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Trier: Ausstellungen über Armut:Eure Armut kotzt uns an

Vom antiken Graffiti-Slogan "Ich verabscheue Armut" über Witzfiguren, mit denen sich Wolhabende über Benachteiligte lustig machten - bis zu Westerwelles "spätrömischer Dekadenz": Zwei Ausstellungen in Trier zeigen, wie die Gesellschaft mit ihren Ärmsten umgeht.

Rudolf Neumaier

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Quelle: Karin Powser, Wohnkomfort im neuen Stil, 1993, Besitz der Künstlerin © Karin Powser/ Repro: Trauth

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Armut und Abscheu. Der Spruch ist die richtige Einstimmung auf eine Ausstellungstour durch Trier. Er führt vor Augen, dass es eine 2000 Jahre alte Kontinuität gibt im Verhältnis der Gesellschaft zu Armen - trotz christlicher Karitas, trotz der Sozialmoral der Aufklärung. Wer sieht es schon gerne, wenn vor seiner Haustür Obdachlose campieren? Und welcher Staat freut sich, wenn er Flüchtlinge aus Nordafrika aufnehmen soll, die den Seelenverkäufertrip übers Mittelmeer überlebt haben? Setzt sich nicht in diesem Ausblenden, Verdrängen, Abweisen von Armut die archaische Abscheu fort? Historiker haben dafür einen Leitbegriff entdeckt: Exklusion.

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Quelle: Kopf eines alten Fischers,© Archäologisches Museum der Uni Münster, Foto: Robert Dylka

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In der Antike manifestierte sich diese Exklusion in purer Menschenverachtung. Die Ausstellung "Armut in der Antike" im Rheinischen Landesmuseum vermittelt einen Eindruck von dieser Segregation. Arme waren Abschaum, ihr Zustand galt als selbstverschuldet. Die meisten der beispielhaften Exponate stammen aus dem hellenistischen Alexandria, einer vor Reichtum strotzenden Weltstadt. Die Mittellosen labten sich am Überfluss dieses Schmelztiegels, denn im Müll der Oberschicht fanden sie noch genug, um über die Runden zu kommen.

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Quelle: Jörg Immendorff, Oskar für Obdachlose, 2005, Courtesy www.fiftyfifty-galerie.de © Foto: M. Ondruch

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Die Geldelite registrierte diese Bettler durchaus: als Witzfiguren. Die Wohlhabenden ließen groteske Statuetten anfertigen, Öllampen und Schmuckstücke. Die Trierer Antikenschau zeigt sie zu Dutzenden. Es sind gebrechliche alte Männer mit markant großen Nasen und überdimensionalen Penissen. Ihre Entblößung und die Geschlechtsteile, die in ihrer Größe als hässlich galten, symbolisierten die animalische Triebhaftigkeit dieser Straßenmenschen. Wozu die Figuren dienten, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht im Klaren. Fungierten die Figuren als Talismane, die Unheil abwehren sollten? Oder waren es nur Statussymbole, mit denen sich die Inhaber abgrenzten? Die historischen Quellen sind zu dürftig für eine Antwort. So bleiben die Figuren Zeugnisse einer Kultur des Sarkasmus und der Dekadenz.

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Quelle: Max Liebermann, 1876/Arp Museum Bahnhof Rolandseck © Sammlung Rau für Unicef

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Nach diesem Entree entfaltet sich ein Panorama, das man als prächtig bezeichnen müsste, wenn es nicht um Armut ginge. Es gewährt, wenn man sich darauf einlässt und sich Zeit nimmt, Einblicke in die Menschheitsgeschichte und noch viel mehr in die Menschlichkeitsgeschichte. Im Fokus der Kuratorin Nina Trauth, einer Kunsthistorikerin, stehen nicht die Armen und ihre Lebensverhältnisse selbst, sondern der Umgang der abendländischen Kulturen mit ihnen - wie der Untertitel der Ausstellung, "Perspektiven in Kunst und Gesellschaft" ankündigt. Die Ausstellung ist zu sehr als Reflexion angelegt, als dass sie Betroffenheit auslösen oder gar Mitleid erweckte mit den armen Teufeln, die bestenfalls als Ob- und nie als Subjekte gezeigt werden. Sie basiert auf einem umfangreichen interdisziplinären Forschungsprojekt der Universität Trier, aus dem unter der Leitung des Literaturprofessors Herbert Uerlings ein opulenter Aufsatzband und Katalog hervorgegangen ist - mit 450 Seiten ein schätzungsweise drei Kilo schwerer Meilenstein in der Armutsforschung.

