Underdox-Filmfestival in München:Lieber sterben als träumen?

Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?; Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?

"Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" von Alexandre Koberidze aus Georgien.

(Foto: Uderdox)

Transiträume in die Freiheit: Das 16. Münchner Underdox-Filmfestival versammelt spannende Dokumentarfilme.

Von Fritz Göttler

Der Herbst ist da, Zeit wieder mal für wuchtige Sätze, Death is better than dreaming ... zum Beispiel. Sätze, die nicht unverrückbar stehen dürfen, die immer neu infrage gestellt werden müssen. Eben dies ist die Aufgabe, die das Münchner Underdox-Festival sich stellt, das am Donnerstag beginnt, die sechzehnte Ausgabe (Filmmuseum, Werkstattkino, Theatiner, Galerie der Künstler). "Tod ist besser als Träumen ... man wacht nicht mehr auf danach", das sagt ein weißer alter Mann in "The Lobby", dem neuen Film von Heinz Emigholz. Man sieht ihn - es ist der unvergleichliche John Erdman - sitzen in diversen Eingangsräumen gutbürgerlicher Apartmentbauten in Buenos Aires. Perfekte Transiträume, Sätze wie Passepartouts. Das Ambiente affiziert das Gesagte, die immer wieder andern Blickwinkel, insistent oder verfremdend. Man lernt mit diesem Sprechen das Schauen.

Die Underdox-Macher Dunja Bialas und Bernd Brehmer haben ein paar alte Bekannte aus früheren Jahrgängen versammelt, Ludwig Wüst und Norbert Pfaffenbichler, Ted Fendt und Denis Côté, und Frederick Wiseman, den großen Mann der amerikanischen Dokumentation, über neunzig Jahre, der in "City Hall" uns sehen lässt, wie man eine Stadt, Boston, am Funktionieren halten kann. Ebenfalls aus den USA stammt "Far from Afghanistan", bereits 2012 entstanden. Der Film von fünf jungen Filmern ist inspiriert von dem französischen Film "Loin du Vietnam" (bei dem unter anderen Varda, Godard, Ivens, Resnais mitmachten), er zeigt die Schrecken der kriegerischen Aktionen in Afghanistan, aber auch, wie solcher Imperialismus zusammenhängt mit den Schrecken des sozialen Systems in Amerika. "Das Empire verschlingt seine Eingeweide."

Im märchenhaften "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" von Alexandre Koberidze aus Georgien kann ein Liebe-auf- den-ersten-Blick-Paar nicht mehr zueinanderfinden, weil sie auf mysteriöse Weise ihre Gestalten gewechselt haben. Sie müssen aufs Kino vertrauen, bis sie erlöst werden. Auch der neue Film von Jean-Marie Straub wird gezeigt, "La France contre les robots". Ein Flaneur wandelt den Genfer See entlang, murmelt Sätze von Georges Bernanos, mit entschiedener Beiläufigkeit. Wuchtige Sätze von bestürzender Aktualität. Die politischen Systeme, West wie Ost, sind alle totalitär: "Eine Welt, die für die Technik gewonnen wurde, ist verloren für die Freiheit."

© SZ
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