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"Songs My Brothers Taught Me" auf Mubi:Ungezähmt

„Songs My Brothers Taught Me“

John Reddy (vorn) und Jashaun St. John gehören zum Volk der Lakota und tragen im Film ihre eigenen Vornamen.

(Foto: Verleih)

Wie die Oscarfavoritin Chloé Zhao angefangen hat: Mubi zeigt "Songs My Brothers Taught Me", ihren Debütfilm aus dem Reservat der Lakota.

Von Anke Sterneborg

Unzählige Male wurde sie schon erzählt, die Geschichte eines Teenagers, den es in die Ferne zieht, in ein verheißenes Land jenseits der Ödnis und Aussichtslosigkeit seiner Herkunft. Unter der Regie von Chloé Zhao, die gerade auf dem Weg sein könnte, als erste asiatische Frau einen oder mehrere Oscars zu gewinnen, entfaltet sie sich mit zurückhaltend leiser Kraft. Während die Welt ihren neuesten Film "Nomadland" feiert, präsentiert Mubi, der Streamingdienst für kuratiertes Arthaus-Kino, jetzt ihr Spielfilmdebüt "Songs My Brothers Taught Me" aus dem Jahr 2015.

Man muss für die Unsicherheiten eines Lebens am Rande der Gesellschaft wohl sensibilisiert sein, um so selbstverständlich und zugleich zärtlich davon erzählen zu können. Alle drei Filme der in Peking geborenen, in China, England und Amerika aufgewachsenen Autorenfilmerin sind von einem wachsamen, aber nie zudringlichen, diskreten, aber nie distanzierten Blick für Menschen in schwierigen Lebensumständen geprägt. So erzählt sie von den Camper-Nomaden in "Nomadland", die in ihren Wohnwägen durch Amerika ziehen, von einem versehrten Rodeo-Cowboy in "The Rider" und von den indigenen Lakota im Pine-Ridge-Reservat in "Songs My Brothers Taught Me".

Beim Zähmen eines Pferdes müsse man aufpassen, dass man dessen Seele nicht zerstöre, sagt Johnny Winters, der auch im echten Leben Johnny heißt. Auch das gehört zur Methode von Chloé Zhao. Sie arbeitet gerne mit Laiendarstellern, die ihre eigenen Lebenserfahrungen in die fiktiven Geschichten tragen. Sie versteht es, ihnen einen Raum zu bereiten, in dem sie sich ganz natürlich entfalten können. Mischen sich dann wie in "Nomadland" doch mal bekannte Stars wie die Oscar-Preisträgerin Frances McDormand und David Strathairn darunter, müssen sie die Fähigkeit mitbringen, neben der Echtheit der Laien zu bestehen.

"Alles was in der Wildnis lebt, trägt etwas Böses in sich", sagt Johnny am Anfang des Films. So wie den Pferden müsse man auch den amerikanischen Ureinwohnern etwas von dieser Wildheit erhalten, damit sie überleben können, meint er und klagt damit auch die prekären Verhältnisse im Reservat in den Badlands von South Dakota an. Die Beschaffung des verbotenen Alkohols sichert hier notdürftig Existenzen - und zerstört sie zugleich nachhaltig. Auch die Mutter von Johnny und seiner kleinen Schwester Jashaun verdämmert die Tage im schäbigen Fertighaus auf dem Sofa.

Auf dem Brett unter dem Fenster mit Blick aufs karge Land reihen sich die Billigbierdosen aneinander. Irgendwann fährt ein Polizist vor, aus Gesprächsfetzen erschließt sich, dass der Vater aus seinem brennenden Haus nicht mehr lebend gerettet werden konnte. Bei der Beerdigung erfährt man, dass er insgesamt 25 Kinder von neun Frauen hatte, einige davon mit Gefängniskarriere, viele von ihnen begegnen sich hier zum ersten Mal. "Ist das die Jacke meines Vaters?", fragt einer der erwachsenen Brüder Jashaun am Lagerfeuer. "Sie steht dir gut."

Die Highschool heißt nach dem Ort eines historischen Massakers

Einen Rest ungezähmter Wildheit bieten hier nur noch die Rodeos. Bullenreiten ist der Berufswunsch, den die Kinder am häufigsten nennen. Ihre Schule heißt Little Wounded Knee Highschool, benannt nach dem Ort, der 1890 Schauplatz eines Massakers war, in dem Soldaten der US-Armee rund 300 Lakota ermordet haben und der 1973 von Aktivisten des American Indian Movement besetzt wurde. In ihrem zweiten Spielfilm "The Rider" hat Chloé Zhao die bittere Seite dieses Lebens in Abenteuer und Freiheit gezeigt, die in Rodeo-Filmen sonst nie vorkommt: Was bedeutet es, wenn der Körper so kaputt ist, dass man nicht mal mehr laufen, geschweige denn reiten kann?

Was die immer wieder fast dokumentarisch anmutenden Filme von Chloé Zhao auszeichnet, ist der zärtliche Blick auf einfache Verhältnisse und moderate Träume. Und eine Ökonomie des Erzählens, die kaum auf Worte vertraut, sondern lieber Landschaften und Gesichter sprechen lässt. Chloé Zhao und ihr Stammkameramann Joshua James Richards, der für "Nomadland" ebenfalls für einen Oscar nominiert ist, ringen den kargen Szenerien eine Schönheit ab, die nicht viel braucht, um zu leuchten: das Glühen roter Bremslichter, einfache Neonreklamen in der Nacht. Das Wiegen der Steppengräser im Wind, ein paar Grasbüschel im zementgrauen Schlammsee, ein paar wild wachsende Sonnenblumen vor dem Gefängnis.

Ganz unaufdringlich lenken Zhao und Richards den Blick auf die kleinen Dinge, die dem Leben Schönheit und Würde geben. Entsprechend kostbar sind die flüchtigen Momente der Zuneigung: Wenn ein Junge einem Mädchen das Werfen von Dartpfeilen beibringt; ein Bruder seiner kleinen Schwester zeigt, wie man beim Boxen den Fäusten des Gegners ausweicht; oder wenn ein elfjähriges Mädchen beim nächtlichen Heimweg von einem gütigen Cop aufgegabelt und sicher nach Hause gebracht wird.

Weggehen oder bleiben, das ist die Frage, auf die Chloé Zhao die naheliegende Antwort verweigert. Zumindest eines der Geschwister schöpft eine positive Kraft aus den Lakota-Traditionen des Tanzes und der Musik.

Songs My Brothers Taught Me, USA 2015 - Buch und Regie: Chloé Zhao. Kamera: Joshua James Richards. Mit John Reddy, Jashaun St. John, Irene Bedard. Auf Mubi, 96 Minuten.

© SZ/kni
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