Im Kino: "Son of the South" von Barry Alexander Brown:Der Mitstreiter

Filmszene

Der Weiße aus dem Süden marschiert bei den Umzügen der Bürgerrechtler mit - Lucas Till (Mitte) in "Son of the South".

(Foto: Vertical Entertainment)

"Son of the South" von Barry Alexander Brown erzählt die wahre Geschichte eines jungen Weißen, der sich 1961 der schwarzen Bürgerrechtsbewegung anschließt

Von Philipp Stadelmaier

Eigentlich erwartet den jungen Mann aus den Südstaaten, der 1961 das All White College in Montgomery, Alabama, besucht, eine große Karriere. Er hat gute Noten, die Universität kann er sich quasi aussuchen: Harvard, vielleicht auch Princeton. Leute wie ihm steht die Welt offen, denn er hat für Ort und Zeit drei vorteilhafte Eigenschaften, die sein Mitbewohner bei einem Barbesuch aufzählt: Er ist "frei, weiß und volljährig". Und das in einer segregierten Welt, in der die schwarze Bevölkerung systematisch diskriminiert wird.

Doch die Dinge sind längst in Bewegung geraten. Sechs Jahre zuvor hatte sich Rosa Parks, ebenfalls in Montgomery, geweigert, ihren Sitzplatz im Bus einem weißen Fahrgast zu überlassen. Im Zuge des sich anschließenden "Busboykotts von Montgomery" durch die schwarze Bevölkerung wurde zumindest dieser Aspekt der rassistischen Gesetzgebung gekippt ­- ein großer Erfolg für die aufkommende Bürgerrechtsbewegung.

Vor diesem Hintergrund erzählt "Son of the South" von Barry Alexander Brown die wahre Geschichte von Bob Zellner (Lucas Till), einem der ersten weißen Aktivisten im Civil Rights Movement. Es beginnt damit, dass er als Collegestudent eine Hausarbeit über "Race Relations" schreiben soll, eine Begegnung mit Mitgliedern der schwarzen Community liegt also auf der Hand. Bob trifft sich mit dem Bürgerrechtler Ralph Abernathy und mit Rosa Parks, nimmt an Gottesdiensten und Abendessen teil. Auch wenn ihm dafür der Ku-Klux-Klan ein brennendes Kreuz vors Wohnheimfenster pflanzt und auf der Straße vor dem College aufmarschiert. Unter einer der Kapuzen steckt sein eigener Großvater.

Es dauert nicht lange, bis Bob bei einer Demonstration erlebt, wie ein weißer Mob über eine Gruppe aus friedlich und gewaltfrei Protestierenden herfällt. In der Folge engagiert er sich immer mehr. Am Ende lässt er Studium und Karriere fahren, wird Sekretär einer schwarzen Studentenorganisation. Der Weiße aus dem Süden verliebt sich in eine schwarze Dozentin und marschiert bei den Umzügen der Bürgerrechtler mit - seine alten Freunde trachten ihm nach dem Leben. Doch Zellners Mut ist nur ein Brennglas für den Mut der Betroffenen: Er trifft als Weißer eine freie Entscheidung, während die Schwarzen gar keine andere Wahl haben, als auf den Straßen ihr Leben zu riskieren, wenn sich für sie etwas ändern soll.

Browns Film mag Zellners Leben erzählen, doch die wahre Protagonistin des Films ist die Bürgerrechtsbewegung, mit ihren historischen Figuren, Demonstrationen und Opfern. Der ausführende Produzent ist schließlich Spike Lee, der in seinen Filmen immer wieder vom Leben schwarzer Amerikaner und ihrem Kampf gegen Rassismus erzählt. "Son of the South", entstanden unter der Regie von Lees Filmeditor Brown, ergänzt nun die Chronik der Bürgerrechtsbewegung um eine erwähnenswerte, aber nicht wirklich zentrale Figur. Zellner ist kein Mythos, kein Held, eher ein anständiger, zurückhaltender Typ, der das Richtige tut. Höchstens ein alter Reaktionär wie Clint Eastwood hätte aus dem weißen Jungen einen stillen All American Hero machen können.

Alles in diesem pädagogischen Film muss etwas "zeigen"

Dem bescheidenen Gestus des Films entspricht, dass die Spielszenen mit Zellner eher das zahlreich eingespielte historische Archivmaterial verlebendigen, während seine Figur als Anschauungsmaterial zur heute vieldiskutierten Frage dienen mag, wie ein Weißer denn nun ein guter "Ally", ein Mitstreiter und Verbündeter für Minderheiten werden kann. Rückblenden und Einblendungen illustrieren oft überdeutlich die Vergangenheit der Figuren, Kinder-Ichs tauchen hinter Fensterscheiben auf, Erinnerungen laufen in zu Bildschirmen umfunktionierten Türrahmen ab.

Alles in diesem pädagogischen Film muss etwas "zeigen", selbst das Dekor. Auf dem Lehrplan steht das Lernen und Entlernen von Rassismus: vom eingefleischten Hass des KKK-Großvaters über die "Farbenblindheit" des Vaters, der mit einem schwarzen Gospelchor durch die Sowjetunion tourte und danach "für den Klan verloren" war, bis hin zu Zellners Konversion in einen guten Verbündeten. Der will am Ende in den Medien auch nicht als "White Savior" durchgehen, will als Weißer den schwarzen Aktivisten nicht die Show stehlen.

Und doch gibt es ein Element, das dem Schulgestus des Films eine konkrete historische und geografische Wirklichkeit verleiht. Es handelt sich um den Southern Accent, um den sich vor allem Julia Ormond in der Rolle der weißen Bürgerrechtsaktivistin Virginia Durr redlich bemüht. Das Nasale, Langgezogene, Betuliche dieser Sprache verwandelt alles Gesagte automatisch in eine felsenfeste Ansicht, eine Predigt, ob es sich nun um den Rassismus der weißen Bevölkerung handelt oder um den Kampf für Gerechtigkeit. Beide Seiten sind in ihr enthalten. Man muss sich nur noch für jene entscheiden, die schon Bob Zellner gewählt hat.

Son of the South, USA 2020 - Regie und Buch: Barry Alexander Brown. Kamera: John Rosario. Mit Lucas Till, Jim Klock, Michael Sirow. Busch Media, 105 Minuten.

© SZ/kni
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