Politik USA, Land der Apokalypse

Ob die Apokalypse so aussieht wie dieses Unwetter, das 2014 über den Ort Sörmeke in in Nordrhein-Westfalen zog?

(Foto: dpa)

Die biblischen Erzählungen von Endzeit und Gottesreich sind amerikanische Urmythen. Doch mit dem apokalyptischen Denken von Donald Trumps Beratern setzt sich ein neuer Geist durch.

Von Jörg Häntzschel

Inaugurations-Reden sind üblicherweise Pathosopern, deren Hauptzweck darin besteht, die politischen Gegner zu umarmen, im Inland Optimismus zu verbreiten und im Rest der Welt guten Willen. Was also war bei Donald Trump los? "Rostige Fabriken stehen verstreut in der Landschaft ... wie Grabsteine", tönte er. "Verbrechen, Gangs und Drogen haben viel zu viele Leben gestohlen." "Der Reichtum der Mittelklasse wurde aus ihren Häusern gerissen." "American carnage", amerikanisches Blutbad, war der Begriff, mit dem er die Realität seines Landes zusammenfasste. Er hielt eine Rede, die wirkte wie dekoriert für Halloween. Seit dem Wahlkampf setzt Trump diese Gothic-Rhetorik fort: Die Zahl der Morde sei auf dem höchsten Stand seit 47 Jahren, sagte er kürzlich, obwohl sie 2014 auf dem niedrigsten Stand war. Ohne sein Einreiseverbot drohe unmittelbare Gefahr für das Land, meint er, obwohl kein Angehöriger der sieben Staaten in den USA je einen Terroranschlag begangen hat.

Doch das ist nur die eine Hälfte des Narrativs. Die andere, ebenfalls aus Trumps Rede vom 20. Januar, lautet: "Von diesem Tag an wird eine neue Vision unser Land führen." "Wir stehen an der Geburt eines neuen Millenniums, bereit, die Geheimnisse des Weltalls zu erschließen, die Erde vom Elend der Krankheiten zu befreien, die Energiequellen, Industrien und Technologien von morgen zu erschließen." Die Lage sei ernst, doch Amerika sei ja geschützt, durch Militär, Polizei und Gott.

Vielleicht meinte Trump mit "Millennium" nur das dritte Jahrtausend. Viele seiner Anhänger werden etwas anderes verstanden haben: das 1000-jährige Reich Gottes nämlich, von dem in der Offenbarung des Johannes die Rede ist. Trump ist der am wenigsten religiöse Präsident der letzten Jahrzehnte. Aber wie kein anderer hat er seinen politischen Durchmarsch auf die Apokalypse-Vorstellung gegründet, den biblischen Mythos, der zum amerikanischen Nationalmythos geworden ist.

Donald Trump "Wir haben maximal ein Jahr Zeit, um Amerikas Demokratie zu verteidigen"
Timothy Snyder über Donald Trump

"Wir haben maximal ein Jahr Zeit, um Amerikas Demokratie zu verteidigen"

Kann man die Ära Donald Trump mit den Dreißigerjahren vergleichen? Der Historiker Timothy Snyder über Lehren aus der Geschichte und darüber, was jetzt zu tun ist.   Interview von Matthias Kolb

In den USA hat man die Apokalypse immer wörtlich verstanden

Viele Europäer haben nur noch vage Vorstellungen von der biblischen Apokalypse-Erzählung. Sie würden das Wort mit Weltuntergang übersetzen und ihn sich ausmalen wie den Untergang eines Schiffs, als finale Katastrophe. Für sie ist die Weltuntergangsangst so mittelalterlich wie die Vorstellung von der Erde als Scheibe. Umso schockierender war es, als im 20. Jahrhundert mit dem atomaren Wettrüsten das Weltuntergangsszenario als reale Gefahr auch für Aufgeklärte zurückkehrte.

Die apokalyptische Erzählung der Offenbarung mit der Endzeit, der Großen Trübsal, dem Zweiten Kommen von Jesus Christus und dem Millennium, also dem Tausendjährigen Reich, das dieser Wiederkunft folgen soll, wird in europäischen Kirchen meist nur noch allegorisch verstanden. Die "prämillenaristische" Vorstellung einer düsteren Ära der Katastrophen, die dem paradiesischen Millennium vorausgeht, und vor der, so glauben einige, Jesus die guten Christen zu sich in den Himmel holt, ist von viel unverbindlicheren und optimistischeren Interpretationen verdrängt worden: Nach der "postmillenaristischen" wirken die Christen selbst an der Errichtung des Gottesreichs mit, in dem wir bereits leben, und bereiten damit den Boden für die Wiederkehr Jesu. Nach dem gängigen "amillenaristischen" Verständnis ist das Reich Gottes ohnehin nur symbolisch zu deuten.

Ganz anders ist es in den USA. Unter den puritanischen Siedlern war der Glaube verbreitet, man habe die Endzeit im heimischen England bereits erlebt und stehe nun mit der Ankunft in Amerika am Beginn des 1000-jährigen Gottesreichs. Sie kombinierten also die zeitliche Abfolge der Ereignisse, von denen in der Bibel die Rede ist, mit einer räumlichen Dimension. Das "Neue Jerusalem" war kein Zeitalter, sondern ein Ort, der amerikanische Kontinent, und die Siedler hatten die Mission, es aufzubauen. Der Mythos wurde immer wieder gedreht und gewendet. Über weite Strecken der Geschichte traten die dramatischeren apokalyptischen Aspekte in den Hintergrund. Was blieb, war die Vorstellung von Amerika als "God's Own Country", einem göttlich privilegierten Ort, und "Shining City on a Hill", einem leuchtenden Vorbild für die Welt. Die Apokalypse-Vorstellung wurde zum Kern der Nationalmythologie. Der Ideenhistoriker und Philosoph John Gray spricht von der "Amerikanisierung der Apokalypse".

Amerikanische Politiker haben in Krisenzeiten immer wieder auf diese Idee zurückgegriffen. Sie diente dazu, eine zusammengewürfelte Bevölkerung zu einen; rechtfertigte das Abschlachten der Indianer; machte die Unbill der Kolonisierung erträglicher, indem es die Besiedelung des Westens in eine universale Mission einbaute; und kompensierte Amerikas Vergangenheitslosigkeit durch eine aus der Zukunft hergeleitete Teleologie.

Die Neocons wollten Amerikas Werte in der Welt durchsetzen. Sie sind gescheitert

Und auch die bedrohlicheren Elemente des Mythos wurden bei Bedarf immer wieder abgerufen. Im Wahlkampf 1912 rief Theodore Roosevelt seinen Unterstützern zu: "Wir stehen vor dem Armageddon und wir kämpfen für den Herrn." George W. Bush sprach vom 11. September 2001 als "Tag des Feuers". Und Al Gore warnte vor dem Klimawandel mit den Worten: "Die (apokalyptischen) Reiter machen ihre Steigbügel fertig." Die Apokalypse-Idee mobilisiert nicht nur für den Kampf Gut gegen Böse, sie produziert auch moralische Eindeutigkeit. Mit dieser Idee wurde im Kalten Krieg zwischen USA und dem "Evil Empire" (so nannte Reagan 1983 die Sowjetunion) Geopolitik gemacht.