Süddeutsche Zeitung

Trauerfeier für Marcel Reich-Ranicki:In literarischer Gesellschaft

Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ruhen Adorno, Schopenhauer, Ricarda Huch. Diese Gesellschaft passt zu Marcel Reich-Ranicki, dessen Trauerfeier hier ernst und auch ein wenig heiter, würdig und bewegend geriet.

Von Johan Schloemann, Frankfurt

Dankbarkeit, Ehrfurcht, Staunen, Schmunzeln. Niemals mehr wird eine Kulturpersönlichkeit in Deutschland gleichermaßen die Sphären von "E" und "U" mit solcher Kraft und Geltung erreichen. Das haben alle gespürt, die am Donnerstagnachmittag der Trauerfeier für den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki beigewohnt haben, der in der vergangenen Woche gestorben ist. Die Stunde des Abschieds auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt am Main, sie begann mit Johann Sebastian Bach, und sie endete mit Puccinis "Bohème" und Thomas Gottschalk.

An diesem Gedenken wollten viele Menschen von Gewicht und Bedeutung teilnehmen; und dennoch war es über weite Strecken eine schöne Mischung aus Ernst, etwas Leichtigkeit und auch Scharfsinn, wie sie Reich-Ranicki, dem obersten Verkünder des Langweilverbots, wohl auch gefallen hätte. "Er hätte auch diese Veranstaltung rezensiert", sagte FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seiner kurzen, bewegten Trauerrede. Und hier und da sah man Reich-Ranicki vielleicht doch den rügenden Finger in die Luft stechen und auch im feierlichsten Moment nicht von seinem gefürchteten Verdikt Abstand nehmen: "Was schlecht ist, ist schlecht, und es muss gesagt werden!" Doch auch der Oberbürgermeister und der hessische Ministerpräsident haben, bei Politikern nicht selbstverständlich, würdige, angemessene Reden gehalten.

Einzigartige Ausstrahlung

Draußen vor der Halle, in der sich die Trauergäste drängen, auf dem Friedhof der großen, freien Stadt Frankfurt, umgibt den Toten eine literarische Gesellschaft. Sie passt zu ihm. Denn unter erstem Herbstlaub ruhen hier: Adorno. Schopenhauer. Robert Gernhardt. Auch Ricarda Huch, über die Reich-Ranicki Sätze geschrieben hat, bei denen er an sich selbst gedacht haben mag: "In ihren nach 1945 entstandenen Arbeiten gab es keine Spur von Selbstgerechtigkeit oder gar Selbstmitleid." Und: "Intuition und Reflexion bildeten bei ihr eine natürliche, eine unzertrennliche Einheit." Und da sind noch mehr Nachbarn aus dem Ressort literarisches Leben: Dorothea Schlegel. Siegfried Unseld.

Drinnen in der Halle, bei den Zeitgenossen, sieht man, welch einzigartige Ausstrahlung Reich-Ranicki auf die Kultur wie auch auf die Politik hatte. Joachim Gauck, der Bundespräsident, ist eigens gekommen, er schweigt und verneigt sich gemeinsam mit seiner Frau vor dem einfachen Holzsarg im Meer der Blumenkränze. Gegenüber von Gauck sitzt die Familie, angeführt vom Sohn Andrew, der Mathematikprofessor in England ist. Stadt, Land, Bund ehren Marcel Reich-Ranicki mit hohen Repräsentanten, und da meinen sie nicht nur den streitbaren, gewitzten Kultur-"Papst", sondern den Zeit- und Lebenszeugen, den Überlebenden des Warschauer Ghettos, die moralisch-historische Autorität, zu der er im Alter wurde.

Fürs deutsche Judentum, aber auch als echter Freund spricht der kluge Salomon Korn über das Innen- und Außenleben des Mannes; über seinen Weg und die Liebe zur Literatur spricht Rachel Salamander, nicht nur aus der Perspektive der deutsch-jüdischen Geistestradition, auch über den idealistischen Glauben an die ästhetische Erziehung - das ist regelrecht die Hauptrede der Trauerfeier.

"Dass das Leben irgendwann endet"

Schriftsteller sieht man weniger. Kaum überraschend fehlen Grass und Walser - Letzterer hat ihm allerdings am selben Tag in der Zeit noch so versöhnlich nachgerufen, wie es ging. "Er war hauptsächlich lebendig", so Walser.

Thomas Gottschalk, ein Duzfreund, der für Reich-Ranickis Talent zur Unterhaltung steht, sagt: "Ich stehe hier als Vertreter der geistigen Mittelklasse", und er findet, als letzter Redner bei diesen weltlichen Exequien, den richtigen Ton. Und da ist natürlich die Welt der Presse, des Feuilletons. Viele bedeutende Kolleginnen und Kollegen sind da. Man sollte es nicht vergessen: Vor dem großen Erfolg im Fernsehen und mit der Autobiografie, aber auch darüber hinaus noch, wurde eine Figur der literarischen Republik wie Reich-Ranicki stets vom Apparat großer, anspruchsvoller Zeitungen getragen, die langen, kritischen Buchbesprechungen Raum gegeben haben. Das, hoffen hier alle, sollte nicht gleich mitbegraben werden.

Zum Grab schritt man nach der Trauerfeier nicht, es wird nach Feuerbestattung, wie schon bei seiner vor zwei Jahren gestorbenen Frau Tosia, eine Urnenbeisetzung im kleinsten Kreis geben. In rund vier Wochen soll noch eine öffentliche Gedenkveranstaltung in der Paulskirche stattfinden.

"Jeder weiß, dass das Leben irgendwann endet", hat Marcel Reich-Ranicki in einem seiner letzten Gespräche mit seinem Biografen Uwe Wittstock gesagt. "Aber selten machen wir uns klar, dass wir selbst es sind, die sterben werden. Während die Welt ungerührt weiterexistiert. Literatur öffnet uns manchmal für Momente die Augen für diese Wahrheit, vor der wir sie sonst zumeist schließen."

Lassen wir also das letzte Wort Heinrich Heine, dem von Reich-Ranicki, dem Erfinder der "Frankfurter Anthologie", geliebten Dichter. Heines "Epilog" nahm er in seine Sammlung der "besten deutschen Gedichte" auf. Das Gedicht ist eine Widerlegung der Behauptung "Unser Grab erwärmt den Ruhm", also jener Idee des ehrenvollen Heldentodes, die auch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts noch befeuert hat. Da heißt es: "Der Pelide sprach mit Recht: / Leben wie der ärmste Knecht / In der Oberwelt ist besser, / Als am stygischen Gewässer / Schattenführer sein, ein Heros, / Den besungen selbst Homeros."

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SZ vom 27.09.2013/ihe
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