bedeckt München

Fertighäuser von Ikea:Und jetzt das ganze Haus

Ikea gibt sich nicht länger mit Möbeln zufrieden. Mit dem Angebot an Fertighäusern zielt der Konzern auf Verbraucher mit schmalem Budget. Doch der Baustil ist umstritten.

G. Herrmann, S.Weber und M. Widmann

Millionen Deutsche hantieren mehr oder weniger glücklich mit Gebrauchsanweisung und dem zweifach gebogenen Inbus-Schlüssel. Ikea ist überall, aber immer noch nicht satt. Jetzt bringt der schwedische Einrichtungsanbieter das erste Ikea-Haus nach Deutschland. Die Branche freut sich. Nur einige Lokalpolitiker im Hessischen sind todunglücklich.

Der Putz ist nur Fassade: Die Ikea-Fertighäuser sind aus Holz.

(Foto: Foto: BoKlok AB, Sweden)

So leben die Schweden: in Holzhäusern mit weißen Fensterrahmen, Walmdächern und Obstgärten drumherum, in denen ständig Kinder spielen - könnte meinen, wer Astrid Lindgren gelesen hat. In Wirklichkeit hat der architektonische Alltag in Stockholm oder Göteborg mit der Idylle von Bullerbü so viel gemein wie Plattenbau mit einer Bergbauernalm. Die nordische Wohnkultur ist sehr viel schlichter, vor allem praktisch und häufig schmucklos.

Die alte Ikea-Romantik ist verblasst

Das werden die Deutschen bald näher kennen lernen, denn der schwedische Ikea-Konzern, der auch in Deutschland Lebenskultur geschrieben hat, erweitert sein Sortiment: Neben Billy-Regalen, Klippan-Sofas und Faktum-Küchen verkauft der Einrichtungsspezialist in Deutschland ab März auch Reihenhäuser und Wohnungen. Vermarktet werden die Immobilien unter dem Namen Boklok, was so viel heißt wie: "Wohne clever".

Unter dieser Marke vertreibt Ikea gemeinsam mit dem schwedischen Baukonzern Skanska bereits seit den neunziger Jahren Fertighäuser. Nach Dänemark, Norwegen und Großbritannien hat das Unternehmen diese Idee bereits exportiert und dort mehrere tausend Gebäude verkauft. Und jetzt Deutschland.

Partner ist der hessische Fertighausproduzent Bien-Zenker, der pro Jahr etwa 750 Häuser herstellt und damit einer der führenden Anbieter in der Branche ist. Bis zum Jahresende sollen bundesweit zunächst 60 Reihenhäuser und zweigeschossige Mehrfamilienhäuser mit 20 Wohnungen der Marke entstehen; für später sind deutlich höhere Stückzahlen geplant.

"Die Leute rennen uns schon jetzt, mehr als zwei Wochen vor Beginn der offiziellen Vermarktung, die Türe ein", sagt Philipp Mühlbauer, Vorstand bei Bien-Zenker. Die ersten Projekte sind in der Rhein-Main-Region geplant.

Der Ansturm ist da, die alte Ikea-Romantik verblasst. Inbus-Schlüssel braucht der Hausbesitzer nicht, und sein neues Domizil kommt auch nicht auf dem Lastwagen mit Überbreite aus dem hohen Norden. Die Häuser werden ausschließlich in Siedlungen gebaut und sind nur samt Grundstück schlüsselfertig zu erwerben - allerdings ohne Möbel.

Rund 180.000 Euro soll ein etwa 100 Quadratmeter großes Ikea-Haus kosten - ohne Keller, aber inklusive Grundstückskosten. Dieser Preis ist nach Einschätzung von Immobilienfachleuten zwar kein Schnäppchen. Dennoch zielen die Schweden mit ihrem Angebot vor allem auf junge Familien und Alleinerziehende mit schmalem Budget.

Die Fertighausbranche kann neue Kunden gut gebrauchen. Die mittelständisch strukturierte Branche steckt in der Krise. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland nur etwa 6800 Häuser verkauft - in den neunziger Jahren waren es fast dreimal so viele gewesen. Dieser Absturz hat weniger damit zu tun, dass die Bundesbürger ihre eigenen vier Wände lieber Stein auf Stein gemauert hätten. Im Gegenteil: Wenn sie überhaupt noch bauen, dann sogar zu einem wachsenden Prozentsatz Fertighäuser, die oft mit einer guten Energiebilanz aufwarten. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz war zuletzt jedes vierte neugebaute Heim ein Fertighaus. Dafür investierten die Bauherrn nicht selten mehrere hunderttausend Euro.

Auf der nächsten Seite: Wie das typisch skandinavische Design für den deutschen Markt verändert wird - und warum es trotzdem nicht jedem gefällt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema