"Styx" im Kino Das Dilemma des Westens, gebündelt in einer gnadenlosen Überlebensgeschichte

Den Jungen im weißen Ronaldo-T-Shirt hat Rike retten können. Dem havarierten Flüchtlingsschiff darf sie trotzdem nicht zu nahe kommen.

(Foto: epd)
  • In "Styx" findet sich eine Ärztin auf ihrer Segelyacht mitten auf dem Meer einem sinkenden Schiff voller Flüchtlinge gegenüber.
  • Einen über Bord gegangenen Jungen rettet sie, für alle aber ist ihr Schiff zu klein.
  • Den Film zeichnet aus, dass er keinen billigen Ausweg aus diesem Dilemma bietet.
Von Martina Knoben

Wie schwer es doch ist, nur einen einzigen Menschen zu retten! Der Junge im weißen Ronaldo-Trikot ist mit letzter Kraft zu Rikes Segelyacht geschwommen. Sie wirft ihm einen Rettungsring zu und zieht ihn zu sich heran. Aber das reicht nicht. Die junge Frau muss selbst ins Wasser springen, sich den ohnmächtigen Jungen in seiner nassen Kleidung aufladen wie einen Sack und unter Aufbietung all ihrer Kräfte die Badeleiter hochwuchten und an Bord hieven. Quälend lange dauert das. Regisseur Wolfgang Fischer und sein Kameramann Benedict Neuenfels beobachten es in wenigen, kaum durch Schnitte unterbrochenen Einstellungen.

Styx ist ein Fluss in der Unterwelt, der Name bedeutet "Wasser des Grauens"

Es ist eine archetypische Szene - ein Schiffbrüchiger, der um sein Leben kämpft auf hoher See. Fast jeder an Rikes Stelle hätte wohl Hilfe geleistet. Auch beim Zuschauer ist die Erleichterung groß, als der Junge sicher an Bord ist. Den einen zu retten, bedeutet hier allerdings, viele andere sterben zu lassen. Der Junge war von einem havarierten Fischkutter gesprungen, Dutzende schreien dort verzweifelt um Hilfe. Rikes Yacht aber ist viel zu klein, sie alle aufzunehmen. Würde sie es versuchen und hinsegeln, würde ihr Schiff wahrscheinlich ebenfalls untergehen.

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Die Bilder von in Schlauchbooten, Fischkuttern und anderen Nussschalen auf dem Meer treibenden Flüchtlingen sind zum Sinnbild für die Migrationsdebatte geworden. Daran knüpft Wolfgang Fischer mit seinem Hochseedrama "Styx" an. Der Filmtitel deutet allerdings schon an, dass er das Thema auf allegorischen Gewässern verhandelt. Der Styx ist ein Fluss der Unterwelt, die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten. Hier auf dem "Wasser des Grauens" - das bedeutet der Name "Styx" - stellt der Film die moralischen Fragen, die Rike ebenso überfordern wie die westlichen Gesellschaften: Wegschauen und weitersegeln, während sich vor den Augen eine humanitäre Katastrophe abspielt, geht nicht. Aber soll man Einzelne retten und viele andere sterben lassen? Oder versuchen, allen zu helfen, auch wenn das eigene Boot dabei sinkt?

Der Film bietet keinen billigen Ausweg aus diesem Dilemma, das ist das Ehrliche und Erschütternde an diesem Werk. Seine Kraft zieht er aus dem Spiel seiner Hauptdarstellerin Susanne Wolff, die als Solo-Seglerin Rike gewissermaßen den Westen verkörpert, souverän und sexy. Wolff wurde als Schauspielerin am Thalia-Theater und am Deutschen Theater bekannt, hat mit Emily Atef "Das Fremde in mir" und mit Volker Schlöndorff "Rückkehr nach Montauk" gedreht. Sie spielt Rike als wetterfeste, aber auch mitfühlende Frau, die an der Aufgabe, vor der sie plötzlich steht, dennoch zerbricht. Die Fallhöhe dieser Figur ist enorm. Rike ist eine professionelle Retterin. Zu Beginn ist sie in Köln bei einem Einsatz als Notärztin zu sehen. Die Kamera blickt von oben auf einen Unfallschauplatz, bewahrt so den Überblick, ganz so wie die Polizisten, Feuerwehrleute und Ärzte, darunter Rike, die den Verletzten intubiert. Keine Frage - hier funktioniert unser westliches Sicherheitssystem.

