"Venus im Pelz" im Kino:In eines Weibes Händen

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Venus im Pelz Mathieu Amalric

Ohne Rücksicht auf Verluste, immer heftiger dient Thomas sich Vanda an.

(Foto: dpa)

Polanskis neue Studie männlicher Unterwerfungslust: "Venus im Pelz", frei nach Sacher-Masoch. In dem Film durchspielt er einen kreativen, schöpferischen Masochismus - der Traum jedes Regisseurs.

Von Fritz Göttler

Es ist vielleicht die älteste Geschichte der Welt. Abendstunde, es regnet und gewittert, Pariser Tristesse. Der Mann will, auch wenn er sich das nie eingestehen würde, von seiner Arbeit einfach noch nicht nach Hause, wo die Frau schon wartet. Während er noch trödelig rumhängt, steht plötzlich eine fremde Frau im Raum . . .

Der Raum ist ein kleines Pariser Theater. Der Mann, Thomas, ist Autor und Regisseur und bereitet gerade sein neues Stück vor, eine Bühnenadaption der "Venus im Pelz", der notorischen Erzählung von Leopold von Sacher-Masoch, von 1870, von der der Masochismus seinen klinischen Namen hat. Das Bühnenbild ist schon mal schaurig chaotisch, zwischen Wagenschuppen und Folterkammer. Thomas ist ein wenig letschert, den ganzen Tag hat er Schauspielerinnen getestet, für die Rolle der Vanda, der Domina der Erzählung.

Die Frau heißt auch - Zufall? - Vanda, sie ist durch ganz Paris gefahren, um vorzusprechen, und schaut deshalb ein wenig ramponiert und ordinär aus, wie eine Obdachlose, mit Tasche und Tüte. Sie jammert, weil nun alles zu spät ist, sogar ein Kleid habe sie doch mitgebracht für die Rolle, tolles 18. Jahrhundert.

Ein Zwei-Personen-Stück, in einem gar nicht so zähen Ringen werden dem Mann Schritt für Schritt seine heimlichen Wünsche zum Bewusstsein gebracht. Roman Polanski mag die geschlossenen Räume, die Hinterstuben der modernen Gesellschaft, in die nur wenig Licht fällt - und wenn, dann ist es oft Bühnenlicht. Die vielstöckigen Bürgerhäuser von New York - in deren Gängen Rosemary versucht, den Mitgliedern der Teufelssekte auszukommen - und von Paris - in dessen Stockwerken der "Mieter" im gleichnamigen Film, von Polanski selbst verkörpert, einem mysteriösen Todessturz nachgeht, den er durchs Fenster zum Hof erlebt, und seinen eigenen Recherchen zum Opfer fällt. Auch wer das Theater betritt in "Venus im Pelz", sollte gleich alle Hoffnung aufgeben, die Kamera fährt dorthinein mit der Unerbittlichkeit einer Geisterbahn.

Polanskis Film basiert auf einem Broadway-Stück von David Ives. Seit einiger Zeit öffnet sich das Kino wieder stark dem Theater, nicht für Filmversionen seiner Stücke, sondern um den Raum auszuforschen zwischen theatralischer und filmischer Repräsentation, um das Spiel des Theaters über die Bühne hinaus zu verlängern - zuletzt hat sich in dieser Richtung Alain Resnais versucht mit seiner bewegenden, verstörenden Eurydike-Travestie "Vous n'avez encore rien vu/Ihr werdet euch noch wundern." Sie solle doch an einem anderen Tag wiederkommen, vertröstet Thomas Vanda, aber er hat natürlich keine Chance, trotz des martialischen Klingeltons seines Mobilphons, des Walkürenritts.

Vanda wird gespielt von Emmanuelle Seigner, Polanskis Ehefrau, das macht den Film erst mal zu einem zwiespältigen private joke. Mathieu Amalric, der den Regisseur Thomas spielt, hat den Wuschelkopf und die Augen des jungen Polanski.

Vandas Kleid ist ein nicht besonders attraktiver dünner Theaterfetzen, aber wenn sie den dann auf dem Leib trägt und ihren ersten Satz aufsagt, macht das Licht aus ihr eine beinah überirdische Erscheinung. Sie dominiert den Blick, und Thomas dient sich ihr an, immer heftiger, ohne Rücksicht auf Verluste. Es werden die Rollen gewechselt in diesem Spiel der Unterwerfung, auch die Kleidung und das Halsband, das Vanda trägt. Dass sie überhaupt noch vorsprechen darf, ist einer Art kindischem Freud'schen Versprecher zu verdanken.

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