Zweiter Tag bei der Berlinale 2012 Verdonnert zum Tiefgang

Erst Pomp, dann Welterklärung: Die Filme am zweiten Berlinale-Tag sollen partout jene tiefgründige Bedeutung liefern, den das Großfestivals neben dem Promi-Blitzlichtgewitter bieten will. Doch die Verfilmung von Jonathan Safran Foers "Extrem laut und unglaublich nah" sowie Beiträge aus Frankreich und dem Senegal suggerieren Antworten, noch bevor sie Fragen stellen können.

Von Fritz Göttler

"Komm nicht näher, rühr mich nicht an . . ." Die Frau ist abweisend und streng, sie weicht dem Blick des Mannes aus, macht stumm und ungerührt ihre Hausarbeit. Der Mann schickt sich drein, er wird geduldig warten. Die Kommunikation ist gestört, aber man ist doch bereit, die beiden und den Jungen der Frau für eine Familie zu halten.

Die senegalesische Produktion "Aujourd'hui" ist eine Reflexion über Leben und Tod, die Zeit und die Ewigkeit.

(Foto: dapd)

Die Fehlleistungen häufen sich und sprechen eine deutliche Sprache. Das Kleid will einfach nicht auf der Leine bleiben, als die Frau die Wäsche aufhängt, und der Stuhl, den sie vor dem Haus zurechtrückt, will seinen richtigen Platz nicht finden. Es liegt ein seltsamer Frieden über der Szene, der Wind rauscht, man hört Vögel und Hunde, das Wasser einer Dusche, und da ist das intensive Rot eines Feuers zwischen schwarzen Grillkohlen. Eine kleine filmische Meditation, am Ende von "Aujourd'hui", dem dritten Film von Alain Gomis - eine Produktion aus Senegal, eine Reflexion über Leben und Tod, die Zeit und die Ewigkeit.

Bis der Film solche Gelassenheit und Präsenz erreicht, ist schon mehr als eine Stunde vergangen. Satché, der junge Mann, wurde anfangs als ein Todeskandidat eingeführt. Familie und Freunde haben sich um ihn versammelt und alle wissen, aus welchem mysteriösen Grund auch immer, dass dies sein letzter Tag sein wird. Sie sind von freundlichem Glück erfüllt, dass er seinen Tod zu akzeptieren bereit ist.

Satché wird vom Sänger Saül Williams gespielt, er sieht aus wie der junge Denzel Washington. Er macht sich auf den Weg, begleitet von einem alten Freund, seinem treuen Heurtebise gewissermaßen, um die geheimnisvolle Zone seines letzten Tages zu durchqueren. Es gibt eine bizarre Episode in einer Kunstgalerie, einen Straßenaufstand, einen Hinterhof-Besuch beim Onkel Leichenwäscher. Manchmal kommt man in ein Ruinenfeld - bis man merkt, hier ist sich alles erst noch im Aufbau.

Die Filme kämpfen gegen den Welterklärungsanspruch, zu dem der Wettbewerb eines Großfestivals sie verdonnert. Sie sollen partout Bedeutungen liefern und Tiefgründiges, sie sehen sich unter Druck gesetzt, Antworten zu geben - und würden doch lieber erst einmal Fragen formulieren. Es ist dieses Prinzip, das den Festivalbetrieb irgendwann ad absurdum führen wird - und Klaus Lemke hat auch diesmal wieder seinen Beitrag dazu geliefert mit seinen wütenden Protesten gegen die Ödnis der Berlinale.

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