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Volksbegehren Artenschutz:Ein besseres Symboltier als die Biene gibt es nicht

Fleißig, sozial und süß - vom Menschen wird die Biene gerne überschätzt.

(Foto: Eric Ward/Unsplash)

Sie ist süß, genießt einen hervorragenden Ruf und wird seit jeher vermenschlicht. Niemand würde sich offen als Gegner der Biene bezeichnen. Davon profitiert auch das Volksbegehren.

Wenn das Volksbegehren Artenschutz Erfolg hat - wonach im Moment alles aussieht -, geht dieser Sieg auf das Konto der Bienen. Die Initiatoren haben in ihrem Slogan "Rettet die Bienen!" auf das richtige Symbol gesetzt. Die Biene als Maskottchen auszuwählen für ein politisches Unternehmen, das weit über die Bienen hinaus Konsequenzen für Mensch und Tier hat, war ein kluges Manöver, ein positives Framing, wie Linguisten sagen. Bienen retten - wer könnte da widerstehen! Was aber verleiht dem braun-gelben Kerbtier so gewaltiges Mobilisierungspotenzial?

Auch Tierschutz braucht Werbegesichter, die stellvertretend für weniger charismatische Tiere stehen. Bienen sind ideal: große Augen, flauschiger Pelz, ein soziales Image. In Massen gehaltene, fast blinde und nackte Puten haben dagegen auch deshalb kaum eine Chance auf Linderung, weil Menschen sie nicht süß finden.

Bienen haben aber nicht nur alle Sympathien, sondern auch Vorbildcharakter. Fleißig wie eine Biene, sagt der Volksmund. Dabei überschätzt man ihren Fleiß: Studien zufolge werden bis zu 50 Prozent aller Blütenbesuche nicht von Bienen geleistet, sondern von anderen Insekten, den unterschätzten, ungeliebten. Motten, Schwebfliegen, Käfer oder Mücken. Aber anders als Motten bringen Bienen Wählerstimmen, Unterschriften und Forschungsgeld - die Apisarten zählen zu den am besten erforschten Tieren.

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Im Schatten der Bienen gehen all die anderen Insekten glatt unter. So müssen Insektizide laut Bienenschutzverordnung an Honigbienen getestet werden statt an anderen ebenfalls betroffenen Tieren. Bienen stehen seit 1933 unter besonderem Schutz des Gesetzgebers - und heute im Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Das Bienensterben hat das Waldsterben als apokalyptischer Topos abgelöst. Die Angst vor dem allgemeinen Insektensterben treibt weit weniger Menschen um.

Die Biene ist das Symbol für das Prekäre schlechthin geworden

Schon immer stand die Biene dem Menschen näher als schnöde Insekten. Im Mittelalter schätzte man ihren Honig und ihr Wachs als wertvolle Rohstoffe. Während der industriellen Revolution wurde sie zum Ideal der Arbeiter; die Arbeiterstadt Manchester hat sie gar zum Wappentier erkoren. In den vergangenen Jahren kamen sich Mensch und Biene sogar noch näher. Zahlreiche Buchtitel zeugen nicht nur von einer wiederkehrenden Naturromantik, sondern auch davon, wie der Mensch die Biene vermenschlicht: Autoren zeigen sich fasziniert von "Sprache", "Intelligenz", ja "Genie" der Bienen, und loben die Vorzüge der "Bienendemokratie". Ist die Biene der bessere Mensch?

Hinter der Rede von den emsigen "Arbeitern", die einen "Staat" bilden und ihrer "Königin" dienen, standen stets auch politische Interessen. Mit Hilfe der Biene ließ sich sogar die absolutistische Monarchie verniedlichen. Im Umkehrschluss wurde das Schicksal der Bienen den Menschen ein Anliegen, das über reinen Artenschutz hinausweist. Es geht auch um Solidarität, von Untertan zu Untertan, von Arbeiter zu Arbeiter. Wer Bienen rettet, rettet gewissermaßen seinesgleichen.

Heute, da die Arbeiterklasse selbst prekär wird, ist die Biene das Symbol für das Prekäre schlechthin. In Solidarität mit ihr stehen nun quasi alle Klassen und politischen Parteien zusammen. Selbst wer gegen das Volksbegehren ist: Als Gegner der Biene wird er sich nicht outen.

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