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"Vox Lux" im Kino:Terror und Pop

Vox Lux

Abziehbild des abgerockten Stars - Natalie Portman in "Vox Lux".

(Foto: Atsushi Nishijima)
  • "Vox" Lux ist ein Musikfilm von Brady Corbet, in dem es um schnellen Ruhm, einen Amoklauf, Entfremdung und das Stardasein an sich geht, dazu läuft Musik von Sia.
  • Die Figur der jungen Celeste, gespielt von Rafffey Cassidy, hätte zwar eine eigenartige Ambibalenz, der nachzugehen sich gelohnt hätte.
  • Der Film bleibt jedoch die meiste Zeit bei Natalie Portman als Abziehbild des Abziehbildes eines abgerockten Stars.

Geht man dieser Tage ins Kino und sieht sich die Vorschauen vor dem eigentlichen Film an, kann der Eindruck entstehen, dass alle Filme, die dieses Jahr noch rauskommen, mit Vin Diesel sind. Dem ist erfreulicherweise nicht so. Es gibt auch noch "Vox Lux".

"Vox Lux" klingt auf dem Papier wie eine artsy Fassung von "Forrest Gump" mit weiblicher Hauptrolle. Die 13-jährige Celeste, gespielt von Raffey Cassidy, überlebt einen Amoklauf in ihrer Schule. Beim Trauergottesdienst singt sie mit ihrer Schwester einen selbstgeschriebenen Song, der zum Welthit wird. Wir verfolgen ihre Laufbahn bis zu den Terroranschlägen von 9/11.

Cut. Sechzehn Jahre später ist Celeste, jetzt dargestellt von Natalie Portman, ein zynischer, keifender, skandalzerrütteter Megastar. Celeste ist alkoholkrank. Sie hat jetzt selbst eine Tochter - auch von Raffey Cassidy dargestellt. An einem Strand ermorden Attentäter mit Glitzermasken, die ihrem ersten Video entstammen, Urlauber. Der Strand leuchtet in hellen, klaren Farben, als die Schüsse beginnen. Pop und Terror. Terror und Pop.

Den Soundtrack haben Sia und Scott Walker geschrieben. Sia liefert die Popsongs, die klingen wie die Simulation von Mainstreampop. Scott Walker schrieb den Rest des Scores, etwa die verstörenden Chorgesänge, die zu den Opening Credits laufen. Ein erstickender Gesang. Beides könnte nicht unterschiedlicher sein, und so entpuppt sich auch der Film als zwei nur lose miteinander verbundene Filme, die so tun, als seien sie einer, ein halb fantastisches, halb misslungenes Geschöpf, das an allen Enden zerfällt.

Raffey Cassidy strahlt als junge Celeste eine stille Unbeugsamkeit aus. Als der Amoklauf in ihrer Schule beginnt, stellt sie sich dem Attentäter entgegen und bittet ihn, die anderen gehen zu lassen und mit ihr zu beten. Er jagt ihr eine Kugel in den Hals. Sie überlebt und muss neu laufen lernen, zugleich macht sie Karriere. Sie wird als Engel inszeniert, ein Engel, der durchaus Züge von Ehrgeiz, von Gier trägt. Überhaupt ist der Blick des Films speziell — schon in der Art, wie die schwer verletzte Celeste im Rettungswagen gezeigt wird. Kombiniert mit Walkers Musik scheint die Szene regelrecht entrückt, wie der Ausschnitt eines Horrorfilms, dessen Kontext man nicht kennt.

Dieser Eindruck entsteht nicht nur, weil völlig unterschiedliche Genres aufeinandertreffen, sondern auch, weil der Film ständig subtile Künstlichkeitssignale aussendet, wodurch selbst eigentlich realistisch gefilmte Szenen unwirklich erscheinen. Die junge Celeste hat, schon bevor sie angeschossen wird, eine ganz eigenartige Ambivalenz. Sie könnte eine Heilige sein, aber auch Dämon. Leider verfolgt Brady Corbet diese Spannung nicht weiter, im zweiten Teil ist die von Natalie Portman gespielte Celeste das Abziehbild des Abziehbildes des abgerockten Stars.

Die Gegenwarts-Celeste von Natalie Portman ist vor allem sehr öde

Portman rastet aus, wie man sich vorstellt, dass große Popstars ausrasten - Verlust der Körperkontrolle, entfremdete Tochter, Stress mit den doofen Journalisten, Alkoholmissbrauch. Lichter, Bässe. Jude Law ist auch da und sorgt sich. Man nimmt Corbet nicht ab, dass die Attentatsüberlebende Celeste und der Star Celeste dieselbe Person sind. Dabei ist nicht das Problem, dass das Stardasein Celeste angeblich verdorben hat, man glaubt ihr nur nicht, dass es sie auf diese Weise verdorben hat.

Denn auch die in der Kirche singende Celeste hatte schon Züge des Bösen in sich, sie waren nur viel subtiler und dadurch interessanter als Portmans Rundumschlag. Terror und Pop sollen den Rahmen bilden, den Film zusammenhalten, aber die einzelnen Stränge verbinden sich nicht. Der Film suggeriert ständig Bedeutung, ohne klar zu werden, aber er ist auch nicht extrem genug, um die Frage nach der Deutung ad absurdum zu führen.

Die mit beeindruckendste Szene des Filmes zeigt keinen Amoklauf, keine fluchende Portman, sondern Häuser. New York schneidet Corbet zu Scott Walkers "Anthem" - Paukenschläge, Gebäude der Stadt, bedrohliche Festungen, die auf einen niederstarren wie Henker. Es gibt Momente der Zärtlichkeit, vor allem zwischen der jungen Celeste und ihrer Schwester, die als schwarzhaarige Kopien voneinander dieser Welt zu trotzen versuchen. Man wäre ihnen gerne weiter gefolgt, aber der Film löst sein Versprechen nicht ein.

Am Ende gibt Celeste ihr Konzert, und die Erzählerstimme kommentiert, sie habe einmal gesagt, sie hätte damals im Zustand zwischen Leben und Tod ihre Seele an den Teufel verkauft. Vielleicht ist die Gegenwarts-Celeste deswegen so öde: Wer seine Seele an den Teufel verkauft, wird einfach ein unspektakuläres Arschloch. Immer vorsichtig sein, was man so unterschreibt.

Vox Lux, USA 2018 - Regie, Buch: Brady Corbet. Kamera: Lol Crawley. Musik: Scott Walker, Sia. Mit Natalie Portman, Raffey Cassidy. Kinostar, 115 Min.

© SZ vom 25.07.2019/tmh
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