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Diskussion um frühe Kitaplätze:Nicht den Blick für das Wichtigste verlieren

Mir ist bewusst, dass der Kita-Ausbau aus der Sicht vieler Eltern keinen Aufschub duldet. Aber ich bitte die Eltern dringend darum, nicht den Blick für das Wichtigste zu verlieren: die Qualität der Betreuung und die Lebenssituation jedes einzelnen Kindes. Politiker können das nicht leisten, weil sie Kinderbetreuung kaum aus der Perspektive des Kindes sehen; die Pädagogen können es nicht, weil sie sonst ihren Job riskieren. Es bleiben also nur die Eltern, die sich für ihre Kinder einsetzen können. Nicht nur heute oder morgen, sondern jeden einzelnen Tag, den ihr Kind in einer Kita verbringt.

Eltern fragen mich oft, ob es gut für ihr Kind ist, fünf bis acht Stunden im Kindergarten zu bleiben. Die Antwort hängt vollkommen von der Qualität der Einrichtung und dem Engagement der Betreuer ab. Eine Krippe oder ein Kindergarten ist ein komplexes soziales System: Die Kinder können nicht wählen, mit welchen Kindern sie zusammen spielen, essen oder entspannen. Genauso wenig können sie sich aussuchen, mit welchem Erwachsenen sie zusammen sein wollen.

Ein Krieg ohne Gewinner

Ein anderer und vielleicht der wichtigste Aspekt: In einer Gesellschaft, in der Kinder den Großteil des Tages mit professionellen Betreuern verbringen, haben diese Menschen und deren Arbeitgeber eine wesentlich größere Verantwortung für die persönliche und soziale Entwicklung jedes einzelnen Kindes. Diese Verantwortung muss mit den Eltern geteilt werden. Aber keine der in Frage kommenden Ausbildungswege bereitet die Betreuungspersonen auf diese zentrale Aufgabe vor.

Für jedes Kind, das in eine Kita kommt, verdoppelt sich plötzlich das Netzwerk an Bezugspersonen, die Lebensqualität des Kindes hängt dann von der Fähigkeit der Betreuer zur Zusammenarbeit ab. Das ist anstrengend für viele Kinder. Nicht unbedingt schädlich, aber so anstrengend, dass es wichtig ist, dass die Erwachsenen sich untereinander gut abstimmen, um das abzufangen.

Ein Viertel der Jungen in dänischen Kindergärten fühlen sich nicht wohl. Das liegt nicht daran, dass sie keine "guten" Jungs sind. Es liegt daran, dass sich ihre Bezugspersonen im Kindergarten beschämend unprofessionell verhalten. Deshalb muss eine regelmäßige, professionelle Kontrolle integraler Bestandteil eines qualitativ guten Betreuungskonzepts sein.

Zurzeit tobt ein hässlicher Krieg zwischen Eltern, die ihre Kinder in Kitas schicken möchten oder müssen, und jenen, die ihre Kinder lieber zu Hause betreuen wollen. Beiden Seiten möchte ich sagen: Das ist ein Krieg ohne Gewinner.

Irgendwann wird vielleicht der Zeitpunkt kommen, an dem Ihre Kinder dann über die Zukunft der eigenen Kinder entscheiden werden. Sollten Sie heute ein bestimmtes Betreuungsmodell als das einzig wahre zementieren, könnte das wieder auf Sie zurückfallen. Spätestens, wenn Sie einmal Großeltern sind und Ihre Kinder ihren eigenen Willen haben.

Der Däne Jesper Juul, 64, hat als Erziehungswissenschaftler 40 Jahre lang mit Kitas in Skandinavien zusammengearbeitet.