Youtube-Phänomen "That Poppy" Das absurde Gesicht des Internets

Aus symbolisch überfrachteten Videos lächelt Poppy einem entgegen: jung, hübsch und etwas entrückt.

(Foto: Youtube)

Ein satanistischer Kult bei Youtube oder doch nur Illuminaten? Die virale Kunstfigur "Poppy" inspiriert ihre Fans zu allerlei Verschwörungstheorien.

Von Joshua Beer

Wenn das Internet ein Mensch wäre, wie sähe es wohl aus? Vielleicht käme es ja in der Gestalt eines grazilen Mädchens daher, das seine Zuschauer mit "Hi, I'm Poppy" begrüßt. Diese Poppy ist jung, hübsch und wirkt so unschuldig wie makellos. Ihre Art ist sanft und intim, man möchte sich ihr sofort anvertrauen - wenn da nicht noch diese fremdartige Gefühlsleere wäre. Kann eine Figur noch treffender das Internet verkörpern, eine digitale Welt, die einem vorgaukelt, ein Freund zu sein, zugleich aber kalt und abweisend ist? Das Internet als ein etwas gruseliges Mädchen, das ist nur einer von vielen Erklärungsversuchen für einen der zweifellos merkwürdigsten Kanäle auf Youtube, der doch regelmäßig Millionen von Klicks generiert und eine große Fangemeinde hat: "That Poppy".

Das Phänomen Poppy ist vielseitig. Wer ihren Kanal besucht, stößt einerseits auf professionell vorgetragene, extrem virale Popsongs wie "Lowlife". Andererseits versinkt er in Kurzvideos, die oft verstörend, immer absurd und manchmal irre komisch sind. Meistens steht Poppy in einem sterilen, eigenschaftslosen Raum, der den Anschein erweckt, sie sei tatsächlich in einem abwegigen Winkel des Internets gefangen. Dort stellt sie dem Zuschauer mit sanfter, monotoner Stimme und in hypnotischer Wiederholung existenzielle Fragen. Und das in irritierend dadaistischer Manier.

In "Gravity" erklärt sie dem Zuschauer robotergleich ganz nach Lexikon-Definition, was Schwerkraft sei. In "A Plant" spricht sie mit einer Zimmerpflanze über Trump und Clinton. An anderen Stellen wird sie von Charlotte, einer neidischen und drogenabhängigen Schaufensterpuppe, interviewt. In "Poppy Reads the Bible" löst der Titel genau das ein, was er verspricht, zähe 50 Minuten lang. Auf Charlottes Frage, worum es denn in der Bibel gehe, antwortet Poppy, dass das Werk trotz seiner 479 Seiten sehr leicht zu lesen sei.

Was sollen diese Beiträge, die irgendwo zwischen humorvollem Nonsens, philosophischer Tiefe und düsterem Stil à la David Lynch schweben? Und warum sind sie so besonders und erfolgreich?

Poppy seziert die Blenderwelt des Pop - und bleibt selbst makelloses Fashion-Produkt

Zunächst einmal steht Poppy in erfrischendem Kontrast zum Rest von Youtube, der zum großen Teil in Hysterie und Effekthascherei erstickt. Poppy kreiert in minimalistischer Optik zwar kurze, aber erfreulich ruhige und schnittarme Videos. Ihnen wohnt jedoch eine befremdlich-abgründige Grundstimmung inne, hergestellt durch atmosphärische Musik und entrückte Inhalte. Poppy, oft in zuckersüßes Pink gekleidet, wirkt selbst wie ein künstliches, makelloses Fashion-Produkt und will es wohl auch sein. Doch nur, um die Blenderwelt des Pop von innen heraus zu sezieren: In ihren Beiträgen macht sie deutlich, dass es ihr um Themen geht wie technologische Fortschrittsgläubigkeit oder - ganz hochtrabend - den Menschen in der Ära des Internets. Beispiel gefällig?

Im 40-sekündigen Beitrag "Where Is It?" sucht Poppy etwas nicht näher Bestimmtes und findet es trotz ihrer mit Augen bestickten Handschuhe nicht. Als Zuschauer möchte man diesem hilflosen Mädchen beispringen, wenn man doch nur wüsste, was sie überhaupt verloren hat. Ihr direkter Hilferuf und ihr verzweifeltes Wiederholen werfen beim Betrachter jedoch auch die Frage auf, ob man nicht selbst etwas verloren hat, irgendwo in diesem überfrachteten Internet, das doch auch nicht mehr ist als der weiße Äther, in dem Poppy mit ihren beäugten Handschuhen tastet. Und schon verläuft man sich selbst in Interpretationen und tastet am Ende so ratlos umher wie Poppy.

Das Mysterium um die Darstellerin provoziert abenteuerliche Verschwörungstheorien

Poppys eigene Spur im Netz beginnt mit ihrem ersten Clip ("Poppy Eats Cotton Candy") im November 2014. Von diesem Punkt an sind ihre Videos stilistisch homogen und symbolisch verdichtet. Hinzu kommt, dass die Identität der Darstellerin hinter Poppy ein gut gehütetes Geheimnis ist und sie dadurch völlig mit ihrer Kunstfigur verschmilzt. All das hat ihre Fans zu den wildesten Theorien motiviert.

Mal soll Poppy die Marionette einer ominösen Pop-Mafia sein, mal zusammen mit Beyoncé und Britney Spears bei den Illuminaten oder Anführerin eines (wahlweise satanistischen) Kultes. Letztere Theorie fand so großen Anklang, dass sie Poppy zum Video "I Am Not In A Cult" veranlasste. Sie leugnet den Vorwurf, indem sie ihn bis zur Lächerlichkeit überdehnt, nur um sich am Ende vor einem riesigen "P" zu verbeugen. Hinter Poppy steckt also keineswegs eine kohärente, kryptische Verschwörung. Vielmehr geht es eben darum, eine solche zu suggerieren und zu provozieren. Um den menschlichen Drang bloßzustellen, hinter allem eine tiefere, alles auflösende Bedeutung zu vermuten.

Ein paar Fakten gibt es natürlich schon: Hinter Poppys Videos steckt der US-Künstler Titanic Sinclair, der auf Youtube nicht nur ähnliche Videos produziert, sondern "That Poppy" gegenüber dem Modeblog Racked als ein Kunstprojekt beschreibt - eine Mischung aus dem Pop Andy Warhols, dem Grusel David Lynchs und der Komik Tim Burtons. Das Mysterium um Poppys Person ist Teil des Projekts und auch der Motor für den viralen Erfolg. Ohne das große Geheimnis verflöge der Zauber, doch es bliebe die kreativ-komische und zeitkritische Kunst, die das Phänomen so ungemein originell macht.

Bis dato geben Sinclair und Poppy keine Anzeichen dafür, ihre Fans aufklären zu wollen. Stattdessen spinnen sie das verzweigte Narrativ des Internetmädchens weiter: "That Poppy", gemacht vom Internet, durch das Internet und für das Internet.

Was soll das mit dem Dab?

Was Schulkinder immer mit ihrer Armbeuge machen, ist kein Tick, kein verrutschter Nieser und auch keine Fotoverweigerung. Eine Erklärung - nicht nur für Eltern. Von Martin Wittmann mehr...