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Zum Tod von George Michael:So schön, so zerbrechlich

Mit "Last Christmas" und "Faith" wurde er weltberühmt. Seine Songs klingen leicht und poppig - aber George Michael war innerlich zerrissen.

Nachruf von Carolin Gasteiger

In dem Song "White Light" heißt es an einer Stelle: "Das ist nicht der Tag, an dem es vorbei ist / weil kein weißes Licht da ist und ich noch nicht fertig bin". Als George Michael den Song 2012 schrieb, hatten ihm Wiener Ärzte gerade das Leben gerettet. Er hatte seine Symphonica-Tour aufgrund einer schweren Lungenentzündung abbrechen müssen. Aber, wie es in "White Light" heißt: "Lass nicht looos!"

Vier Jahre später hat George Michael nun doch losgelassen. Er wurde nur 53 Jahre alt.

Als Sohn eines griechischen Zyprioten und einer britischen Tänzerin kommt Georgios Kyriakos Panagiotou 1963 in Finchley im Norden Londons zur Welt. Wegweisend für seine musikalische Karriere war sein Schulfreund Andrew Ridgeley. Die beiden experimentierten zunächst mit Ska, gründeten 1981 dann aber Wham!, das zu einem der erfolgreichsten Duos der Achtziger avancieren sollte.

Und zwar mit leichtem, kommerziellen Pop, der heiter und sorglos klingt. Songs wie "Wake me up before you go-go" oder die säuselnde Ballade "Careless Whisper" werden zu Hits. Mit Culture Club und Duran Duran begründeten Wham! den New-Pop-Boom in Großbritannien. Bis heute prägt auch den späteren Solokünstler George Michael ein Lied aus der Wham!-Zeit: Kein anderer Song dudelt zur Weihnachtszeit so oft durch Radio wie "Last Christmas". ‎Insgesamt verkaufte er in seiner fast 40-jährigen Karriere fast 100 Millionen Alben.

Innere Zerrissenheit

George Michaels Solokarriere beginnt mit "Faith". Von Wham! hatte er nach fünf Jahren genug und ging neue Wege. Im Herbst 1987 veröffentlichte George Michael sein erstes Soloalbum, auf dem er nicht nur Rock'n' Roll, Disco und Funk experimentiert, sondern auch mit seiner Identität. Auf "Faith", das mit einem Grammy ausgezeichnet wurde, deutet sich bereits die Zerrissenheit des Mädchenschwarms an, der seine Homosexualität zu dieser Zeit noch nicht zugeben wollte. Den Song "I want your sex" wollten einige Radiosender aufgrund der eindeutigen Botschaft auch nicht spielen.

So locker-flockig George Michaels frühe Songs klingen, so essenziell und tief war sein Wunsch, ernst genommen zu werden. "Ich will Glaubwürdigkeit", sagte er später einmal. Auf dem Weg dorthin musste er einige Irrungen hinnehmen. Zum einen: Mit seiner blonden Haartolle und dem schüchternen Lächeln galt Michael als heterosexuelles Sexsymbol, war aber doch eigentlich schwul. Zum anderen: Um auch in Amerika erfolgreich zu sein, musste er sich ein selbstbewusstes, fast arrogantes Auftreten aneignen, das ihm selbst völlig zuwider war. In einem seiner seltenen Interviews, das er 2006 dem Spiegel gab, schildert er, wie er sich mit seinem "Faith"-Image den Boden unter den Füßen verlor: "Ich hatte dann bald keinerlei Bezug mehr zu der Person, die ich da geschaffen hatte."

In den Neunzigern trafen George Michael zwei schwere Schicksalsschläge. Sein Freund Anselmo Feleppa starb 1992 an Aids, kurze Zeit später starb seine Mutter. Mit dem Verlust der beiden haderte Michael lange und versuchte, den Schmerz in seinen Songs zu verarbeiten. "Jesus to a child" etwa auf dem Album "Older" ist explizit Feleppa gewidmet. Trotzdem konnte er es nur schwer verkraften. "So vielen Menschen, die ich liebte, passierten schreckliche Sachen. Es war fast bizarr", sagte er in einem Interview. Infolgedessen verfiel er in Depressionen, nahm Drogen - hielt aber stets an der Musik fest.

Verhaftung im Toilettenhäuschen

An den Erfolg von "Faith" konnte er jedoch weder mit "Listen without Prejudice Vol.1" anknüpfen noch mit "Older". Vielmehr trat sein Privatleben in den Vordergrund.

Michaels Verhaftung wegen Sex in einem Toilettenhäuschen in Los Angeles zog sein Outing nach sich. Im Nachhinein sagte er, dass er seine Homosexualität nicht öffentlich habe machen wollen, solange seine Mutter lebte. Auch diese Begebenheit schlug sich dann auch in einem (für viele provokanten) Song nieder. Im Video zu "Outside" knutschen zwei Polizisten.

Zum Ernstgenommenwerden gehörte für Michael auch, dass er seine Plattenfirma Sony verklagte, weil er sich über den Tisch gezogen fühlte. Michael verlor den Prozess, hatte aber bald ganz andere Probleme: Immer wieder wurde er mit Drogen erwischt, mal schlief er am Steuer ein. Mit Songs wie "Freeek" oder "Shoot The Dog" versuchte er 2002 vergeblich, sich neu zu erfinden. Immer wieder wollte er sich von der Bühne verabschieden, zuletzt 2004, als sein Album "Patience" erschien.

Aber George Michael kam immer wieder zurück. Anfang Dezember erst war bekannt geworden, dass er an einem neuen Album arbeite.

"Und ich habe noch so vieles, das ich weitergeben will", heißt es in "White Light". Viel mehr hätte George Michael, der in seinen späten Songs vor allem sich selbst offenbarte, wohl nicht geben können. Am 25. Dezember ist der Künstler auf seinem nordenglischen Anwesen in Goring-on-Thames selbst durchs weiße Licht gegangen.

© SZ.de/cag/lala

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