Kolumne: Vor Gericht:Der Corona-Millionär

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(Foto: Steffen Mackert)

Kemal C. wurde mit Covid-Tests reich. Ist er ein Betrüger - oder nur ein Unternehmer, der eine Gelegenheit erkannte?

Von Verena Mayer

Auf die Frage, warum Verbrechen begangen werden, gibt es eine banale Antwort. Es geht meistens um Geld. Taten wie Betrug, Diebstahl und Raub machen den größten Teil aller Delikte aus. Aufschlussreicher ist die Frage, wie diese Verbrechen begangen werden. Ob jemand Menschen auf der Straße überfällt oder andere um ihr Erspartes bringt. Oder ob einer einfach dort Geld nimmt, wo es in unendlicher Menge vorhanden zu sein scheint.

In diese Gruppe gehört Kemal C. Er ist ein hibbeliger Mittvierziger im schwarzen Poloshirt und einer dieser Menschen, die überall Möglichkeiten für ihr Business sehen. Würde er nicht wegen Betrugs auf der Anklagebank sitzen, müsste man sagen, er ist ein Entrepreneur.

Denn C. hat das gemacht, was in Management-Ratgebern steht: Er hat die Krise als Chance gesehen. Die Krise war die Pandemie. Seine Chance war, dass die Leute sich auf Corona testen lassen mussten und es dafür Testzentren brauchte. C. hatte die Räume dafür, er besitzt in Berlin mehrere Spätkauf-Läden. Die Genehmigungen bekam er online bei der Gesundheitsverwaltung. Er musste nur ein paar Felder ausfüllen.

C. stellte in seinen Läden Tische und Stühle auf und besorgte Testkits und Kittel für die Tester. Die Leute müssen in Massen gekommen sein, zumindest wenn es nach den Summen geht, die C. bei der Kassenärztlichen Vereinigung geltend machte, mit der man die Corona-Tests abrechnet. Sie überwies in zehn Monaten 9,6 Millionen Euro. Ein Teil des Geldes ist nicht mehr auffindbar.

Die Unterlagen für die Abrechnung verbrannte er im Hinterhof

Vor Gericht ist die Frage, ob diese Tests wirklich durchgeführt wurden oder ob es sie nur auf dem Papier gab, wie die Staatsanwaltschaft vermutet.

Kemal C. sagt: Alles sei in Ordnung gewesen. Er habe seine "Patienten", wie er sagt, Datenblätter ausfüllen lassen und auf dieser Grundlage abgerechnet. Er habe sogar den Datenschutz beachtet. Weil er die Formulare seiner Patienten nicht länger als zwei Wochen aufheben durfte, habe er sie nach Ablauf der Frist vorsorglich im Hinterhof verbrannt.

Ein Mann, der in einem seiner Läden arbeitete, sagt: Es habe schon Leute gegeben, die sich testen lassen wollten, aber nicht viele. Die Schlangen hätten vor der Apotheke nebenan gestanden. Das fiel auch der Polizei auf, als sie im vergangenen Jahr mal zur Kontrolle vorbeischaute. C. wurde verhaftet.

Aber ist er auch ein Verbrecher? Sein Verteidiger sagt: Unabhängig davon, was der Prozess ergebe - versagt habe hier der Staat. Die meisten Testzentren seien ohne Prüfung genehmigt, das Geld für die Tests einfach irgendwelchen Leuten ausbezahlt worden. Das sei genauso, als würde jemand auf der Straße Geld wegwerfen und sich dann beschweren, wenn es jemand aufhebt.

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