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Unwort des Jahres:"Der Diskurs ist stark nach rechts gerückt"

Unwörter der vergangenen Jahre: Am Dienstag entscheidet sich, welches Wort für das Jahr 2018 dazukommt.

(Foto: SZ)

Sprache beeinflusst unser Denken: Das soll auch die Wahl zum "Unwort des Jahres" zeigen. Ein Gespräch mit Jurymitglied Nina Janich über sprachlichen Leichtsinn.

Interview von Martin Zips

An diesem Dienstag wird es wieder verkündet, das deutsche "Unwort des Jahres". Eine Jury aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten hat es diesmal aus 300 verschiedenen Vorschlägen ausgewählt. Jurysprecherin ist Nina Janich, Professorin für Germanistische Linguistik in Darmstadt.

SZ: Frau Janich, durch die jährliche Unwort-Wahl möchten Sie die Sprachsensibilität der Menschen verbessern. Wenn Sie auf die vergangenen 18 Jahre Ihrer Jurymitgliedschaft zurückblicken: Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie bisher erreicht haben?

Nina Janich: Wir untersuchen ja den öffentlichen Gebrauch der Sprache. Im Ergebnis ist das schon ambivalent. Einerseits würde ich sagen, dass unsere Aktion natürlich etwas gebracht hat. Unwörter und Jurybegründungen werden beispielsweise in Schulbüchern und von vielen Medien zitiert. Das "Unwort" ist eine feste Größe geworden. Spätestens seit dem Jahr 2015 und dem ganzen Migrationsdiskurs jedoch hat sich die politische Kommunikation in Deutschland erheblich verändert. Der Diskurs ist stark nach rechts gerückt. Unwörter, wie wir sie bisher vor allem von AfD-Politikern kannten, kommen nun auch von Politikern anderer Parteien.

Nimmt gleichzeitig das Bewusstsein der Menschen für sprachliche Feinheiten ab? Für 2018 haben Sie ja so wenig Vorschläge erhalten wie noch nie.

Das kann tatsächlich daran liegen, dass sich die Leute weniger Gedanken über Formulierungen machen. Aber vielleicht ist auch meine Pressearbeit dieses Jahr schlechter gewesen.

In den vergangenen Jahren haben Sie "alternative Fakten" von Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway sowie Pegida-Schlachtrufe wie "Volksverräter", "Gutmensch" und "Lügenpresse" zu Unwörtern erklärt. Welche Reaktionen erhalten Sie darauf?

Zustimmung äußert sich selten schriftlich und sofort. Protestmails hingegen erhalten wir meist während der noch laufenden Pressekonferenz. Aber das ist immer schon so gewesen. Vielleicht wird es aggressiver, noch bleibt es aber im Rahmen des negativ Üblichen. Auf unsachliche Zuschriften reagieren wir gar nicht mehr.

Nina Janich

Nina Janich, 50, ist Professorin für Deutsche Linguistik an der TU Darmstadt.

(Foto: OH)

Wilhelm von Humboldt bezeichnete Sprache als "Bildendes Organ des Gedanken". Was hätte er dazu gesagt, dass heute nicht nur Menschen, sondern auch Computer-Bots Diskussionen führen können?

Das Problem bleiben die Menschen. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat das einmal sehr schön formuliert, als er meinte, dass wir Humanität neu lernen müssen. Dinge, die bisher unbezweifelbare Werte der Demokratie waren, müssen offensichtlich wieder neu verhandelt werden. Als Sprachwissenschaftler versuchen wir diesen Prozess zugunsten jener Werte zu unterstützen.

Der häufigste Unwort-Vorschlag soll diesmal der vom bayerischen Ministerpräsidenten Söder geprägte Ausdruck "Asyltourismus" gewesen sein. Hat er Chancen?

Sein Nachteil ist, dass wir als Jury bereits vor einigen Jahren den Ausdruck "Sozialtourismus" zum Unwort erklärt haben.

