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Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer:Rudi Hammer: Zwischen Erschöpfung und Pflichtgefühl

Als Rudi Hammer zum ersten Mal in der Nacht aufwachte und nur schwer wieder einschlafen konnte, dachte er sich noch nichts dabei. Doch irgendwann vergingen immer mehr Nächte, in denen er sich über organisatorische Dinge den Kopf zerbrach: Wie intensiv muss man Flüchtlinge betreuen, ohne, dass sie ihre Selbständigkeit verlieren? Brauchen wir eine Kleiderkammer? Hammer kam nicht zur Ruhe und wusste, dass etwas nicht stimmte.

Im vergangenen Jahr hat er in München-Aubing gemeinsam mit vier weiteren Ehrenamtlichen den Helferkreis Mainaustraße gegründet und übernahm die Verantwortung für einen der großen Arbeitsbereiche - Ressourcen und Organisation. Er erzählt, wie sehr ihn die Flüchtlingshilfe bereicherte - aber auch von der Belastung. Die Arbeit drohte, ihn irgendwann aufzufressen: Öffentlichkeitsarbeit, Finanzen, Mitgliederverwaltung, Kleiderkammer, Behörden- und Arztbegleitungen, Helferkreistreffen, Gespräche mit Sponsoren und Personalprobleme im Helferkreis.

Das Abgeben fällt schwer

Mit zusammengefalteten Händen sitzt der 68-Jährige in seiner Wohnung am Esstisch. Ein Mann, dem Ordnung und Struktur wichtig ist. Hinter ihm steht auf dem Kamin sein Aktenkoffer, darauf fein säuberlich Handy neben Geldbeutel. Vor ihm auf dem Tisch liegt eine Mappe mit Stichworten, die er sich im Voraus notiert hat. Hammer will nichts vergessen, nichts beschönigen, aber auch nichts dramatischer darstellen, als es war.

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"Immer öfter hatte ich das Gefühl, ich würde den berühmten Stein des Sisyphos den Berg hinauf rollen", sagt Hammer. Nach Gesprächen mit seiner Frau und auch mit einem Arzt wird ihm bewusst, dass er dieser Belastung nicht mehr länger standhält. Etwas musste sich ändern.

Dieses Eingeständnis aber, an Grenzen zu stoßen, sei in unserer Leistungsgesellschaft besonders schwer, sagt Hammer. Eine Ehrenamtliche in seiner Arbeitsgruppe war schließlich bereit, einige Aufgaben zu übernehmen. Das Loslassen fiel Hammer schwer: "Man hat ja etwas mitgeschaffen, auf das man stolz ist. Das abzugeben, ist nicht so einfach."

Als die große Wanduhr zur vollen Stunde schlägt, blickt Hammer auf seine Armbanduhr und rutscht mit seinem Stuhl ein wenig zurück: Der nächste Termin wartet.