Auch auf ihrer Yacht, der Asa Gray, hat Rike alles im Griff. Eine leise Gefährdung hat sich in die Bilder geschlichen, als sie von Gibraltar aus in See sticht, vielleicht, weil der Kamera nun der feste Boden unter den Füßen fehlt. Aber es ist beeindruckend, wie routiniert Rike ihren Proviant organisiert, Seekarten studiert, Segel setzt und steuert und schließlich sogar, mit einer Rettungsleine gesichert, auf dem offenen Meer schwimmen geht.

Susanne Wolff segelt selbst, sonst hätte sie diese Rolle vielleicht nicht so überzeugend spielen können. Gedreht wurde größtenteils tatsächlich auf dem Meer. Es gibt kaum inszenatorischen Schnickschnack, auch deshalb wirkt Rikes Notlage so realistisch. Über weite Strecken wird auch nicht geredet, "Styx" ist eine beeindruckende One-Woman-Show. Rikes Begleiter, vor allem auch auf der Tonspur, sind das Meer, der Wind und die Yacht, ein elf Meter langes Hightech-Sportgerät. Die Asa Gray und Rike wirken wie ein routiniertes Team. Wenn das Boot gut auf dem Wasser liegt, hört auch der Zuschauer das Schnurren. "Styx" ist im ersten Drittel ein schöner Segelfilm, das Kino liebt die Profis. Nebenbei ist er auch ein toller Beitrag zur Debatte über das Frauenbild im Kino. So unabhängig, selbstbewusst und technikaffin wie Rike wollen wir Frauen auf der Leinwand gern öfter sehen!

Warum die professionellen Helfer fernbleiben? Die Antwort will man lieber nicht wissen

Mensch und Schiff bewähren sich, als ein heftiger Sturm aufzieht und Rike im Licht ihrer Stirnlampe mit den Naturgewalten ringt. Da wird "Styx" kurz zum Actionfilm. Nach dem Sturm ist in der Nähe der Yacht das Flüchtlingsboot mit den schreienden Menschen an Bord zu sehen. Rikes Fahrt, die sie eigentlich nach Ascension Island führten sollte, auf ein von Darwin entworfenes künstliches Paradies, kommt zum Stillstand. Über Funk fordert sie Unterstützung durch die Küstenwache an, die der Seglerin nachdrücklich rät, sich von dem havarierten Boot fernzuhalten.

Rike wartet. Aber die Küstenwache kommt nicht. Bis zum Ende erfährt der Zuschauer nicht, warum die professionellen Helfer nicht rechtzeitig zur Stelle waren. Weil sie woanders gebraucht wurden? Es wäre die harmloseste Erklärung.

"Styx" ist der richtige Film zur rechten Zeit. Erst in diesem August machte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen auf eine wachsende Zahl von Toten im Mittelmeer aufmerksam: Seit Jahresbeginn waren mehr als 1500 Flüchtlinge dort ertrunken. Privaten Seenotrettungsschiffen wird die Einfahrt in Häfen verweigert. Und es zeigen die jüngsten Ausschreitungen in Chemnitz, wie die Migrationsdebatte die westlichen Gesellschaften spaltet und dass die Menschlichkeit dabei schon mal über Bord geht.

Der gerettete Junge wird zu einem ebenbürtigen Gegenüber für die Seglerin aus dem Westen. Vehement fordert er Hilfe für seine Schwester und alle anderen, schließlich schmeißt er seine Retterin sogar über Bord. Wenn die Kamera nun Rikes Perspektive einnimmt, die eines im Meer treibenden Menschen, der ein Boot vor Augen hat, das er nicht erreichen kann, vermittelt sich die Not der Flüchtlinge noch mal mit Dringlichkeit.

Es ist eine unbequeme Wahrheit, die sich so vermittelt. Für die Katastrophe, die sich abspielt, hat nicht nur Rike keinen Plan. Die Realität der Flüchtlingskrise ist ein Albtraum, den Wolfgang Fischer in surreal anmutenden Bildern gefilmt hat. Rike trifft schließlich eine radikale Entscheidung. Nur so scheint Hilfe möglich.

Styx, D/Ö 2018 - Regie: Wolfgang Fischer. Buch: W. Fischer, Ika Künzel. Kamera: Benedict Neuenfels. Schnitt: Monika Willi. Musik: Dirk von Lowtzow. Mit: Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa. Verleih: Zorro, 94 Minuten.

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