Wie wäre es dann mit Alexander Gaulands "Fliegenschiss"-Äußerung?

Auch eher unwahrscheinlich. Es wäre ja furchtbar, wenn wir uns bei der Wahl nur von Provokationen der AfD treiben ließen.

Man könnte mit Ludwig Wittgenstein entgegnen: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt".

Ja, aber genau das ist der Zweck von Sprachkritik: Diese Grenzen auszuloten, Verschiebungen zu prüfen und Gegenentwürfe anzubieten, die die Welt nicht zu eng werden lassen. Als Kandidaten zuletzt im Rennen waren unter anderem "Ankerzentrum", "Anti-Abschiebe-Industrie", "Gesinnungsdiktatur", "Menschenrechtsfundamentalismus", "Messer-Migration", "Rückführung" und "Umweltprämie".

"Über unsere Wahl soll sich ruhig jeder seine eigene Meinung bilden"

Gibt es etwas, das Sie bei den Einsendungen zuletzt besonders bewegt hat?

Was mir leidgetan hat, ist, dass wir den von einer Schulklasse eingereichten, zynischen Begriff "Auschwitz-Line" nicht mehr berücksichtigen konnten. Den hat der Rapper Farid Bang als Entschuldigung für seine antisemitischen Äußerungen verwendet. Besonders krass fand ich, allerdings schon vor Jahren, die vom Kardinaldekan geprägte Formulierung "Geschwätz des Augenblicks" für die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche.

Als unabhängige Jury treten Sie für Demokratie, Menschenwürde und gegen Diskriminierung und sprachliche Verschleierung ein. Dennoch hagelt es immer wieder Kritik, die von Ihnen ausgewählten Unwörter seien entweder falsch verstanden worden ("Ich-AG") oder kaum im Gebrauch ("sozial verträgliches Frühableben"). Stört Sie das?

Es geht uns ja nicht um Konsens. Eher darum, zur Diskussion und zum Nachdenken anzuregen. Über unsere Wahl soll sich ruhig jeder seine eigene Meinung bilden. Der Ansatz ist eher ein von Immanuel Kant geprägter, aufklärerischer. Der Mensch soll Verantwortung übernehmen für das, was er tut. Und sprachwissenschaftlich ist für uns Ludwig Wittgenstein enorm wichtig: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache." Genau da setzen wir an.

Ursprünglich wurde das Unwort von der vom Bund subventionierten "Gesellschaft für deutsche Sprache" gewählt, dann machte sich die Unwort-Jury selbständig. Wie kam es dazu?

Anfang der Neunziger sollte Helmut Kohls Äußerung vom "kollektiven Freizeitpark" Deutschland zum Unwort erklärt werden. Daran entzündete sich jedoch eine heftige Diskussion. Also hat man das Unwort abgekoppelt, um eine freie, unabhängige Wahl zu garantieren.

In Österreich ermittelt seit 1999 die Grazer Forschungsstelle für Österreichisches Deutsch Wort und Unwort des Jahres, in der Schweiz eine private Jury. Sind Sie als Sprachwissenschaftlerin manchmal neidisch auf in Deutschland undenkbare Kandidaten wie "Vollholler", "Schweigekanzler" oder "situationselastisch"?

Nein. Mir reicht die bundesdeutsche Auswahl. Uns geht es um Wörter, die im öffentlichen deutschen Diskurs wie selbstverständlich verwendet werden und bei genauerer Analyse doch diffamierend oder diskreditierend sind.

Ihr Vater war der Philosoph Peter Janich. War Sprache ein großes Thema schon in Ihrer Jugend?

Und ob. Mein Vater war entsetzt von meinen jugendlichen Ausdrücken wie "echt" oder "geil". Ihm war wichtig, dass man seine Sprache in einer Gemeinschaft nur in dem Rahmen ausleben kann, der nicht auf Kosten anderer geht. Und das hat mich geprägt.

© SZ vom 15.01.2019/jmau
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