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Gewalt gegen Frauen:Veränderung fängt bei jedem Einzelnen an

Häusliche Gewalt
(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Ein großer Teil der Gewalt, die Frauen erfahren, wird vom eigenen Partner ausgeübt. Daran wird sich erst etwas ändern, wenn Frauen und Männer ihr gemeinsames Leben absichtlich entgegen den bestehenden Abhängigkeiten gestalten.

Kommentar von Meredith Haaf

Das Heim als Ort von Rückzug und Erholung ist ein Privileg, das vor allem Männer genießen oder Frauen, die entweder ohne Partner leben oder mit einem, der sie nicht angreift. Ein Beispiel: Von mehr als 172 000 "einfachen vorsätzlichen Körperverletzungen", die auf Frauen im Jahr 2019 einhagelten, kamen knapp 70 000 von dem Menschen, mit dem sie verheiratet sind oder zusammenleben. Während es draußen für Männer gefährlicher ist, weil sie insgesamt viel häufiger geschlagen, entführt, getötet werden, werden Frauen auf der ganzen Welt eher in ihren Familien bedroht, unterdrückt, misshandelt. Ein Drittel weniger Frauen wären in Deutschland Opfer von Gewalt, hörten zumindest ihre Partner, Väter oder Brüder damit auf.

Normalerweise gibt es für diese Tatsache immer genau einmal im Jahr viel Aufmerksamkeit, wenn am 25. November der weltweite Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen begangen wird. In diesem Jahr, in dem Menschen zugunsten der Ansteckungsbekämpfung so wenig wie möglich die eigenen vier Wände verlassen, ist das etwas anders gewesen. Im Zusammenhang mit den Corona-Maßnahmen haben viele europäische Regierungen Mittel in Sensibilisierungskampagnen und Hilfstelefone gesteckt. Aktuell ist sogar eine EU-weite Hotline für Opfer häuslicher Gewalt geplant.

Solche Einrichtungen können in akuten Fällen erste Hilfe bieten. Kampagnen signalisieren einer Gesellschaft, dass bestimmtes Verhalten falsch ist und sanktioniert wird. Aber die vielen, vor allem männlichen Menschen, die sich jeden Tag entscheiden, Gewalt auszuüben, hindert das nicht. Das merkt man unter anderem daran, dass die Zahlen seit Jahren stagnieren, teilweise sogar steigen - so wie es viele Expertinnen und Aktivistinnen für dieses Jahr vermuten.

Die Pandemie wirft Frauen zusätzlich zurück

Ein Grund dafür ist strukturell: Die Abhängigkeit, in der viele Frauen finanziell und räumlich leben, ermöglicht Macht- und damit Gewaltverhältnisse. In diesem Jahr hat sie sich in vielen Beziehungen verschärft. Seit Beginn der Pandemie ist die Frauenarbeitslosigkeit gestiegen, der Anteil der Neueinstellungen von Frauen zurückgegangen; in den Familien reduzierten überwiegend Mütter ihre Arbeitszeit und damit ihr Einkommen, um Kinder betreuen zu können. Weil sie aber auch häufig im Pflege- und Dienstleistungsbereich tätig sind, sind Frauen beruflich zugleich besonders infektionsgefährdet.

Die Pandemie wirft Frauen also überall und vermutlich langfristig deutlich zurück. Aber, wenn man ehrlich ist: So weit waren sie auch vorher nicht. Und das ist nicht nur das Ergebnis struktureller Mängel, sondern oft genug auch privater Entscheidungen, die sich nicht einfach nur mit äußeren Zwängen rechtfertigen lassen. Wie sehr das private Arrangement - "Na logisch gehst du weiter ins Büro, ich mach die Kinder" - auch politisch ist, müsste jeder Familie spätestens seit März klar geworden sein. Auch die Entscheidung, die Frau, die man angeblich liebt, zu schütteln, wenn sie nervt, oder sich den Sex von ihr zu nehmen, den man gerade will, wird jedes Mal individuell getroffen und schafft politische Realität.

Man kann diese Probleme strukturell analysieren, man kann mehr Mittel und strengere Gesetze fordern, um sie zu bekämpfen. Und vielleicht endlich genügend Frauenhäuser einrichten. Wirklich ändern wird sich erst etwas, wenn Frauen und Männer ihr Leben miteinander selbst absichtsvoll gegen die bestehenden Abhängigkeiten gestalten: Die Struktur, das ist auch jeder Einzelne.

© SZ/hij
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