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Unwort des Jahres:"Über unsere Wahl soll sich ruhig jeder seine eigene Meinung bilden"

Gibt es etwas, das Sie bei den Einsendungen zuletzt besonders bewegt hat?

Was mir leidgetan hat, ist, dass wir den von einer Schulklasse eingereichten, zynischen Begriff "Auschwitz-Line" nicht mehr berücksichtigen konnten. Den hat der Rapper Farid Bang als Entschuldigung für seine antisemitischen Äußerungen verwendet. Besonders krass fand ich, allerdings schon vor Jahren, die vom Kardinaldekan geprägte Formulierung "Geschwätz des Augenblicks" für die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche.

Als unabhängige Jury treten Sie für Demokratie, Menschenwürde und gegen Diskriminierung und sprachliche Verschleierung ein. Dennoch hagelt es immer wieder Kritik, die von Ihnen ausgewählten Unwörter seien entweder falsch verstanden worden ("Ich-AG") oder kaum im Gebrauch ("sozial verträgliches Frühableben"). Stört Sie das?

Es geht uns ja nicht um Konsens. Eher darum, zur Diskussion und zum Nachdenken anzuregen. Über unsere Wahl soll sich ruhig jeder seine eigene Meinung bilden. Der Ansatz ist eher ein von Immanuel Kant geprägter, aufklärerischer. Der Mensch soll Verantwortung übernehmen für das, was er tut. Und sprachwissenschaftlich ist für uns Ludwig Wittgenstein enorm wichtig: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache." Genau da setzen wir an.

Ursprünglich wurde das Unwort von der vom Bund subventionierten "Gesellschaft für deutsche Sprache" gewählt, dann machte sich die Unwort-Jury selbständig. Wie kam es dazu?

Anfang der Neunziger sollte Helmut Kohls Äußerung vom "kollektiven Freizeitpark" Deutschland zum Unwort erklärt werden. Daran entzündete sich jedoch eine heftige Diskussion. Also hat man das Unwort abgekoppelt, um eine freie, unabhängige Wahl zu garantieren.

In Österreich ermittelt seit 1999 die Grazer Forschungsstelle für Österreichisches Deutsch Wort und Unwort des Jahres, in der Schweiz eine private Jury. Sind Sie als Sprachwissenschaftlerin manchmal neidisch auf in Deutschland undenkbare Kandidaten wie "Vollholler", "Schweigekanzler" oder "situationselastisch"?

Nein. Mir reicht die bundesdeutsche Auswahl. Uns geht es um Wörter, die im öffentlichen deutschen Diskurs wie selbstverständlich verwendet werden und bei genauerer Analyse doch diffamierend oder diskreditierend sind.

Ihr Vater war der Philosoph Peter Janich. War Sprache ein großes Thema schon in Ihrer Jugend?

Und ob. Mein Vater war entsetzt von meinen jugendlichen Ausdrücken wie "echt" oder "geil". Ihm war wichtig, dass man seine Sprache in einer Gemeinschaft nur in dem Rahmen ausleben kann, der nicht auf Kosten anderer geht. Und das hat mich geprägt.

© SZ vom 15.01.2019/jmau
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