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Trauerfeier für Marcel Reich-Ranicki:"Dass das Leben irgendwann endet"

Schriftsteller sieht man weniger. Kaum überraschend fehlen Grass und Walser - Letzterer hat ihm allerdings am selben Tag in der Zeit noch so versöhnlich nachgerufen, wie es ging. "Er war hauptsächlich lebendig", so Walser.

Trauerfeier für Marcel Reich-Ranicki

Thomas Gottschalk bei seiner Rede bei der Trauerfeier für seinen Duzfreund Marcel Reich-Ranicki.

(Foto: dpa)

Thomas Gottschalk, ein Duzfreund, der für Reich-Ranickis Talent zur Unterhaltung steht, sagt: "Ich stehe hier als Vertreter der geistigen Mittelklasse", und er findet, als letzter Redner bei diesen weltlichen Exequien, den richtigen Ton. Und da ist natürlich die Welt der Presse, des Feuilletons. Viele bedeutende Kolleginnen und Kollegen sind da. Man sollte es nicht vergessen: Vor dem großen Erfolg im Fernsehen und mit der Autobiografie, aber auch darüber hinaus noch, wurde eine Figur der literarischen Republik wie Reich-Ranicki stets vom Apparat großer, anspruchsvoller Zeitungen getragen, die langen, kritischen Buchbesprechungen Raum gegeben haben. Das, hoffen hier alle, sollte nicht gleich mitbegraben werden.

Zum Grab schritt man nach der Trauerfeier nicht, es wird nach Feuerbestattung, wie schon bei seiner vor zwei Jahren gestorbenen Frau Tosia, eine Urnenbeisetzung im kleinsten Kreis geben. In rund vier Wochen soll noch eine öffentliche Gedenkveranstaltung in der Paulskirche stattfinden.

"Jeder weiß, dass das Leben irgendwann endet", hat Marcel Reich-Ranicki in einem seiner letzten Gespräche mit seinem Biografen Uwe Wittstock gesagt. "Aber selten machen wir uns klar, dass wir selbst es sind, die sterben werden. Während die Welt ungerührt weiterexistiert. Literatur öffnet uns manchmal für Momente die Augen für diese Wahrheit, vor der wir sie sonst zumeist schließen."

Lassen wir also das letzte Wort Heinrich Heine, dem von Reich-Ranicki, dem Erfinder der "Frankfurter Anthologie", geliebten Dichter. Heines "Epilog" nahm er in seine Sammlung der "besten deutschen Gedichte" auf. Das Gedicht ist eine Widerlegung der Behauptung "Unser Grab erwärmt den Ruhm", also jener Idee des ehrenvollen Heldentodes, die auch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts noch befeuert hat. Da heißt es: "Der Pelide sprach mit Recht: / Leben wie der ärmste Knecht / In der Oberwelt ist besser, / Als am stygischen Gewässer / Schattenführer sein, ein Heros, / Den besungen selbst Homeros."

© SZ vom 27.09.2013/ihe
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