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"Three Women - Drei Frauen" von Lisa Taddeo:Emotional übertölpelt, sexuell ausgenutzt

Lisa Taddeo explores female sexuality and desire in Three Women.

In "Three Women" sucht sie die gedankliche und sprachliche Verschmelzung mit ihren Protagonistinnen - die Autorin Lisa Taddeo.

(Foto: Rii Schroer / eyevine / laif)
  • Lisa Taddeo erzählt in "Three Women - Drei Frauen" deren komplexen emotionalen sowie sexuellen Beziehungen zu Männern.
  • Das Buch hat hohen Unterhaltungswert, allerdings stört Taddeos textliche Überrumpeltungstaktik.
  • Außerdem stellt sich die Frage nach der Distanz der Reporterin.

Das heiß erwartete Buch von Lisa Taddeo, das im vergangenen Jahr eine mittlere publizistische Sensation in den USA war und nun auf deutsch erscheint, heißt "Three Women - Drei Frauen", beginnt aber mit der Geschichte einer Vierten: "Als meine Mutter jung war, folgte ihr jeden Morgen ein Mann auf dem Weg zur Arbeit, der hinter ihr masturbierte." Taddeo schreibt, sie habe nie so recht verstanden, was ihre - mittlerweile verstorbene - Mutter dazu brachte, sich das gefallen zu lassen. Ob es ihr vielleicht sogar gefiel. Was es für Frauen bedeutet, Objekt der Begierde zu sein und wie das ihr eigenes Begehren prägt, ist das Rätsel, um das sich "Three Women" dreht.

Es sind gute, aufwühlende Geschichten, die Taddeo bei Maggie, Lina und Sloane gefunden hat, drei Frauen, deren Leben von komplizierten Leidenschaften gezeichnet ist. Sie hat dafür acht Jahre recherchiert, ist teilweise in andere Bundesstaaten gezogen, um ihnen nahe sein zu können: Maggie, heute Mitte 20, war als katholisches Highschool-Mädchen in eine Affäre mit ihrem verheirateten Lehrer verstrickt, der sie emotional übertölpelt und sexuell ausgenutzt hat: "Dann legt er ihre andere Hand auf die ausgebeulte Stelle seiner Anzughose: 'Spürst du, wie geil du mich machst?' Sie hat diesen Satz schon in Filmen gehört und sich immer gewundert, warum Männer so etwas sagen. Will Aaron sie mit seinem steifen Penis beeindrucken?" Mit solchen tragikomischen Szenen schafft Taddeo das vielschichtige Bild einer jungen Frau, die zu intelligent für das ist, was ihr passiert - aber nicht erfahren genug, um es zu verstehen, mit verheerenden persönlichen Folgen.

"Vielleicht lag es daran, dass sie in der Highschool zu wenig geknutscht hatte"

Die emotional interessanteste Figur in diesem Buch ist die Hausfrau Lina, Anfang 30 und todunglücklich verheiratet mit einem Postboten, der ihr ein großes Haus gekauft hat, aber sie nicht küsst, was für sie ein Quell unendlichen Schmerzes ist: "Vielleicht lag es daran, dass sie in der Highschool zu wenig geknutscht hatte. Es hatte ihr nie gereicht. Wie gern hätte sie eine ganze Nacht damit verbracht, zwölf Stunden lang nur knutschen, aber es waren nie mehr als hie und da ein paar Minuten gewesen." Lina beginnt eine Affäre mit einem Ex-Freund, der zwar einen dicken Bauch und mit seiner Frau zwei Kinder hat, aber dessen Geschlechtsteil sich für sie "wie ein Rubin" anfühlt (was auch immer das heißt). Aidan "behandelt sie furchtbar (...) er nimmt fast nie Rücksicht auf ihr Herz", aber für zwanzigminütige Treffen mit ihm organisiert sie ihre Kinder weg und nimmt stundenlange Autofahrten auf sich.

Die "edle" Restaurantbesitzerin Sloane, die dritte Protagonistin, wiederum wird von vielen Männern sehr geliebt, insbesondere ihrem eigenem, einem Koch, der sie "fast karnickelhaft" begehrt und ihr außerdem gern beim Sex mit anderen Leuten zusieht. Ein Erkenntnisgewinn ihrer Geschichte ist der logistische Aufwand, den solche Bedürfnisse bedeuten. Sloane sieht überdurchschnittlich gut aus und kommt aus einer reichen Familie, sie hat zwei Kinder, zwei Autos und einen immensen "Mental Load", aber möglicherweise nicht viele echte Freunde. Schließlich wählt ihr Mann einen sehr attraktiven Kollegen für sie als Dritten im Bunde aus und es beginnt eine erotisch überaus befriedigende Zeit - bis die Frau des Dritten von der Sache erfährt. Sloanes Showdown ist eine Konfrontation mit der Frau, die nicht begreifen kann, wie sie ihr das antun konnte: "Du bist die Frau - weißt du denn nicht, dass du die Macht hast?"

