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Überraschungsalbum "Beyoncé":Sie lässt das Publikum an sich ran

Dem Musikgenre R'n'B im Allgemeinen, ganz besonders Beyoncé wird ja oft der Hang zur Kälte und Makellosigkeit vorgeworfen, die Illusion, für einen breiten, konservativen Markt zu produzieren, in dem ein allzu individuelles Profil die Kunden bloß verunsichert.

Ein paar glitschige Balladen gibt es natürlich auch auf dem neuen Album, mehrere Videos erinnern mit wehenden Stoffbahnen und in Zeitlupe über Körperteile streichenden Händen an die Sinnlos-Ästhetik von Parfum-Werbespots. Und dennoch gelingt hier an vielen Stellen das, was Popstars gern in der Phrase zusammenfassen, sie würden das Publikum näher an sich heranlassen.

Beyoncé inszeniert ihr Familienleben als High-Class-Soap-Opera. Spielt im großartigen, an den verstorbenen Fotografen Herb Ritts erinnernden "Drunk In Love" mit ihrem Mann Jay Z nachts am Strand, führt ihm in der Screwball-Szenerie von "Partition" in einem Pariser Revuetheater ein paar erotische Alter-Egos vor, singt mit ihrer einjährigen Tochter.

Was viele Boulevardmedien nun als intime Blicke ins Star-Zuhause verkaufen, ist hier freilich nur die Rahmenhandlung für einige Bilder mit alternativen Möglichkeiten: In anderen Videos zeigt Beyoncé sich als vom Schlankheitswahn Geplagte, als Rebellin mit Sturmhaube, Suburbia-Diva und, unterlegt mit Auszügen aus dem TED-Talk der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, als Feministin.

Der privilegierten Millionärin hier einfach nur Scheinheiligkeit vorzuwerfen, das greift zu kurz. Natürlich trägt sie diese starken Bilder mit ihrem Album in unzählige Jugendzimmer, in denen das widerständige Ich nicht nur - wie bei ihr selbst - eine nachträgliche, theoretische Option ist.

Die PR kommt hinterher - ganz von selbst

Es ist nach nur drei Tagen zwar schwer zu sagen, aber womöglich wird "Beyoncé" in einem der schnellsten Pop-Genres zu einem der langlebigsten Epen. Und die PR, die man vorab bewusst weggelassen hat, kommt einfach hinterher. Ganz von selbst. Ein Distinktionssieg fürs Marketing.

© SZ vom 16.12.2013/pak

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