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Politik:Nirgends auf der Welt wird die Apokalypse so buchstäblich verstanden wie in den USA

In säkularer Form ist die Vorstellung dieses Endkampfs und die von der Zerschlagung des Bestehenden in der Hoffnung auf den folgenden paradiesischen Zustand, die Grundlage jeder Utopie. Französische Revolution, Kommunismus, Hitlers "Tausendjähriges Reich", sie alle stützten sich auf apokalyptische Ideen.

Doch nirgends auf der Welt wird die Apokalypse so buchstäblich verstanden, nirgends ist sie so präsent wie in den USA. Alle Kirchengründungen, die Adventisten, die Mormonen und die Zeugen Jehovas, stellen sie ins Zentrum ihrer Lehre. Auch die Popkultur ist davon durchdrungen: von naiven Heilsgedanken ("Heal the world, make it a better place, for you and for me and the entire human race") bis zu den Untergangs- und Errettungsplots der Katastrophenfilme. In der 16-bändigen Romanserie "Left Behind" (deutsch: "Finale - Die letzten Tage der Erde") wird die biblische Apokalypse in Thriller-Manier nacherzählt. Die Romane haben sich 65 Millionen Mal verkauft und sind Fundament eines christlich-fundamentalen Medienimperiums mit etlichen Spin-off-Serien, 40 Kinderbüchern, Filmen und Videospielen, die von nichts handeln als der Endzeit.

Nach dem Untergang der Sowjetunion hätte Amerika sich als Sieger fühlen können. Doch das genügte nicht. Es galt, das eigene System aus Demokratie und Kapitalismus weltweit durchzusetzen. Das war der heilige Auftrag der Neocons. Der 11. September kam ihnen, so gesehen, gar nicht ungelegen. Und dass die Terroristen im Namen des Islam auftraten, erlaubte der Bush-Regierung nun ebenfalls offen zu ihrer religiösen Inspiration zu stehen. "Das apokalyptische religiöse Denken ist ... ohne säkulare Tarnung zu einem bestimmenden Faktor der Weltpolitik geworden", so John Gray. Folter, Präventivkrieg, Drohnenangriffe - für all das lieferte das apokalyptische Denken die Legitimation.

Doch die Neocons sind gescheitert. Die Kriege ließen sich nicht gewinnen, Bagdad und Kabul sind von Frieden und Demokratie weiter entfernt denn je. Und an der Wall Street brach 2008 fast das Finanzsystem zusammen. Amerika, Vorbild der Welt, Befreier Europas von Hitler, Bote der Freiheit - das hatte keine Kraft mehr. Statt mit einer Utopie warb Obama mit tautologischer Hoffnung auf Hoffnung - und selbst diese wurde enttäuscht. Amerikas missionarischer Impetus hat nicht nur den Schwung, sondern auch das Ziel verloren.

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USA

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Die Zukunft? Amerikanische Wiedergeburt oder "omnizidales Armageddon"

So sieht es auch Stephen Bannon, früher Chef der rechten Krawall-Website "Breitbart", heute Einflüsterer von Trump und Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat. Doch während andere eine Sinnkrise diagnostizieren, ist die Krise für ihn Teil eines großen, kryptometaphysischen Plans, den William Strauss und Neil Howe in ihrem 1997 erschienenen Buch "The Fourth Turning" postuliert haben. Die Geschichte, so behaupten sie, verlaufe in 80- bis 100-jährigen Zyklen, die in je vier Phasen geteilt sind. Die vierte dieser Phasen mündet jeweils in einen Krieg: Amerikanische Revolution, Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, worauf "The High", die erste Phase eines neuen Zyklus, eine Phase des Neuanfangs und der Wiedergeburt, beginnt.

2010 drehte Bannon den Dokumentarfilm "Generation Zero". Eigentlich geht es da um die Finanzkrise. In Wahrheit beschwört er - untermalt von dräuender Musik, bebildert mit Gewitterwolken, faulendem Gemüse und toten Soldaten an Stränden - den Anbruch jener Krisenphase aus der Pseudowissenschaft von Strauss und Howe. Die Befunde sind teils altbacken, teils überraschend. Von den Hippies, mit denen der Niedergang begann, führt ein Weg zur Bankenkrise. Und die ist Vorbote eines fürchterlichen Kriegs, den Bannon nicht so sehr zu fürchten als herbeizusehnen scheint. Es gab andere Apokalyptiker im Weißen Haus, aber noch nie einen radikalen Untergangsprediger wie ihn.

"Der Jüdisch-Christliche Westen bricht zusammen", erklärte er 2011. "Wir sind in einem 100-jährigen Krieg gegen den radikalen Islam." 2016 prophezeite er: "In den nächsten fünf bis zehn Jahren ziehen wir in den Krieg im Südchinesischen Meer." Und im Vatikan sagte er: "Wir befinden uns in einem offenen Krieg gegen dschihadistischen, islamistischen Faschismus."

Strauss und Howe sehen unterschiedliche Ausgänge für die gegenwärtige Krise: Amerikas Wiedergeburt, seinen Untergang, das Ende der modernen Gesellschaft und das Ende der Menschheit in einem "omnizidalen Armageddon". Krieg ist also unausweichlich, er ist schon im Gange, und je früher man das erkennt, desto größer die Chancen, den Feind, "radikalen islamischen Terrorismus", "vollständig von der Erdoberfläche zu entwurzeln" (so Trump bei der Inauguration).

"Es ist Krieg", predigt Bannon. "Es ist Krieg. (...) Amerika ist im Krieg. Wir sind im Krieg." Nur ist es kein Krieg mehr um des Friedens, sondern ein Krieg um des Krieges willen.