Lisa Taddeo ist eine Meisterin der textlichen Überrumpeltaktik - das stört auf Dauer

Doch die Macht, das wird während der Lektüre immer deutlicher, kann für die Reporterin Taddeo nie bei der Frau liegen. Maggie, Sloane und Lina sind alle in irgendeiner Form Varianten von Taddeos Mutter - Frauen, die etwas mit sich machen lassen, und ihre eigenen Bedürfnisse darauf eingestellt haben, was andere mit ihnen machen wollen. Ihr Begehren kreist um Männer, wird von ihnen entfacht oder abgewiesen. Das ist Taddeos Programmatik: "Männer haben die Frauen schon immer auf eine ganz bestimmte Art und Weise gebrochen. Sie lieben sie oder lieben sie so halb und fühlen sich irgendwann ausgelaugt und ziehen sich innerlich über Wochen und Monate zurück, verschanzen sich in ihrer Höhle, verdrücken eine letzte Träne und rufen dann nie wieder an. Die Frauen aber warten." Diese ganz bestimmte Geschichte über das weibliche Wollen liest sich in einem schön gebundenen Buch mit architektonisch vollendeten Absätzen zwar tiefgründig - ist aber auch nichts anderes als das, was man sonst in Cosmopolitan oder Für Sie serviert bekommt.

In Anbetracht der originellen Form, des hohen Unterhaltungswertes des Buchs und der komplexen Erzählung wäre das zu verschmerzen. Störender ist auf Dauer etwas anderes: Taddeo ist eine Meisterin der textlichen Überrumpeltaktik. Nach einer reichlich langatmigen Beschreibung von Sloanes Restaurant-Karriere wechselt sie geschickt und unvermittelt das Thema: "So kommst du damit klar, deinem Mann beim Sex mit einer anderen Frau zuzusehen: Du musst beschwipst, darfst aber nicht betrunken sein." Wer will da nicht mehr wissen?

Lisa Taddeo: Three Women – Drei Frauen. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Piper Verlag, München 2020. 416 Seiten, 22 Euro.

Taddeo ist unglaublich nahe an ihren Protagonistinnen - zu nahe

Dieser Stil eröffnet eine gewisse moralische Problematik, die der thesenstarken, literarisierenden Reportage innewohnt. Das Genre ist ja, trotz aller Journalismus-Skandale, derzeit sehr beliebt, jedenfalls fast so beliebt wie der Topos des "weiblichen Begehrens", mit dem man sich authentisch auseinanderzusetzen hat. Nur vertraut es sehr oft auf eine Autorenstimme, die sich in den Texten nicht offenbart, sondern ihre absolute Souveränität über ihr Sujet durch Sprache verschleiert. Durch den personalen Erzählstil fällt das zunächst nicht auf, und Lisa Taddeos überaus genaue Rekonstruktionen sexueller Begegnungen helfen dabei, die Illusion aufrecht zu erhalten, dass hier aus erster Hand berichtet wird: "Sie kniet sich vor Aidan, und ihr schießt durch den Kopf, was für ein Glück sie hat, wie glücklich sie ist. Dass dieses rohe Bedürfnis erfüllt wird. Dass dieser rohe Mann in diesem Augenblick ihr gehört." Es ist an keiner Stelle im Text erkennbar, wo die Stimme der Protagonistin aufhört und die Sprache der Autorin beginnt. Ist das noch "die Geschichte von drei Frauen" - oder die Geschichte, die Lisa Taddeo über diese Frauen erzählen will?

Es gibt dieses Reporter-Klischee von der Tugend, "nah an den Protagonisten" heran zu kommen: Darunter stellt man sich vor, dass die Reporterin ihr tiefes Verständnis für eine Person in formvollendete Sprache gießt und damit nicht einfach nur ein Bild liefert, sondern ein Porträt. Taddeos Buch erfüllt diesen Anspruch auf geradezu unheimlich perfekte Weise. Die Frage ist nur, ob es diesen Anspruch im Dienst der Wahrhaftigkeit erfüllt, oder im Dienst der Autorin. Genauso unklar ist, ob man hier als Leserin wirklich etwas erfährt, oder sich eigentlich nur gut geschriebene, soziopolitisch sublimierte Erotikliteratur zu Gemüte führt.

Deshalb ist es besonders treffend, dass "Three Women - Drei Frauen" zu jenen Büchern gehört, die viel von Instagrammerinnen fotografiert werden (ob das bei der deutschen Ausgabe der Fall sein wird, angesichts einer Umschlaggestaltung, die an einen Unterwäschekatalog erinnert, bleibt abzuwarten): Es sieht gut aus. Es enthält viele extrem gut teilbare Absätze. Dass man es liest, demonstriert sexuelle Neugier. "Three Women" ist so konstruiert, wie Menschen auf Instagram von ihrem Leben berichten: Kontrolliert unverblümt, hübsch aufgeräumt, und hochgradig süchtig machend. Es ist ein fragwürdiges Buch, aber geradezu unwiderstehlich.

© SZ vom 13.01.2020/sikt

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