Kolumne: Vor Gericht: "Ich brauche es kyrillisch"

Lesezeit: 2 min

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(Foto: Steffen Mackert)

Ein Georgier steht wegen Diebstahls vor Gericht. Er redet viel, die Dolmetscherin auch - und erst nach einer Weile stellt sich heraus: Sie verstehen sich gar nicht.

Von Ronen Steinke

Die Muttersprache des älteren Herrn im Kapuzenpullover, der gerade zur Tür hereingeführt wird in einen kleinen Gerichtsraum, ist Georgisch. Er ist Georgier. Er soll in einem Kaufland in Berlin 13 Packungen Ginkgo-Kapseln für insgesamt 64,87 Euro gestohlen haben, mutmaßlich zum Verhökern auf dem Schwarzmarkt. Ob das so stimmt, könnte man ihn jetzt fragen. Wenn man Georgisch spräche.

Aber das tut in diesem Saal leider niemand, auf dem Stuhl neben ihm wartet eine Gerichtsdolmetscherin, die lediglich Russisch spricht. Dolmetscherinnen für Georgisch seien halt schwierig zu bekommen, sagt der Richter, der sie bestellt hat, entschuldigend. Stattdessen dolmetscht die Frau jetzt seine Fragen ins Russische. Georgisch und Russisch sind nicht verwandt.

Es gibt viel zu besprechen, der Richter beginnt. Und auch die Dolmetscherin, eine elegante Erscheinung: redet und redet. Erst als sie einmal an den Georgier eine Frage richtet, stellt sich heraus: Niemand versteht, was er antwortet. Versteht er überhaupt, was hier gesprochen wird? Also bittet die Dolmetscherin den Georgier, seine Antwort auf ein Blatt Papier zu schreiben.

Der Georgier schreibt. Dann guckt die Dolmetscherin das Papier an. Dann den Richter. Sie sagt: Sorry, das kann ich nicht lesen. Diese georgischen Buchstaben, knubbelig und rund, seien speziell. "Ich brauche es kyrillisch." Der Richter guckt sie an, seufzt, fährt dann aber fort. Dann eben ohne eine Antwort des Georgiers.

Je fremder die Sprache und Kultur, desto leichter können Zwischentöne verlorengehen

So kann's gehen. Gute Dolmetscher sind begehrt. Es ist eine hohe Kunst. Besonders bei Gericht, wo Aussagen manchmal wirr und unlogisch sein können - und dann genauso wirr und unlogisch übersetzt werden müssen. Je fremder die Sprache und Kultur des Beschuldigten, desto leichter können dabei auch Zwischentöne verlorengehen. Am Ruanda-Tribunal der Vereinten Nationen erzählte früher ein Richter, Wolfgang Schomburg, selbstkritisch von seinem "Unwohlsein", wenn er Angeklagte befrage. "Der kulturelle Kontext, die Körpersprache der ruandischen Zeugen": Vieles von dem, worauf er als Richter seine Einschätzung der Glaubwürdigkeit stütze, bleibe ihm als Außenseiter letztlich verschlossen.

Georgisch. Russisch. Welcher deutsche Richter kennt sich da schon aus? Irgendwann wird der ältere Herr, der sich wegen der Gingko-Kapseln verantworten soll, unruhig. Er fällt der Dolmetscherin ins Wort. Er sagt etwas. Aber sie lässt sich nicht bremsen, übersetzt nicht, was er jetzt sagt. Sondern dreht sich nur zum Richter um und sagt leise: "Ich glaube, sein Entzug fängt an." Sprich: Der Georgier sei wohl auf Drogen.

Der Richter nickt, als wolle er sagen: Ich habe verstanden.

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Gerichtsurteile werden im Namen des Volkes gesprochen. Doch erst, wenn das Volk selbst anwesend ist, wird es interessant.

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