Rollenspiele Warum Verkleiden uns zu besseren Menschen macht

Bereit, alle Angreifer abzuwehren: Beim Fantasiespiel können Kinder andere Rollen ausprobieren.

(Foto: mauritius images)

Studien legen nahe, dass Rollenspiele die soziale Entwicklung von Kindern fördern. Dabei geht es mehr um Fantasie als das perfekte Kostüm.

Von Georg Cadeggianini

Für Kindergartenkinder zum Beispiel ist ein alter Kfz-Verbandskasten ideal: "Bitte sehr. Zum Spielen!" Dann dauert es oft nur ein paar Minuten, und die Kinder sind Ärztin und Schwerverletzter, kindliche Kaiserin (goldene Rettungsdecke) oder Kuh (aufgeblasener Gummihandschuh), Schneeflocke (Mullbinden), Feuerwehrhauptfrau mit Schlauch (Mullbinden) oder Mumie (Mullbinden) - in den Augenhöhlen rot blinkende Fahrradlichter.

Kinder sind Verkleidungsprofis - das ganze Jahr über und natürlich auch jetzt wieder zu Fasching. Was passiert da? Woher kommt das? Was macht es so attraktiv?

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Verkleiden ist zunächst mal eine ziemlich clevere Antwort auf eine ziemlich fiese Kränkung: Wir werden als Menschen zwar mit einem schier unendlichen Vorrat an Möglichkeiten geboren, könnten nahezu alles sein und werden - sind dann aber dazu verdammt, mehr oder weniger genau eine Identität zu leben. Die Antwort des Verkleidens: Mir doch egal! Ich tue einfach so, als ob ich jemand anders wäre.

Beim Rollenspiel können Kinder sich ausprobieren

Treibende Kraft dahinter ist die Neugierde. "Kinder lernen am meisten und am besten durch Nachahmung", erklärt die Therapeutin Eva Orinsky. Im Spiel können sie naheliegende Rollen ausprobieren (Vater-Mutter-Kind), unrealistische (Kuh, Trump) und Klischees (Prinzessin, Cowboy). "Verkleidet als Prinzessin fühle ich mich vielleicht zum ersten Mal als etwas Besonderes, was mir im Alltag zwischen meinen beiden Geschwistern und meinen überlasteten Eltern nicht so gelingt", sagt Orinsky. "Wenn ich sonst ein braver Junge sein muss, kann ich als Cowboy endlich mal wild rumballern. Ich spüre meine unterdrückte Kraft und Aggression und erlebe mich machtvoll statt wie sonst oft ohnmächtig und den Ansprüchen meiner ängstlichen Eltern untergeordnet." Im Alter von etwa zwei bis fünf Jahren, der Zeit des magischen Denkens, in der die Grenzen zwischen Fantasie und Realität verwischen, ist die Lust am Verkleiden am größten und das Spiel am hemmungslosesten: Wie fühlt sich das an, jemand ganz anderes zu sein? Wie reagieren die anderen dann auf mich? Verkleiden ist die vielleicht krasseste Form des Embodiments.

Eva Orinsky setzt das sogar als eigene Therapieform ein, die sogenannte IFS-Therapie, Internal Family System. Darunter versteht man die Arbeit mit inneren Anteilen. Kinder, die von der Erwachsenenwelt abgestempelt werden ("Du bist so aggressiv/faul/besserwisserisch"), entlaste es ungemein, sagt Orinsky, sich dieses innere Figurenkabinett gegenüberzustellen: "Da gibt es wohl einen Teil in mir, der wird schnell wütend, ist übervorsichtig oder erschöpft."

Die Sehnsucht nach dem Anderssein, nach der Erholung von dem ewigen Ich, ist dem Menschen schon immer mitgegeben. Mit den Saturnalien etwa haben bereits die alten Römer eine Art Karnevalsvorläufer eingeführt: Standesunterschiede wurden aufgehoben, Toga und Tunika vertauscht, die Sklaven plötzlich bedient.

Ganz wichtig dabei ist der Rahmen. Die Saturnalien hatten einen festgeschriebenen Zeitraum, bei den Kindern ist es der geschützte Raum des Spiels. Die Leitplanken dessen, was als tolerierbares Verhalten gilt, werden in diesem Rahmen neu verlegt. Und falls jemand doch über die Stränge schlägt, kommt er per Exitcode ohne großen Gesichtsverlust jederzeit wieder raus: "War doch bloß Spiel!" Früher vielleicht: "Sind doch Saturnalien!"

Macht das Fantasiespiel unsere Kinder zu Sozial-Cracks?

An der Uni Konstanz und der Pädagogischen Hochschule Thurgau erforscht die Schweizer Psychologin Sonja Perren das Fantasiespiel von Kindergartenkindern. Sie hat eine lange Fragenliste mit Qualitätskriterien für das Fantasiespiel erarbeitet: Kommt es zur Objektsubstitution (Banane für Telefon), Fantasietransformation (Telefonieren ganz ohne Telefon)? Wie lange halten die Kinder eine Rolle aufrecht? Wie viele Sequenzen spielen sie? Wie variabel? Ist das Spiel auf andere Kinder bezogen? Ein Zwischenergebnis: Kinder, die in dem "Als-ob-Spiel", wie Perren es nennt, gut sind, können besser andere Perspektiven einnehmen, Gefühle anderer benennen. Sie haben bessere Beziehungen zu den anderen Kindern. Sie sind beliebter.

Macht der Tausendsassa Fantasiespiel unsere Kinder zu Sozial-Cracks? Das sei noch nicht ausgemacht, sagt Perren. "Unklar ist, was Ursache, was Wirkung ist." Sind sie zunächst sozial kompetentere Kinder und entwickeln sich deswegen zu besseren Rollenspielern? Oder ist es tatsächlich umgekehrt, dass mit jedem Fantasiespiel die Kinder die Gefühle anderer besser einschätzen können, mehr Freunde finden? Es spreche einiges dafür, sagt Perren.

Ist das Buckelwal-Kostüm also die neue musikalische Früherziehung? Die perfekte Primaballerina-Outfit ein guter Dienst an der sozialen Entwicklung des Kindes? Moment, meint Perren, um Perfektion gehe es dabei nie. "Wenn ich tatsächlich genau die Kleidung von dem anziehe, was ich darstellen will - ist das dann überhaupt noch Verkleiden? Die Kunst des So-tun-als-ob-Spiels besteht gerade darin, nicht perfekte Verkleidungen nach der eigenen Fantasie zu definieren."

Nachahmung ist die entscheidende Lernmethode in der Entwicklung des Menschen. Kindern den Spaß und Zugang zum eigenen Fantasiespiel zu erleichtern, heißt also, es ihnen vorzumachen. Verkleiden, Schminken, Rollen tauschen - ist ja schließlich Faschingszeit. "Man kann sich anders benehmen als sonst. Das macht Spaß - Erwachsenen wie Kindern", sagt Perren. Mit einem Unterschied: Während Erwachsene den Karneval als Befreiung von sozialen Regeln verstehen (durchmachen, saufen, fremdknutschen), loten die kleinen Robin Hoods und Feen mit dem Verkleiden auch das andere Ende der Fahnenstange aus: "Man kann sich", sagt Perren, "in einer fremden Rolle auch besser benehmen als sonst."

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