sofort Ja gesagt. Das Bild ist direkt vor meinem Auftritt entstanden: Wie man sieht, möchte Neil den Joint wiederhaben, den wir uns hier gerade teilen. Links im Bild ist übrigens Tom Drummond, einer der besten Bassisten der Welt. Und der da über meine Schulter lugt, ist der legendäre Produzent David Briggs.

Mut

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(Foto: Graham Nash)

Bob Dylan und Johnny Cash im Jahr 1969: Ihr berühmtes Duett in der Johnny-Cash-Show kennt wohl jeder. Das hier ist die Generalprobe am Abend davor. Ich weiß noch, wie nervös ich war, als ich das Foto machte. Niemand kannte mich, für die meisten war ich bloß der Freund von Joni Mitchell, die auch in der Show auftrat. Wenn dich keiner kennt, brauchst du ganz schön viel Mut, um einfach aufzustehen, zur Bühne zu gehen und Dylan und Cash zu fotografieren. Ich habe gezittert! Das Negativ zu diesem Bild habe ich leider beim Entwickeln am Fensterbrett liegen lassen, wo es vom Regen nass wurde. Aber der Wasserschaden macht das Bild eigentlich noch interessanter.

Protest

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(Foto: Peter Simon)

Das war mein Auftritt bei der "No Nukes"-Benefizshow 1979 in Washington, D.C. Wenn ich mir diese Fotos ansehe, muss ich daran denken, dass es immer noch wahr ist, was wir den Leuten damals gesagt haben: Mit Atomkraft riskieren wir einen Waldbrand, obwohl wir nur ein Ei kochen wollen. Niemand weiß, was mit dem Atommüll passieren soll. Das Uran wird unter fürchterlichen Bedingungen gefördert. Und da habe ich noch nicht mal über Atomwaffen gesprochen. Gerade mit dem schrecklichen Krieg in der Ukraine wird mir klar, wie viele Parallelen es immer noch gibt zu damals, als wir diese Konzerte spielten. Vielleicht wäre es wieder an der Zeit, so etwas zu organisieren.

Versuch

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(Foto: Joel Bernstein)

Das ist Jerry Garcia, der Kopf von The Grateful Dead. Wir proben gerade für einen Auftritt, den wir gemeinsam mit David Crosby absolviert haben. Das war im Berkeley Community College, man sieht es an den Schultafeln im Hintergrund. Jerry, ein begnadeter Musiker, ist für den Sound eines der großen CSNY-Hits mitverantwortlich: "Teach your Children". Wir waren gerade in den Aufnahmen der Platte "Deja Vu", als Stephen Stills sagte: "Ich habe schon so viele Gitarren-Solos auf dem Album, lass uns für 'Teach your Children' etwas anderes probieren." David Crosby meinte: "Es klingt wie ein Countrysong, lass uns doch eine Pedal-Steel-Gitarre probieren." Gut. Aber woher nehmen wir einen Pedal-Steel-Spieler? Dann erzählte David, dass sein Freund Jerry vor ein paar Wochen gelernt hatte, Pedal-Steel zu spielen. Und ich sagte, "Okay, hol ihn ins Studio, und wir probieren es." Jerry Garcia hat sich das Lied angehört, und einen einzigen Take dazu gespielt. Es war fantastisch. Nachher meinte er: "Darf ich noch einen Versuch machen? Zwei Stellen würde ich gerne anders spielen." Und ich sagte: "Klar. Mach einen zweiten Take. Aber du kannst es dir auch sparen. Ich nehme den ersten." Es war einfach perfekt. Hören Sie sich das Lied noch mal an: Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass er erst vor Kurzem gelernt hatte, das Instrument zu spielen.

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