"Paul" von Sido:Livesendung vom Ende

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"Paul" von Sido: "Show vorbei, Vorhang zu, wir verneigen uns": Rapper Sido.

"Show vorbei, Vorhang zu, wir verneigen uns": Rapper Sido.

(Foto: Vitali Gelwich/dpa)

Rapper Sido hat auf allen Kanälen über Scheidung, Drogensucht, Entzug und Psychotherapie gesprochen: Jetzt gibt es das Album zum Crash.

Von Jakob Biazza

Um den Voyeurismus, der dieses Album seit Wochen umschwirrt, weiter zu nähren, empfiehlt sich nun zum Beispiel der Song "Wenig königlich": knarziges Klavier-Intro, schnapsverstolperter Beat in der Strophe, cinemascope-große Jenseitschöre im Refrain. Und darüber diese Stimme. Man kann Sido dabei zuhören, wie er live und einigermaßen verstörend vom Ende sendet. Rap als CNN des Ghettos - oder so.

Jedenfalls: Wer sich emotional je etwas zu sehr auf einen strammen Kokainisten eingelassen hat und also schon nach wenigen Silben die Flughöhe erkennt, am trockenen Schmatzen der Zunge am Gaumen, am krustigen Pfropfen in der Nase, dem geschmirgelten Rachen, den wird dieser Sound direkt in den Panikmodus schicken. Der Sprecher auf dem Song ist entweder ein hochtalentierter Method-Actor - oder, während er seinen Text rappt, tatsächlich bis in die Stirnhöhlen voll. Ins Intro hinein ist außerdem noch etwas zu hören, das wie das scheue Quieken von Matratzenfedern klingt, und das ist jetzt vielleicht doch eine Spur melodramatisch.

Wenn er nach den Orgien nicht schlafen konnte, also meistens, rief er sich Produzenten ins Hotel, um Songs aufzunehmen

Es ist nämlich so, dass Sido, während er den Song rappte, in der Tat bis nah an die Besinnungslosigkeit wachgeschnupft im Bademantel auf der Kante eines Berliner Hotelbetts saß. Sagt er. Sie hätten den Part später noch mal aufgenommen. Der Rhythmus, der Flow, das stimmte alles. Aber der Knarz fehlte, das Brechen der Stimme, das Kaputte. Also haben sie die Bademantelversion behalten.

Sido erzählt das in einer der Interviewlounges von Universal Music, seiner Plattenfirma: opulente Sessel, Designertapete in Tropenanmutung. Sein Bart ist angegraut, das Gesicht zu schmal, in der Hand raucht ein Joint ("Das Kiffen war ja nie mein Problem"), auf dem Tisch liegt noch ein vorgedrehter in Reserve, und irgendwo in die Partie zwischen Augen und Mund stemmt sich jetzt, während er an die Aufnahme zurückdenkt, etwas, das Süchtige oft bekommen, wenn sie sich zu lebhaft an ihr Gift erinnern. Eine Mischung aus blassweggeduckter Angst und Gier. Wie bei überraschenden Gedanken an den einen Ex-Partner, der für immer mehr wehtun wird als alle anderen.

Es könnte Morgengrauen gewesen sein, als er den Text aufgenommen hat, oder vielleicht auch schon mittags, Tag zwei oder doch schon drei, das weiß er nicht mehr. Aber es wird wohl so gewesen sein, dass die "Hotel-Session" irgendwann zu Ende gegangen ist und er eben mal wieder allein blieb. "Session", das erfährt man etwas später, ist ein womöglich etwas technischer Begriff für eine Orgie unter Zuhilfenahme von allem, was in den Giftschränken Berlins gerade so in den oberen Fächern liegt.

"Paul" von Sido: Albumcover: Sido "PAUL" 2022.

Albumcover: Sido "PAUL" 2022.

(Foto: Urban 2022)

Ein paar der Songs sind nach solchen Sessions entstanden. Wenn Sido nicht schlafen konnte, also meistens, rief er sich Produzenten aufs Zimmer und nahm solche Zeilen von der Bettkante aus auf: "Patte fließt, ich hab' das, was ich brauch' und so / doch ich muss in ne Wohnung zieh'n, bin aus'm Haus rausgeflog'n / Jeder Test positiv auf alles, die Augen rot / Hyatt, große Suite, Party und Hausverbot".

Das wäre dann eigentlich auch schon die Geschichte. Die des Albums. Und die des Menschen. Beide heißen sie "Paul".

Wer auch nur irgendeinen Social-Account besitzt, einen Fernseher, ein Radio, ein SZ-Abo oder ein Dosentelefon, dürfte die Geschichte gehört haben. Sido erzählt sie ja gerade wirklich überall, und das Erstaunliche ist, dass sie trotzdem jedes Mal noch frisch klingt. Der Drang, sie loszuwerden, er erscheint sehr, sehr aufrichtig.

Es hat eben nicht geklappt mit der Kleinbürgerei. Sieben Jahre lang war er mit der Moderatorin Charlotte Engelhardt verheiratet. Man sah ihn, auf mindestens halbem Weg zum ganzheitlichen Entertainer, durch 20.15-Uhr-Familiensendungen tapern. Er nahm ganz enorm langweilige Songs mit ganz enorm langweiligen Leuten wie Mark Forster oder Andreas Bourani auf. Das Hirn rechnete ihm langsam eine Wohlstandswampe hinzu. Dann kam der Bruch. In den Worten des Songs "Sterne": "Show vorbei, Vorhang zu, wir verneigen uns / Sex, Drugs and Rock 'n' Roll - Scheidungsgrund".

Der Mensch, Paul Würdig, landete in einer Entzugsklinik. Eingeliefert von seiner Ex-Frau. Keine Chance mehr. Acht Wochen Abschottung, Basteltherapie, Wandern, Stuhlkreise, Einzeltermine mit Psychologinnen. Künstlerisch ein durchaus schwieriges, weil auch in diesem Land inzwischen plattgelatschtes Terrain. Seit der Rap auch in Deutschland emotionaler geworden ist, aufgewühlter und tragödiensatter, mit Leuten wie Haftbefehl, dem anderen großen Bruchpiloten des Jahres 2022, an der Spitze, wirkt das Gejammer, bei den weniger Talentierten, schnell generisch. Phrasig. Schal.

Es spricht also für das Talent und das noch (wieder?) intakte Gespür des lange sehr prägenden Rappers Sido, dass ihm das alles lang nicht so oft peinlich gerät, wie es könnte. Oder nein, anders - Peinlichkeit ist hier eine überhebliche Draufsicht-Kategorie. Mut ist das bessere Thema. "Paul" wagt eine emotionale Direktheit, die in der Härte der Szene nur schiefgehen kann. Und dafür erstaunlich selten schiefgeht. Klar sind da Schmalz, Poesiealbum-Flair, Merci-Werbung-Metaphern. Aber immer ist da auch eine fantastische, absolut entwaffnende Schutzlosigkeit, eine Art Schnellstraße ins Innere eines Künstlers, der einfach erzählt. Fragen nach der Coolness erscheinen da im Vergleich wirklich enorm klein.

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