Kolumne: Vor Gericht:Mord auf Bestellung

Kolumne: Vor Gericht: Der angeklagte SPD-Politiker Jochen Wolf (links) vor Gericht in Potsdam 2002.

Der angeklagte SPD-Politiker Jochen Wolf (links) vor Gericht in Potsdam 2002.

(Foto: Karlheinz Schindler/dpa/dpaweb)

Tiefer Fall: Warum ein politischer Hoffnungsträger der Nachwendejahre einen Killer anheuerte, der seine Frau töten sollte.

Von Verena Mayer

Es kommt immer wieder vor, dass Politiker vor einem Strafgericht landen. Der Politiker aber, dessen Prozess ich Anfang der Nullerjahre vor dem Landgericht Potsdam verfolgte, stach heraus. Der SPD-Mann wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er einen Auftragskiller auf seine Ehefrau angesetzt hatte. Der Fall war nicht nur interessant, weil er in menschliche Abgründe blicken ließ. Sondern auch, weil er über eine politische Karriere in den Nachwendejahren erzählte.

Dem 60-Jährigen, der in Jeans und schwarzem Designerpulli damals auf der Anklagebank saß, sah man an, dass er es gewohnt war, in der Öffentlichkeit zu stehen. Er ließ sich fotografieren, scherzte mit Journalisten, guckte in den Saal, als verfolge er eine Sitzung des brandenburgischen Landtags, dem er lange angehört hatte.

Jochen Wolf war einer derjenigen gewesen, die beim Zusammenbruch der DDR ihre Chance erkannt hatten. Der studierte Ökonom gehörte zu den Gründern der SPD in Brandenburg und galt schnell als politischer Shootingstar. Er wurde in den Landtag gewählt, bekam ein Ministeramt und wäre im Machtvakuum nach der Wende wohl noch weiter nach oben befördert worden, hätte er das politische Geschäft nicht irgendwann missverstanden. Er war in einen dubiosen Immobiliendeal verwickelt, wurde wegen Vorteilsnahme zu einer Geldstrafe verurteilt.

Und da war noch sein Privatleben. Der Vater von vier Kindern hatte eine ukrainische Geliebte, die 32 Jahre jünger war und ihn heiraten wollte. Die Ehefrau des Politikers wollte sich aber nicht scheiden lassen und auch das gemeinsame Haus nicht verkaufen. Also bedrohte die ukrainische Geliebte die Ehefrau mit einer Pistole. Als diese sich auch davon nicht beeindrucken ließ, bat der Politiker einen Freund, einen Mörder für seine Frau suchen.

Der trat als Zeuge vor Gericht auf, ein Riegel von einem Mann, der sämtlichen Klischees eines Auftragskillers entsprach. Er war bei der Fremdenlegion gewesen, hatte sein halbes Leben im Gefängnis verbracht, das Gesicht war voller Narben. Wolf gab ihm 5000 Mark und versprach ihm weitere 15 000 Mark, wenn der Auftrag erledigt sei. Doch der vermeintliche Killer nahm das Geld und ging dann zur Polizei. Bei einem Treffen in einem Krawattenladen am Berliner Bahnhof Zoo, bei dem nähere Details des Mordes besprochen werden sollten, wurde der Politiker verhaftet.

Vor Gericht sagte er nichts und ließ sich nichts anmerken. Man verstand nicht wirklich, was Jochen Wolf zu der Tat getrieben hat. Der psychiatrische Sachverständige machte eine "Charakterneurose mit schizoiden Zügen" verantwortlich. Der Politiker habe sich nach beruflichen und privaten Rückschlägen "in einem Tunnel" befunden und keine andere Lösung mehr gesehen als einen Auftragsmord. Wahrscheinlich handelt die Geschichte einfach davon, was schon in vielen Dramen von Shakespeare erzählt wurde: Wie hoch man als Machthaber steigen und wie tief man wieder fallen kann.

Kolumne: Vor Gericht: An dieser Stelle schreiben Verena Mayer und Ronen Steinke im wöchentlichen Wechsel über ihre Erlebnisse an deutschen Gerichten.

An dieser Stelle schreiben Verena Mayer und Ronen Steinke im wöchentlichen Wechsel über ihre Erlebnisse an deutschen Gerichten.

(Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))
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