Süddeutsche Zeitung

"Transit" im Kino:Im Zwischenreich der Zeiten

Anna Seghers Roman "Transit" handelt von der Flucht vor den Nazis. Christian Petzold hat das Buch verfilmt, als spiele es in der Gegenwart. Das ist erschreckend plausibel.

Wenn man es richtig anstellt, kann man mit wenigen Pinselstrichen ein eindeutiges Bild malen. Christian Petzold tut das am Anfang von "Transit": Zwei Männer in einer Bar, die so aussieht, wie Bars seit hundert Jahren aussehen. Sie tragen dunkle Jacken, die Unterhaltung am Tresen erscheint ganz klar: zwei Deutsche, die von der Besatzung reden. "Kannst du für mich einen Brief ins Hotel bringen, für mich ist das zu gefährlich", bittet der eine. Das ist unverwechselbar Paris, nach dem Einmarsch deutscher Truppen; die Männer am Tresen sind vor den Nazis geflohen.

Dann wird die Eindeutigkeit erschüttert. Draußen heult die Sirene eines Krankenwagens, die Autos auf der Straße sind von jetzt, da steht ein modernes Telefon am Ende der Bar. Christian Petzold hat Anna Seghers' Roman "Transit" verfilmt, mit ein bisschen dichterischer Freiheit - und einem großen Sprung: Seine Version verwendet den Text von damals. Aber der Film spielt im Frankreich von heute.

Wie nah ist uns diese Geschichte, in der nun plötzlich Deutsche die Flüchtlinge sind? Kann man das in der Gegenwart erzählen, ohne dass es aufgesetzt oder unglaubwürdig wirkt? Das Unternehmen, das im Wettbewerb der Berlinale seine Premiere hatte, galt als riskant - aber es ist in jeder Einstellung geglückt. Eine ganz unaufgeregte Erzählung, und doch hallt sie einem noch lange in der Seele nach.

Alle warten hier auf ein Visum oder eine Schiffskarte, auf die Flucht aus dem Fegefeuer

Georg (Franz Rogowski) ist der Mann aus der Bar, der den Brief überbringen soll. Aber er findet den Adressaten, den Schriftsteller Weidel, nicht mehr in dessen Hotel. Er hat sich umgebracht. Georg nimmt ein paar Dinge des Toten, darunter ein Manuskript, und flieht aus dem besetzten Paris, in die zone libre im Süden. Razzien, Verhaftungen und Deportationen gibt es auch in Marseille, aber da ist der Hafen, der einen Ausweg verspricht.

Wer ist dieser Georg? Er ist von Anfang an der Schatten einer verschwundenen Existenz - wir erfahren nichts über ihn. Nur einmal, da singt er für einen Jungen, mit dem er sich angefreundet hat, ein Kinderlied. Es handelt davon, dass am Abend alle Tiere nach Hause gehen. Seine Mutter habe das für ihn gesungen, sagt Georg. Ein bewegender Moment - und der einzige Verweis darauf, dass er selbst einmal ein Zuhause hatte, ein Leben, vielleicht sogar ein eigenes Kind. Aber das ist unendlich weit weg in diesem Film, ihm unumkehrbar entrissen. Nur den Verlust, den spürt man noch.

Weil er mit seiner eigenen Identität nichts mehr anfangen kann, übernimmt Georg nun die Identität des Schriftstellers Weidel. Er drückt sich damit auf den Konsulaten herum, in den Gängen, in denen die Menschen darauf warten, dass man ihnen einen Schein ausstellt - ein Visum, eine Schiffskarte -, der ihnen die Flucht aus dem Fegefeuer ermöglicht. Ihm wird, steht in der Romanvorlage von Anna Seghers über den Erzähler, "ganz elend von dem Transitgeflüster".

Mit Papieren dem Phantomdasein entfliehen

Das Transitgeflüster beschrieb Anna Seghers aus Erfahrung. Sie ist selbst über Marseille nach Mexiko geflohen, sie hat die Behördengänge selbst erlebt, und die Hürden, die den Flüchtling zur Unperson werden lassen: Sie hieß eigentlich Netty Radványi, die Einreisegenehmigung aber galt der Schriftstellerin Anna Seghers, und so musste sie erst einmal beweisen, dass es keine Anna gab, und wenn doch, dann höchstens in Gestalt von Netty.

