"Welcome to Sodom" im Kino Die Hölle auf Erden

Wenn Monitore, Fernseher, Computer, Handys und Drucker nicht mehr funktionieren, landen sie in Agbogbloshie, wo die Menschen mit Feuer Kupfer gewinnen.

(Foto: Camino Filmverleih)
  • Der Dokumentarfilm handelt vom Leben auf einer gigantischen Deponie für Elektromüll, der aus der westlichen Welt in die ghanaische Stadt Agbogbloshie gelangt.
  • Die verschiedensten Menschen suchen dort unter gesundheitsschädlichen Umständen nach wertvollen Materialien und verkaufen sie zurück an die Elektrofirmen.
  • Der Film zeigt epische Bilder einer Hölle auf Erden - aber in ihnen steckt auch ein Moment der Emanzipation und der Utopie.
Von Philipp Stadelmaier

Langsam gleitet die Kamera über gigantische brennende Müllberge. Überall ist Feuer, der tiefgraue Himmel verdeckt von dunklen Rauchschwaden. Es wuseln Menschen herum, die in dieser stinkenden Hölle arbeiten. Ausgemergelte Ziegen schieben sich zwischen ihnen hindurch. Oben kreisen Möwen im pechschwarzen Qualm.

Bis vor einigen Jahren war Agbogbloshie, ein Stadtteil der ghanaischen Hauptstadt Accra, angeblich noch ein ganz schönes Fleckchen Erde. Dann kam das digitale Zeitalter und verwandelte den Ort in eine gigantische Abladefläche für Elektromüll. Vor allem aus Europa gelangt der Abfall der hoch technisierten westlichen Welt hierher: Monitore, Fernseher, Computer, Handys, Drucker und so weiter. Dinge, die kaputt sind oder einfach nicht mehr gebraucht werden. Jährlich werden hier - illegal - etwa 250 000 Tonnen Wohlstandsschrott entsorgt.

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So stapeln sich hier die Überreste von zerfallenen Geräten Richtung Himmel und bilden ein unübersichtliches Gewucher aus Kabeln, Gehäusen und Platinen. Um das Plastik vom Kupfer zu trennen, das weiter verkauft werden kann, brennen überall Feuer. Der hochgiftige Boden (der Ort gilt als einer der giftigsten der Welt) ist tiefschwarz. Und er bewegt sich, da die Deponie auf Wasser gebaut ist. Manchmal versinken Leute und tauchen nie wieder auf. Hier lebt es sich wie auf einer dünnen Plane, die über den Abgrund gespannt ist. So haben die Leute, die in Agbogbloshie wohnen und arbeiten, einen besonders verruchten Namen für diesen höllischen Ort gefunden: Sodom.

Ein globaler Wirtschaftskreislauf hat den Menschen hier ihren Platz am untersten Ende der Verwertungskette zugewiesen

"Welcome to Sodom", so heißt die beeindruckende Dokumentation von Florian Weigensamer und Christian Krönes über diese Müllwelt. Normalerweise sollte man sich in Agbogbloshie aus Gesundheitsgründen nur wenige Stunden aufhalten, aber die beiden Regisseure sind letztlich ein paar Monate geblieben, um diesen Ort zu porträtieren, und die Menschen, die hier leben, vom Müll und auf dem Müll.

Die Frauen verkaufen Wasser und Essen, die Männer schuften auf den Müllbergen. Da ist der Transjunge, der mit einem selbstgebauten Magneten Metall aus dem Boden fischt und es dann weiterverkauft, nach den Preisen, die der Markt gerade vorgibt. Da ist der in seinem Heimatland verfolgte jüdische Homosexuelle aus Gambia, der hier untergetaucht ist. Und da ist der Mann, der von anderen Händlern Computergehäuse kauft, um aus ihnen Kupfer zu gewinnen. Ein schwitzender, rußverschmierter Typ unter Volldampf, der sich als hoch motivierter Geschäftsmann versteht.

Je mehr Schrott hier ankommt, desto besser fürs Geschäft. Desto besser auch die Chancen, Geld für einen Pass zusammenzukriegen, um wegzukommen, Richtung Norden, Richtung Europa. Aber gleichzeitig sind die Menschen an diesen Ort gefesselt. Sie leben davon, die weggeworfenen Geräte aus dem Westen zu recyceln und schicken dann die wiedergewonnenen und wiederverwendbaren Materialien dorthin zurück. Damit neue Geräte gebaut werden können, die dann wieder bei ihnen landen. Auf diese Weise entsteht ein globaler Wirtschaftskreislauf, der den Menschen hier ihren Platz am untersten Ende der Verwertungskette zugewiesen hat, sie weiterhin zwingt, vom Schrott der Wohlstandswelt zu leben.

Die Bilder auf den Handys aus Europa wirken wie ein Paradies, das längst untergegangen ist

Der Film ist eindringlich, ohne belehrend zu sein. Von einer Reportage könnte er nicht weiter entfernt sein, und auch nicht von einem paternalistischen Blick weißer Westler auf afrikanische Missstände. Die Regisseure beschränken sich darauf, die Kamera langsam über dieses Albtraumszenario aus Feuer, Hitze und Gift gleiten zu lassen, um einen Ort zu enthüllen, der ebenso real wie surreal ist. Als würde die Kamera selbst einen ungläubigen, schockierten Blick auf ihr eigenes Nachleben werfen. Auch sie könnte einmal hier landen, wenn sie nicht mehr gebraucht wird.

Die beiden Regisseure lassen die Bewohner erzählen, über ihre Umgebung und ihre Lebensumstände. Wobei das Narrativ zu Tage tritt, das die Leute mit diesem Ort verbinden und das geradezu biblische Ausmaße hat. Der Transjunge spricht über die Zerstörung des Paradieses durch den Menschen; ein verrückter Prediger schreit herum, dass Sodom, benannt nach dem Ort im Alten Testament, den Gott für seine Frevelhaftigkeit bestraft hat, ausgelöscht gehöre. Dieses Sodom erscheint als göttliche Strafe für menschliche Hybris, als Inbegriff der Verschrottung der Schöpfungsgeschichte im digitalen Zeitalter, als dampfendes schwarzes Loch, in dem die ganze Welt mitsamt ihrer modernen Technik zu verschwinden droht. Einmal betrachten zwei Männer die Bilder auf der Speicherkarte eines Mobiltelefons, das ebenfalls auf den Müllbergen gelandet ist, Bilder westlichen Wohlstands. Aber dieser wirkt hier nicht mehr wie ein entferntes Versprechen, das zum Aufbruch lockt, sondern wie etwas, das längst vorbei ist, weggeworfen wurde, mit dem Handy selbst auf dem Schrottplatz der Geschichte gelandet ist.

Gerade deswegen steckt in diesen epischen Bildern der Hölle auf Erden auch ein Moment der Emanzipation und der Utopie. "Wir Afrikaner wissen, wie man Dinge repariert", sagt ein Protagonist. Der Westen wirft seine Geräte weg und zerstört die Welt. Vielleicht wissen wenigstens die Afrikaner, wie man die Welt aus dem Schrott, den man ihnen hinterlassen hat, neu aufbauen könnte.

Welcome to Sodom, Österreich 2018 - Regie: Florian Weigensamer, Christian Krönes. Kamera: Christian Kermer. Camino Filmverleih, 92 Minuten.

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