bedeckt München 26°

"Once Upon a Time in Hollywood":Böse Hippies hinterm Hügel

Film

Welche Filme hätte sie uns noch geschenkt, fragt Tarantino, wenn sie nicht umgebracht worden wäre? Margot Robbie als Sharon Tate.

(Foto: Sony)
  • Quentin Tarantino verfilmt die Ermordung der hochschwangeren Schauspielerin und Polanski-Ehefrau Sharon Tate durch die Manson Family.
  • "Once Upon a Time in Hollywood" ist aber auch eine Geschichte über Freundschaft und Gewalt - und eine Liebeserklärung an Hollywood. Tarantino selbst sagt: "Dies ist mein Erinnerungsfilm".
  • "Once Upon a Time in Hollywood" läuft von Donnerstag an im Kino.

Es liegt eine Last auf diesen Bildern, so wenig man es zunächst auch sieht. Da fährt ein junges Paar im offenen Roadster durch Hollywood. Der Fahrtwind zaust seine schulterlange Mähne und ihre blonden Strähnen, kaum gebändigt von einem bunten Tuch. Er zaust auch das Fell des kleinen Yorkshire Terriers auf ihrem Schoß. Im Radio läuft, mit dengelnden Surfgitarren, der Song "Treat Her Right" von Roy Head and The Traits.

Das Leben dieser beiden scheint in goldenes Licht getaucht, vor ihnen liegen Glück und Ruhm, Abenteuer und Elternschaft. Dann wuchern Bäume am Wegesrand, die Straße windet sich nach oben in einen Canyon, immer weiter hinauf, bis zu einer Sackgasse kurz vor dem Himmel, dem Cielo Drive. Schließlich sind sie angekommen, das Einfahrtstor ihrer Villa öffnet sich. Endlich daheim - und zugleich im Herz der Finsternis, am Ort der kommenden Katastrophe.

Bis hierhin sind keine Namen gefallen in "Once Upon a Time In Hollywood", aber es gibt schon ein exaktes Datum: Samstag, der 8. Februar 1969. Und wer mit Quentin Tarantinos Kosmos vertraut ist, der wird gleich erkennen, wen er mit diesem Paar porträtiert. Es sind Roman Polanski und Sharon Tate, zu diesem Zeitpunkt seit einem Jahr verheiratet. Er der "Rosemary's Baby"-Erfolgsregisseur aus Polen, sie das neue It-Girl. Aber damit endet das Wissen natürlich nicht.

Denn wenn jetzt Februar ist, hat Tate noch sechs Monate zu leben. In der Nacht vom 8. auf den 9. August wird sie ermordet werden, hochschwanger, von Mitgliedern der Manson Family. Ein Tag, der in Los Angeles bis heute als eine Art Urkatastrophe gilt, eine Wendung der Dinge ins Mörderische. Als das neue, freie, drogenberauschte Hollywood, das doch das alte und korrupte ersetzen wollte, selbst von dämonischen Kräften zerfetzt wurde. Sogar den Hund erwartet ein grausames Schicksal: In der Garageneinfahrt wird er überfahren werden.

Wie dieser Film wohl wirken mag, wenn man das alles noch nicht weiß? Vielleicht ein wenig rührend, entwaffnend, alltäglich banal: Tate (Margot Robbie) kauft in ihren nächsten Szenen ein Exemplar von Thomas Hardys Roman "Tess von den d'Urbervilles", damit ihr Mann das Buch mit ihr verfilmt. Sie geht allein ins Kino, in das wunderschöne Bruin Theater in Hollywood, und schaut einen Film mit sich selbst und Dean Martin an, "The Wrecking Crew". Sie fährt mit ihrem Mann (Rafal Zawierucha) zu einer Party in der Playboy Mansion, wo sie ausgelassen tanzt, mehr passiert aber nicht.

Auch nicht gerade weltbewegend ist das Leben ihres Nachbarn am Cielo Drive. Rick Dalton, mit Verve verkörpert von Leonardo DiCaprio, war einst der Star der Westernserie "Bounty Law", in Polankis neuem Hollywood aber kriegt er nur noch zweitklassige Schurkenrollen. Rick Dalton ist eine fiktive Figur. So leben Wirklichkeit und Erfindung Seite an Seite in Tarantinos Kopf - und zugleich in dieser Sackgasse ganz oben im Benedict Canyon: Driveway to Heaven. Driveway to Hell.

Kino Hollywood im Spiegel
Neuer Tarantino-Film

Hollywood im Spiegel

"Once Upon a Time in Hollywood" läuft in Cannes und zeigt: Auch für einen Tarantino kann das Gewicht der Realität fast zu schwer werden.   Von Pascal Blum

Rick hat einen besten Freund, Fahrer und Kompagnon, der früher sein Stuntman war: Cliff Booth, eine wahre Traumrolle für Brad Pitt. Das Leben dieser beiden beschreibt Tarantino nun weitaus raumgreifender als die Episoden mit Sharon Tate. Rick trifft etwa einen legendären Agenten (Al Pacino), der mit ihm seine Karriere diskutiert, inklusive hilfreich eingeschnittener Clips mit Cowboy-Duellen und brennenden Nazis. Sein Rat: Dalton sollte dringend Spaghettiwestern drehen.

Die dazugehörige Erkenntnis, dass er jetzt wirklich abgehalftert ist, trifft Rick so richtig erst auf dem Parkplatz, wo ihm Tränen in die Augen schießen. Er vergräbt seinen Kopf in der Schulter des Freundes, der ihm gut zuredet und ihm seine Sonnenbrille leiht. DiCaprio und Pitt spielen das vollkommen ernst. Denn worüber sollte ein Mann bei Tarantino weinen, wenn nicht über den Verlust seiner kreativen Potenz? Dieser Regisseur kündigt immer wieder an, nach dem zehnten Film sei Schluss bei ihm, danach nämlich drohe Zweitklassigkeit und Vergreisung. "Once Upon a Time in Hollywood" ist sein neuntes Werk.

Bei Sharon Tate geht es um die Euphorie des Anfangs und den Lockruf des Ruhms, bei Rick Dalton darum, im Niedergang eine Würde zu bewahren, was ihm beim Dreh einer Schurkenszene mit einem neunjährigen Mädchen, einem rührend naseweisen Co-Star, auch gelingt. Vor allem aber geht es um den Stolz jener Filmarbeiter, die nicht im Rampenlicht stehen, wie Cliff Booth: Weil er sich nicht als Knecht fühlt, sondern als eine Art Ordensritter auf Lebenszeit, auch wenn ihn am Set keiner mehr braucht.