"Transit" im Kino Mit Papieren dem Phantomdasein entfliehen

Das Transitgeflüster beschrieb Anna Seghers aus Erfahrung. Sie ist selbst über Marseille nach Mexiko geflohen, sie hat die Behördengänge selbst erlebt, und die Hürden, die den Flüchtling zur Unperson werden lassen: Sie hieß eigentlich Netty Radványi, die Einreisegenehmigung aber galt der Schriftstellerin Anna Seghers, und so musste sie erst einmal beweisen, dass es keine Anna gab, und wenn doch, dann höchstens in Gestalt von Netty.

Der Roman war eines der Lieblingsbücher des 2014 verstorbenen Harun Farocki, der mit Christian Petzold die Drehbücher zu "Die innere Sicherheit" (2000) geschrieben hat, zu "Gespenster" (2005) und "Phoenix" (2014) . So kam Petzold zu Anna Seghers' "Transit". Eine "Windstille der Geschichte" spüre er darin, sagt er.

Immer schon haben Christian Petzold Phantom-Filme fasziniert, Geschichten, die darum kreisten, was denn nun eine menschliche Existenz eigentlich ausmacht. In "Transit" läuft alles zusammen: Um dem Phantomdasein zu entfliehen, braucht man Papiere; und doch sind die Papiere wertlos ohne ein wahres Ziel.

Die falsche Identität verschafft Georg Vorteile im Spiel des Wartens. Der tote Schriftsteller hatte ein Visum für Mexiko, er hatte auch Geld für eine Schiffspassage, all das eignet Georg sich nun an, seine Abreise rückt in greifbare Nähe. Aber immer ist auch von der Frau des Toten die Rede, Marie (Paula Beer). Sie irrt ebenfalls durch Marseille, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen und eine Versöhnung mit ihrem Mann, den sie eigentlich verlassen hatte, ohne den sie aber nicht ausreisen kann. Ihr Schicksal scheint Georg zunächst kaltzulassen. Bis er sie schließlich kennenlernt, und sich in sie verliebt.

Nun versucht er, ihr ebenfalls die Ausreise zu ermöglichen, ohne ihr aber sein Spiel mit der falschen Identität zu gestehen. Und sie erscheint bereit, sich auf jeden einzulassen, der ihr einen Platz auf dem Schiff verschaffen kann, auf dem sie auch ihren Mann vermutet. Ein Ringen um die Zukunft und um ein neues Leben, das zu heiklen Tauschgeschäften führt. Und doch geht es eigentlich nur um die Hoffnung auf Liebe - eine neue Liebe, die jeder Flucht erst eine Richtung geben würde, und eine alte, die nicht mehr auszulöschen ist.

Erst beim Abspann begreift man wirklich, wie nah der Horror des Dritten Reichs wieder gerückt ist

"Transit" findet ein seltsames Gleichgewicht aus Surrealem und harter Wirklichkeit. Alles - das Licht, die Menschen in den Wartesälen, die Kleider, die sie tragen - ist irgendwie gleichermaßen plausibel und unfassbar. Es ist ein Zwischenreich, in dem die Zeit stillsteht.

Es gibt im Abspann des Films einen Song, den man als Kind der Achtziger als Misston wahrnehmen kann, der aber doch vielleicht einen Sinn ergibt. "We're on a road to nowhere", singen da die Talking Heads. Das passt textlich zu dieser Geschichte, aber atmosphärisch ist dieses Lied ein harter Bruch. Weil die frühen Achtziger das falsche Gefühl transportieren. Auch damals gab es guten Grund zum Pessimismus, aber eine Wiederauferstehung des Faschismus gehörte nicht zu den gängigen Horrorszenarien. Das wird seltsam deutlich, wenn man diese Musik hört, die der Geschichte fremd bleibt. Und es betont umso mehr, wie nah der Horror des Dritten Reichs jetzt wieder an die Gegenwart herangerückt ist.

Der Flüchtling bleibt in Anna Seghers' Roman namenlos, der Feind aber ist sehr konkret benannt, es sind Hitler und das Nazi-Regime im fernen Berlin, dazu die Gestapo auf französischem Boden. Petzold lässt diese Benennung einfach weg. Und so erzeugt die Verlagerung in die Gegenwart noch eine Drehung mehr - denn fast könnte "Transit" auch eine Zukunftsvision sein, eine Geschichte des Kommenden. Was Petzolds Welt fehlt, ist die Digitalisierung, das Netz, die Handys. Würden aber in einem neuen Faschismus die subversiven Schriften nicht wieder auf der Schreibmaschine entstehen? Und würde man in einem neuen Untergrund nicht als Erstes die Mobiltelefone wegwerfen? Vielleicht leben wir in einer Zeitschleife, auf ewig verdammt, immer dahin zurückzukehren, wo die Reise einst begonnen hat.

Transit, Deutschland 2018 - Regie: Christian Petzold. Drehbuch: Petzold, basierend auf Roman von Anna Seghers. Kamera: Hans Fromm. Mit Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman. Piffl Medien, 102 Minuten.

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