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Filmstarts der Woche:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

"Nobody's Watching" seziert mit Scharfsinn und Zurückhaltung die Mühen der Immigration. "Das Zeiträtsel" ist trotz buntem Cast nicht viel mehr als bonbonfarbener Disney-Mainstream.

Von den SZ-Kinokritikern

1 / 10

Nobody's Watching

Nobodys Watching Kino

Quelle: PRO-FUN MEDIA GmbH

Aufregende Zeiten für Latinos bescheinigt eine Produzentin dem Argentinier Nico (Guillermo Pfening), der versucht als Schauspieler in New York Fuß zu fassen. Nur der Akzent müsse geschliffen, die Haare gefärbt, kurzum seine halbe Identität angepasst werden. Bis dahin schlägt sich Nico - zuhause ein TV-Star, hier nur Fremder in einer fremden Stadt - als Kellner und Babysitter durch. Julia Solomonoffs nachdenklicher Film über einen strauchelnden Schauspieler seziert mit Scharfsinn und Zurückhaltung die Mühen der Immigration: die Notlügen und Geldsorgen, die Entfremdung, die angeknacksten Träume.

Annett Scheffel

2 / 10

Film Stars Don't Die in Liverpool

Film Stars Don’t Die in Liverpool Kino

Quelle: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Annette Bening verliebt sich als gealterte Film-noir-Diva Gloria Grahame in einen unbekannten, 30 Jahre jüngeren Bühnendarsteller (Jamie Bell). Regisseur Paul McGuigan bemüht sich zusehends die (wahre) Liebesgeschichte vielgestaltig und bewegungsreich zu erzählen. Er springt immer wieder zwischen verschiedenen Orten und Zeiten, zwischen 1979 und Grahames Krebstod 1981, zwischen Pathos und feinem Humor. Das Gewicht des Films trägt trotzdem Bening. Sie sucht unter der Oberfläche einer verblassenden Sex-Ikone die Zartheit einer verletzlichen, komplizierten Frau mit katzenhaften Charme.

Annett Scheffel

3 / 10

Gringo

Kinostart - 'Gringo'

Quelle: dpa

Freundschaft, Liebe, Affäre und Geschäft, alles nur eine pragmatische Gewinn- und Verlust-Rechnung für die mal abgebrühten, mal naiven Helden dieses mit einer A-Besetzung glänzenden B-Movies. Ein kleiner Geschäftsmann (David Oyelowo) zappelt hakenschlagend in den Netzen von mexikanischer Drogenmafia, amerikanischen Geschäftsleuten, Gelegenheitsgangstern, Auftragskillern, Polizei und Drogenfahndern. Lässig jongliert der australische Regisseur und Ex-Stuntman Nash Edgerton mit absurden Wendungen und schlagfertigen Dialogen, und lässt neben seinem berühmten Bruder Joel Edgerton, Amanda Seyfried, Thandie Newton vor allem Charlize Theron als herrlich skrupellose Femme Fatale glänzen.

Anke Sterneborg

4 / 10

Das Mädchen aus dem Norden

Das Mädchen aus dem Norden Kino

Quelle: temperclayfilm

Elle-Marja (Lene Cecilia Sparrok) ist ein kluges, stolzes, mutiges Mädchen. Aber im Schweden der 1930er-Jahre nützt ihr das wenig, denn sie gehört der indigenen Minderheit der Samen an. Die wurden damals als Kinder in Internate gesteckt, wo sie zwei Dinge lernen sollten: akzentfreies Schwedisch und Einsicht in die eigene Minderwertigkeit. Mit einem Überfluss an unvergesslichen Szenen und Bildern zeigt die Regisseurin Amanda Kernell in ihrem beeindruckenden Debütfilm, wie schmerzhaft es ist, wenn Integration nur zum Preis der eigenen Identität zu haben ist.

