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Doku "76 Days" über Corona in Wuhan:Leben im Schutzanzug

Szene aus dem Dokumentarfilm "76 Days".

(Foto: AP)

"76 Days": Ein Dokumentarfilm über den Corona-Lockdown in Wuhan.

Von Lea Deuber

Es ist eine Szene, die kaum zu ertragen ist. Die Mitarbeiterin eines Krankenhauses wird von ihren Kollegen gestützt, sie fleht darum, ihren Vater noch ein letztes Mal sehen zu dürfen. Ihre Kollegen, wie sie in Ganzkörperanzügen, versuchen, die junge Frau zu beruhigen. Sie müsse jetzt stark sein, sie bräuchten sie im Kampf gegen das Virus an ihrer Seite, sie dürfte nun nicht aufgeben. Der Leichenwagen fährt, ohne dass die Tochter sich verabschieden kann. Es ist ein Moment, wie ihn Tausende im Frühjahr 2020 in Wuhan erleben. Um Ansteckungen zu verhindern, werden Tote direkt ins Krematorium gefahren. Viele bringen ihre Angehörigen ins Krankenhaus - und sehen sie nie wieder.

Die Szene ist der Auftakt des Dokumentarfilms "76 Days" des New Yorker Regisseurs Wu Hao, den man unter anderem beim Streamingportal Dogwoof digital ausleihen kann. In den vergangenen Monaten sind mehrere Dokumentationen über Wuhan erschienen. Einige spielen nach der Wiederöffnung der Stadt im April, andere haben sich auf Material des chinesischen Propaganda-Apparats verlassen, angeblich weil es keine anderen Zugänge gegeben hätte. Wu Hao widerlegt das. Er war im Januar selbst für das Neujahrsfest in China. Sein Großvater starb an Krebs, bevor er in einem der überfüllten Krankenhäuser aufgenommen werden konnte.

Das Material, das Wu zusammengeschnitten hat, stammt von zwei Filmemachern in Wuhan, die bereits in den ersten Tagen der Pandemie und durchgehend während der 76 Tage des Lockdowns in der Stadt gedreht haben. Das Ergebnis ist außergewöhnlich.

Einer der Kameramänner wollte lieber anonym bleiben, als Bildlieferant der Katastrophe

Anfangs hatte Wu Hao die Idee, den Ursprung des Virus zu erforschen, die Vertuschung durch die chinesischen Behörden zu dokumentieren. Doch in der politischen Situation sei das den besten Investigativjournalisten des Landes nur zu einem Teil gelungen, erzählt er in einem Interview. Gleichzeitig sei das Material der zwei Dokumentarfilmer "so roh, so schockierend" gewesen, ihre Zugänge so gut, dass er lieber mit ihnen weiterarbeitete.

Wu Hao hat den Film erst fertig geschnitten und seinen zwei Partnern gezeigt, ohne dass klar war, ob sie ihre Zustimmung geben würden, zu groß war ihre Angst vor möglichen Konsequenzen. Erst nachdem der Film schon fertig war und sie ihn gesehen hatten, gaben sie ihr Okay. Einer der zwei Filmer entschied sich, anonym zu bleiben. Der zweite Journalist ist Chen Weixi.

Das medizinische Personal trägt im Film durchgehend Schutzausrüstung, ihre Gesichter sieht man nie. Das garantiert ihnen einerseits weitgehende Anonymität, andererseits treffen die Filmer sie nie außerhalb der Klinken. Der Dreh sei für die beiden Kameramänner wie der Einsatz in einem Kriegsgebiet gewesen, erzählt Wu. Sie wollten nie wieder einen Fuß in ein Krankenhaus setzen, seien traumatisiert wie so viele.

Die Dokumentation braucht weder Kommentare noch Interviews. Der Zuschauer folgt dem medizinischen Personal durch die Flure der überfüllten Kliniken, zeigt den chaotischen Alltag, die Überlastung, den Mangel an Ausrüstung. Der Film soll laut Wu zeigen, wie Menschen in einer Naturkatastrophe überleben. Es gebe Wut, Angst und Verzweiflung, aber auch Zuversicht und Momente, in denen sich Menschen Hoffnung schenkten durch kleine Gesten und Humor.

Im Film sehen die Zuschauer medizinisches Personal, das auf die klinischen Schutzhandschuhe fröhliche Gesichter malt, das versucht, Familienangehörigen ein letztes Gespräch mit ihren Eltern zu ermöglichen. Eine Mutter bringt ein Kind zur Welt, muss es aber in einer Quarantäne-Station zurücklassen. Am Ende bleibt vom Leben manchmal nicht mehr als eine Plastiktüte, darin nur der Personalausweis und das Handy. Der Film sucht aber nicht nach Schuldigen, er ist keine politische Abrechnung. Das gibt den Menschen den notwendigen Raum.

Als eine Krankenschwester einer Tochter die wenigen Überbleibsel ihrer Mutter zurückgibt, bittet sie um Verzeihung. Bittet um Vergebung, sie nicht gerettet zu haben. Getrennt von einem Absperrgitter stehen sich die beiden Menschen für einen Moment gegenüber und weinen gemeinsam. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Moment der Frage näher kommen könnte, was es bedeutet, in der Pandemie Mensch zu sein und Mensch zu bleiben.

76 Days, China/USA 2020 - Regie: Wu Hao, Chen Weixi. Schnitt: Wu Hao. Dogwoof, 93 Minuten.

© SZ/tyc
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