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Film: "The Hangman":Alle wollten. Nur Schalom Nagar nicht.

Mit Absicht wurde Adolf Eichmann nicht von askenasischen, also aus Europa stammenden Gefängniswärtern bewacht, sondern von Sepharden wie Schalom Nagar, die aus dem Jemen stammten und den Holocaust nur aus Erzählungen kannten. Die Justiz wollte vermeiden, dass ein askenasischer Gefängniswärter, dessen Familienangehörige im Holocaust umgekommen sind, Rache an dem Massenmörder üben könnte. Eichmann ist der einzige Mensch, der je von der israelischen Justiz hingerichtet worden ist. Als das Gericht das Todesurteil über Eichmann verhängte, ging es darum, wer es vollstrecken soll. Alle Wärter wollten, nur Schalom Nagar nicht.

Es wurde gelost. Die Wahl fiel auf Schalom Nagar.

So legte er am 31. Mai 1962 um kurz vor Mitternacht Eichmann eine Schlinge um den Hals. Wortlos, ohne den Satz vom Paradies, betätigte er den Hebel, der die Falltür öffnete - und erschrak über die Luft, die aus Eichmanns Magen über den Mund entwich. Nagar kam es vor, als brabbele der Holocaust-Organisator.

Als Schalom Nagar in dieser Nacht nach Hause fuhr, zitterte er am ganzen Körper. Seine Frau war entsetzt und fragte, von wo das Blut auf seiner Uniform stamme: "Wo warst du? Ich dachte, du warst arbeiten!"Schalom Nagar sagte: "Stell das Radio an, dann weißt du, was ich getan habe."

Nagar ist heute 75 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Holon bei Tel Aviv. Er sagt: "Einmal habe ich das getan, noch einmal würde ich das nicht machen."

Ein Jahr lang hatte er nach der Hinrichtung Albträume. Die Bilder der Leiche Eichmanns verfolgten ihn. Trost fand er in der Religion. Der Jemenit wurde zum Ultra-Orthodoxen, fing an zu beten, ließ sich Schläfenlocken wachsen, verzichtete auf Autofahrten am Schabbat, begann, zu schächten, rituell zu schlachten. Ausgerechnet. Und in all den Jahrzehnten, die seit der Hinrichtung vergangen sind, hat Schalom Nagar nie wieder über Eichmann geredet. Bis er eines Tages einen Anruf von Netalie Braun bekam, die selbst einmal religiös war und heute Filme dreht. Drei Jahre lang begleitete sie ihn für den Film, im ersten Jahr ganz ohne Kamera, weil Nagar sich anfangs nicht filmen lassen wollte.

Der Film begleitet Nagar bei intimsten Momenten, beim Gebet, im Krankenhaus beim krebskranken Sohn, wenn er weint, wenn er derbe Witze reißt. Und der Film bricht mit einem Klischee: dass alle Ultra-Orthodoxen rechte Einstellungen hegten. In einer bemerkenswerten Szene sagt Schalom Nagar zu seiner Frau: "Juden und Araber sind gleich. Araber sind Menschen wie wir."

Als Nagar sich das erste Mal im Film sah, erschrak er, sagt die Regisseurin. Inzwischen begleitet er jede Aufführung in Israel und tut, was er jahrzehntelang nicht getan hat: Er redet.

Nur zur Premiere nach Deutschland wollte er nicht. Eine Stunde vor der Aufführung rief er Netalie Braun an und sagte, sie solle achtgeben vor Nazis.

© SZ vom 03.06.2011/holz
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