bedeckt München 15°
vgwortpixel

Übergriffe in Hollywood:Kevin-Spacey-Filme auszusortieren ist auch keine Lösung

House of Cards

In House of Cards spielte Kevin Spacey die Figur des skrupellosen US-Präsidenten Frank Underwood. Wie schaut man nach den Vorwürfen gegen den Schauspieler auf die Serie?

(Foto: Sky Atlantic)

Wie soll man umgehen mit Schauspielern, denen sexuelle Belästigung vorgeworfen wird? Ein erster Schritt wäre, zwischen Kunstwerk und Künstler zu unterscheiden.

Irgendetwas hat sich anders angefühlt als beim Fall Harvey Weinstein. Man hat ein bisschen länger gezögert, bevor man den Gedanken zuließ: Kevin Spacey? Wirklich? Und dann ein paar Tage später: Dustin Hoffman? Der auch? Natürlich ist so eine Reaktion unsinnig. Jemand kann ein großartiger Schauspieler sein und trotzdem ein Verbrechen begehen. Aber Harvey Weinstein war eben ein Produzent, den außerhalb des Showbusiness kaum jemand wahrnahm. Kevin Spacey und Dustin Hoffman sind Künstler, deren Kunst einen jahrzehntelang begleitet hat. Man hat sich mit ihnen verliebt, mit ihnen gelitten, hat ihre Gesichter dabei beobachtet, wie sie alterten.

Rain Man, American Beauty, Die Reifeprüfung, House of Cards. Soll man nun anders mit diesen Werken umgehen, weil ihre Hauptdarsteller unter dem Verdacht stehen, sich der sexuellen Belästigung schuldig gemacht zu haben? Sollte man Spacey und Hoffman von jetzt an als Schauspieler boykottieren? Darüber nachzudenken, ist nicht nur Aufgabe von Produzenten, auch das Publikum muss sich zwangsläufig fragen, wie es zu den Schauspielern und ihren Filmen steht.

Frauenrechte und Gleichberechtigung Dustin Hoffman soll 17-Jährige sexuell belästigt haben
Übergriffe in Hollywood

Dustin Hoffman soll 17-Jährige sexuell belästigt haben

Als Praktikantin am Set habe der Oscarpreisträger ihr gegenüber anzügliche Sprüche gemacht und sie begrapscht, schreibt die Autorin Anna Graham Hunter. Hoffman reagiert mit einer Entschuldigung.

Die Filmbranche hat sich im Fall von Kevin Spacey überraschend schnell positioniert und übt sich zurzeit in der Kunst der Distanzierung. Am Dienstag strichen Produzenten der NBC-Serie "This is Us" eine Referenz über einen Kevin-Spacey-Film aus einem Dialog der aktuellen Folge. Sie ersetzten sie schlichtweg mit einer Anspielung auf den Schauspielerkollegen Christian Bale. Und der Streamingdienst Netflix entschied sich Anfang der Woche, die Dreharbeiten zur sechsten Staffel House of Cards zu unterbrechen. "Das gibt uns Zeit, die Situation zu bewerten", hieß es als Begründung.

Wie genau aber lässt sich eine solche Situation bewerten? Wie schwierig die Frage zu beantworten ist, zeigt sich schon daran, wie häufig sie in der Vergangenheit gestellt wurde, etwa bei Künstlern, die im 20. Jahrhundert dem faschistischen Denken nahe standen. Ein bisschen hilft es schon, wenn man die Frage unterteilt - in den Umgang mit dem Werk und den Umgang mit der Person.

1967 rief der französische Philosoph Roland Barthes in einem Aufsatz den "Tod des Autors" aus. Der Sinn eines Textes werde vom Leser erzeugt, die Person des Schriftstellers, sein Wirken und seine Intentionen seien dabei nachrangig. Barthes' Aufsatz wurde in den darauffolgenden Jahrzehnten heftig diskutiert. Sein Kerngedanke aber bleibt hilfreich, egal um welche Kunstform es sich handelt: Es ist legitim - und äußerst aufschlussreich - zwischen einem Kunstwerk und der Person zu unterscheiden, die das Kunstwerk produziert hat. Diese Unterscheidung fällt in gewisser Weise sogar leichter, wenn es um Filme geht, die ja sehr viel stärker als Literatur eine Teamleistung sind. Wer nun zum Beispiel die Serie House of Cards boykottiert, bestraft damit automatisch auch Robin Wright, die zweite Hauptdarstellerin, die nichts für das mögliche Fehlverhalten ihres Kollege Kevin Spacey kann. Natürlich ist eine Theorie nie ganz in die Praxis umzusetzen. Wer heute die Reifeprüfung oder American Beauty guckt, wird dabei wohl andere Gefühle und Assoziationen haben als vor den Belästigungsvorwürfen. Aber gucken kann und sollte man sie allemal, denn es sind fantastische Filme.

Die Vergangenheit, die bereits produzierten Filme, sind das eine. Aber wie sieht es mit der Zukunft aus? Sollte die Filmbranche weiter mit Künstlern wie Spacey oder Hoffman arbeiten?