Alfred Rosenbergs Tagebücher Unter seinen Mittätern wenig geschätzt

Der Grundton von Rosenbergs Aufzeichnungen ist immer dort von der Kälte technokratischer Massenmörder gezeichnet, wo er die Maßnahmen der faschistischen Genozide in konkrete Worte hätte fassen müssen. Dann spricht er etwa von "harter, biologischer Humanität", die walten müsse. Zur konkreten Praxis des Tötens schweigt sich sein Tagebuch vollständig aus. Emotionale Hitze bricht dagegen ständig mit dem Zorn narzisstischer Kränkung aus ihm heraus.

Nationalsozialismus

Wie Hitler an die Macht kam

Während seine Tochter nur in einem einzigen Satz ohne große Zuneigung auftritt, erfasst Rosenberg "immer wieder die Wut, wenn ich mir überlege, was dieses jüdische Parasitenvolk Deutschland angetan hat". Wobei "Deutschland" hier ziemlich durchgängig wie ein Synonym für "Rosenberg" klingt.

Der Mann, der alles Fremde als "unwert" abqualifizierte, ist von krankhafter Verletzlichkeit. Und in diesem eitlen Gebaren zeigen Rosenbergs Notizen doch ein sehr strukturiertes Bild vom Umgang der NS-Führungsspitze. Rosenberg spricht hier in aller Offenheit über seine Parteigenossen, wie diese vermutlich über ihn gesprochen haben.

Goebbels? "Ein Eiterproduzent". Und Ribbentrop? "Ein richtig dummer Mensch"

Die Konkurrenten für Rosenbergs Ambitionen als "Kirchenvater" der Bewegung sowie als Ostexperte der NSDAP, Goebbels und Außenminister Ribbentrop, beschrieb er nur verächtlich. Goebbels sei ein "Eiterproduzent", Ribbentrop ein "richtig dummer Mensch mit der üblichen Arroganz". Und mit Himmler lag er seit dem Überfall auf die Sowjetunion im Streit, wobei es Rosenberg nicht um das brutale Vorgehen der SS ging, das er absolut billigte, sondern um die Konkurrenz der Zuständigkeiten.

Auschwitz und andere KZ

Menschenversuche und organisierter Massenmord

Als einziger, der "im Kreise der obersten Parteiführung den Nationalsozialismus bitterernst nahm", wie sich ein ehemaliger Mitarbeiter erinnerte, war Rosenberg unter seinen Mittätern wenig geschätzt. Auch Hitler soll über ihn gesagt haben, er sei "eine Frau, die gut kocht, aber statt zu kochen Klavier spielt".

Nur zu Göring besteht ein gutes Verhältnis - das auch nicht getrübt wird, als der Reichsmarschall bei den Kunstplünderungen in Frankreich durch Rosenbergs "Einsatzstab" diesem die besten Stücke wegschnappte. Voll Stolz berichtet Rosenberg vielmehr seinem Tagebuch, wie er "jüdisches Kunst- und Kulturgut" im Wert von "nahezu 1 Milliarde Mark!" für den Führer erbeutet habe.

Infantile Gefühle und Sentimentalitäten, wie sie für viele NS-Führer als Kehrseite ihrer Unmenschlichkeit dokumentiert sind, bilden also den dürren emotionalen Grundstock dieses verhängnisvollen Demagogen.

Seine ständige Forderung nach "innerer Härte" verwandelt sich deswegen mit zunehmender Entfernung aus dem Hitler-Kreis in Weinerlichkeit. So trieft dieses Tagebuch bis zur letzten Zeile von Selbstgerechtigkeit. Das ist eine nur schwer zu ertragende Lektüre, aber vermutlich eine sehr nötige.

Auschwitz "Ich sah Leichen, die angezündet wurden"
Protokoll
Auschwitz-Überlebende Hollander-Lafon

"Ich sah Leichen, die angezündet wurden"

Selektion durch Doktor Mengele, Peitschenhiebe, überall Leichen: Zeitzeugin Magda Hollander über das Vernichtungslager Auschwitz.   Protokoll von Oliver Das Gupta