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Quelle: Jacques Callot, Bettler, 1622/23 © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe/Foto: A. Fischer/ H. Kohler

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Unsexy war Armut schon immer, sieht man von wenigen Ausnahmen wie Diogenes, dem Kyniker aus dem Fass, ab. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass sich gerade die Kirche profilierte, indem sie Wohlfahrt propagierte. Die ersten Zeugnisse im Mittelalter lassen sich anhand von Armenlisten zur Zeit der Karolingischen Reform fassen. Sie sah einen Teil des Kirchenzehnten für die Armenfürsorge vor. Schon hier wurde zwischen wahrhaft Bedürftigen und arbeitsscheuen Bettlern unterschieden. Die Trierer Steuerliste, eines der wenigen historischen Exponate in dieser von kunstgeschichtlichen Stücken dominierten Ausstellung, verdeutlicht, wie schnell Menschen in der Armutsfalle landeten. Eine Krankheit, eine Verletzung, ein Brand - schon war die Existenz vernichtet.

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Quelle: Umkreis Tilman Riemenschneider, Hl. Elisabeth, 15. Jh./ © Lothar Schnepf, Kolumba Köln

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Es dauerte allerdings bis ins 16. Jahrhundert, ehe Künstler wie Albrecht Dürer und der hier ausgestellte Jacques Callot Arme explizit abbildeten. In diese Zeit fällt auch ein grundlegender, wenn man so will, sozialpolitischer Wandel: Die Städte, also die kommunale Allgemeinheit, übernahmen mehr und mehr die Verantwortung für die Armenfürsorge, wohl nicht zuletzt weil der Kirche nach dem Versiegen der Ablassgeschäfte die Mittel abhandenkamen und die Heiligen, die Ikonen der Barmherzigkeit, im Zuge der Reformation Popularität einbüßten. Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung in den Darstellungen der "Sieben Werke der Barmherzigkeit" von Pieter Brueghel dem Älteren und seines Sohnes: Der Ältere platzierte die Allegorie der christlichen Caritas noch im Zentrum seiner Zeichnung, der Jüngere sparte sie in seinem Gemälde aus.

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Quelle: Museum der Brotkultur, Ulm/Pieter Brueghel d. J.: Die Sieben Werke der Barmherzigkeit, 1616 - 1638

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Am Ende der Ausstellung keimt doch noch so etwas wie Mitleid auf: Ein Bettler erzählt in einem Video aus seinem Leben und davon, dass er sich nützlich macht, indem er Kirchenbesuchern die Tür aufhält. Es hat einen sonderbaren Beigeschmack, wenn man das Simeonstift verlässt und zum Trierer Dom gelangt, um dort zur Abrundung die Domkanzel des Hans Ruprecht Hoffmann anzuschauen, die wieder die Sieben Werke der Barmherzigkeit zeigt. Vor dem Portal knien Bettler, Profis scheint's. Vor Kirchen geht das Geschäft offenbar immer noch recht gut - auch ohne Türaufhalten.

"Armut. Perspektiven in Kunst und Gesellschaft", Stadtmuseum Simeonstift, Trier. Katalog 39,90 Euro. "Armut in der Antike", Rheinisches Landesmuseum, Trier. Katalog 9,80 Euro. Bis 31 Juli.

© SZ vom 8.6.2011/sueddeutsche.de/rus
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