Kathleen Hildebrand

5 / 10

Die Nacht der Nächte

Kinostart - 'Die Nacht der Nächte '

Quelle: dpa

Reisen, Ortswechsel, Bewegung, das gab es im Erfolgsfilm "Almanya - Willkommen in Deutschland" von Yasemin und Nesrin Samdereli, über eine türkische Familie, die zwischen ihrer Heimat und dem Gast(arbeiter)land Deutschland pendelt. Im neuen Film der beiden Schwestern geht es dagegen um Ruhe und Stabilität. Vier Paare haben sie ausgesucht und erzählen lassen, die alle bereits über fünfzig Jahre zusammen sind, aus Indien, Japan, Deutschland und den USA. Über Liebe wird gesprochen und Verständnis, über Schranken der Tradition und arrangierte Ehen. Das amerikanische Paar sind zwei alte Männer, die Jahrzehnte auf die gesetzliche Freigabe der gleichgeschlechtlichen Ehe warten mussten. Schließlich können auch sie heiraten. Und die Hölle gefriert.

Fritz Göttler

6 / 10

Pio

Kinostart - 'Pio'

Quelle: dpa

Nachdem er mit afrikanischen Migranten in Süditalien gearbeitet hat, spielen in Jonas Carpignanos zweitem Spielfilm Mitglieder der dortigen Roma-Community ihre eigenen Rollen, also sich selbst. Während seine Brüder im Knast sind muss der vierzehnjährige Pio Amato das Überleben seiner Familie sichern. Toller, von Martin Scorsese produzierter Film über Feindschaft und Solidarität zwischen Minderheiten - schnell, lärmend, schmutzig...

Philipp Stadelmaier

7 / 10

Ready Player One

-

Quelle: AP

Was zunächst nach dem üblichen Blockbuster-Schrott aussieht, entpuppt sich als erstaunlicher Special-Effects-Zauber. In seiner Adaption des Sci-Fi-Bestsellers lässt Steven Spielberg die inflationären Schlachtengemälde aus dem Computer hinter sich, um seine Helden auf einer Schatzsuche durch Originalszenen von Kubricks "Shining" zu hetzen. Der alte Träumer Spielberg ist endlich wieder Kinopionier und zeigt: Wir können in alle Klassiker der Filmgeschichte hineingehen wie ins Wohnzimmer nebenan!

David Steinitz

8 / 10

Reseba - The Dark Wind

Reseba - The Dark Wind Kino

Quelle: Mitosfilm

Liebe in Zeiten des Völkermords: In der Tragödie des kurdischen Regisseurs Hussein Hassan Ali wird ein jesidisches Paar auseinandergerissen, als der Islamische Staat das Dorf überfällt, in dem die beiden leben: Reko kommt in einem Flüchtlingscamp unter, seine Verlobte Pero wird von den Islamisten als Sklavin verkauft. Zwar gelingt es Reko bald, Pero zurückzuholen. Aber sie ist nicht mehr wie früher - was in den Familien für Streit sorgt.

Karoline Meta Beisel

9 / 10

Transit

Kinostart - 'Transit'

Quelle: dpa

Eine Geschichte aus dem besetzten Frankreich, die gleichzeitig im Jahr 1942 spielt und doch auch in der Gegenwart - das klingt kompliziert, und wirkt in Christian Petzolds meisterlicher Adaption des Romans von Anna Seghers doch organisch. Georg (Franz Rogowski) übernimmt die Identität eines Schriftstellers, der sich umgebracht hat, denn seine eigene ist wertlos; er mischt sich unter die deutschen Flüchtlinge in Marseille, wo das alte Leben schon fort ist und ein neues noch hinter dem Horizont wartet.

Susan Vahabzadeh

10 / 10

Das Zeiträtsel

Kinostart - 'Das Zeiträtsel'

Quelle: dpa

Musiker, die witzig sein wollen, demonstrieren bei Parties gern auf der Gitarre, dass man gefühlt jeden Popsong mit denselben vier Akkorden begleiten kann. Ebenso kriegt man mit denselben vier Leitsätzen jeden Mainstream-Film von Marvel bis, wie hier, Disney erzählt. Sie lauten: Glaub an dich! Sei ein Krieger! Traue außer deiner Familie niemandem! Ehre deinen Vater! Das kann man ruhig Ideologie nennen. Ava DuVernay serviert all das als bonbonfarbenes, dramaturgisch nur mühsam zusammengeleimtes Totalgemisch. Deshalb wirkt auch der erfrischend bunte Cast nur wie eine Rochade beim Schach mit den weißen Figuren.

Philipp Bovermann

© SZ.de/frw
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