Der Roman war eines der Lieblingsbücher des 2014 verstorbenen Harun Farocki, der mit Christian Petzold die Drehbücher zu "Die innere Sicherheit" (2000) geschrieben hat, zu "Gespenster" (2005) und "Phoenix" (2014) . So kam Petzold zu Anna Seghers' "Transit". Eine "Windstille der Geschichte" spüre er darin, sagt er.

Immer schon haben Christian Petzold Phantom-Filme fasziniert, Geschichten, die darum kreisten, was denn nun eine menschliche Existenz eigentlich ausmacht. In "Transit" läuft alles zusammen: Um dem Phantomdasein zu entfliehen, braucht man Papiere; und doch sind die Papiere wertlos ohne ein wahres Ziel.

Die falsche Identität verschafft Georg Vorteile im Spiel des Wartens. Der tote Schriftsteller hatte ein Visum für Mexiko, er hatte auch Geld für eine Schiffspassage, all das eignet Georg sich nun an, seine Abreise rückt in greifbare Nähe. Aber immer ist auch von der Frau des Toten die Rede, Marie (Paula Beer). Sie irrt ebenfalls durch Marseille, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen und eine Versöhnung mit ihrem Mann, den sie eigentlich verlassen hatte, ohne den sie aber nicht ausreisen kann. Ihr Schicksal scheint Georg zunächst kaltzulassen. Bis er sie schließlich kennenlernt, und sich in sie verliebt.

Nun versucht er, ihr ebenfalls die Ausreise zu ermöglichen, ohne ihr aber sein Spiel mit der falschen Identität zu gestehen. Und sie erscheint bereit, sich auf jeden einzulassen, der ihr einen Platz auf dem Schiff verschaffen kann, auf dem sie auch ihren Mann vermutet. Ein Ringen um die Zukunft und um ein neues Leben, das zu heiklen Tauschgeschäften führt. Und doch geht es eigentlich nur um die Hoffnung auf Liebe - eine neue Liebe, die jeder Flucht erst eine Richtung geben würde, und eine alte, die nicht mehr auszulöschen ist.

Erst beim Abspann begreift man wirklich, wie nah der Horror des Dritten Reichs wieder gerückt ist

"Transit" findet ein seltsames Gleichgewicht aus Surrealem und harter Wirklichkeit. Alles - das Licht, die Menschen in den Wartesälen, die Kleider, die sie tragen - ist irgendwie gleichermaßen plausibel und unfassbar. Es ist ein Zwischenreich, in dem die Zeit stillsteht.

Es gibt im Abspann des Films einen Song, den man als Kind der Achtziger als Misston wahrnehmen kann, der aber doch vielleicht einen Sinn ergibt. "We're on a road to nowhere", singen da die Talking Heads. Das passt textlich zu dieser Geschichte, aber atmosphärisch ist dieses Lied ein harter Bruch. Weil die frühen Achtziger das falsche Gefühl transportieren. Auch damals gab es guten Grund zum Pessimismus, aber eine Wiederauferstehung des Faschismus gehörte nicht zu den gängigen Horrorszenarien. Das wird seltsam deutlich, wenn man diese Musik hört, die der Geschichte fremd bleibt. Und es betont umso mehr, wie nah der Horror des Dritten Reichs jetzt wieder an die Gegenwart herangerückt ist.

Der Flüchtling bleibt in Anna Seghers' Roman namenlos, der Feind aber ist sehr konkret benannt, es sind Hitler und das Nazi-Regime im fernen Berlin, dazu die Gestapo auf französischem Boden. Petzold lässt diese Benennung einfach weg. Und so erzeugt die Verlagerung in die Gegenwart noch eine Drehung mehr - denn fast könnte "Transit" auch eine Zukunftsvision sein, eine Geschichte des Kommenden. Was Petzolds Welt fehlt, ist die Digitalisierung, das Netz, die Handys. Würden aber in einem neuen Faschismus die subversiven Schriften nicht wieder auf der Schreibmaschine entstehen? Und würde man in einem neuen Untergrund nicht als Erstes die Mobiltelefone wegwerfen? Vielleicht leben wir in einer Zeitschleife, auf ewig verdammt, immer dahin zurückzukehren, wo die Reise einst begonnen hat.

Transit, Deutschland 2018 - Regie: Christian Petzold. Drehbuch: Petzold, basierend auf Roman von Anna Seghers. Kamera: Hans Fromm. Mit Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman. Piffl Medien, 102 Minuten.

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Quelle:
SZ vom 05.04.2018/cag
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