Serie "Was ist deutsch?" Von der deutschen Obsession mit der Geschichte

Geht man den Ursprüngen von Nationen und Nationalstaaten nach, dann stößt man nicht allein in Europa auf lauter Sonderwege. Die alte Vorstellung von westlichen Modellen mit erfolgreichen Revolutionen, egal ob 1689, 1776 oder 1789, und einer langen deutschen Defizitgeschichte von Nation und Nationalstaat in Deutschland ist suggestiv, aber sie greift in dieser Einseitigkeit nicht.

Deutsche Kultur Wir müssen reden
Essay

Was ist deutsch?

Wir müssen reden

Über Fremde spricht es sich viel leichter als über das Eigene. Das sollte nicht so bleiben, denn eigentlich ist ganz leicht zu beantworten, was deutsch ist. Man muss dann nur die richtigen Schlüsse ziehen.   Von Armin Nassehi

Auch andere Nationalgeschichten sind alles andere als homogen, friedlich und per se erfolgreich: Großbritannien erlebte in seinem Kolonialreich und in Irland gewaltsame Krisen. Das Erbe der Revolution von 1789 spaltete die französische Gesellschaft lange in deux France. Und mit der Unabhängigkeit von 1776 wurden in Amerika viele Konflikte vertagt, die später im Bürgerkrieg wieder blutig hervortreten sollten.

Was also bleibt vom typisch deutschen Umgang mit der Nation? Die Antworten der Historiker im Blick auf das 19. Jahrhundert als Inkubationszeit von Nation und Nationalstaat sind so vielfältig wie ihre ganz eigenen Perspektiven. Thomas Nipperdey begann seine Geschichte des deutschen 19. Jahrhunderts mit dem Satz "Am Anfang war Napoleon". Hans-Ulrich Wehler antwortete darauf in seiner Gesellschaftsgeschichte mit einem programmatischen "Am Anfang war keine Revolution". Und Heinrich August Winkler ergänzte die Trias in seinem Buch über den "Langen Weg nach Westen" mit dem Verweis: "Am Anfang war das Reich".

Egal, ob man die Besonderheit in der vielfältigen Auseinandersetzung mit dem Erbe der Französischen Revolution in Deutschland sah oder der napoleonischen Flurbereinigung der deutschen Territoriallandschaft, im Manko einer bürgerlichen Revolution oder im langen Schatten des Reichsgedankens und der föderalen Vielfalt seit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation: Schon die Erbschaften und Leitmotive im Blick auf das 19. Jahrhundert sind und bleiben umstritten. Gerade das markiert eine deutsche Besonderheit im Umgang mit der Nation, und es erklärt auch einen Teil der deutschen Obsession mit eben dieser Geschichte.

Im Blick auf die Gewalterfahrungen seit 1914 und 1939/41 sollte sich das gebrochene Verhältnis zu Nation und Nationalstaat zuspitzen. In der ideologischen Übersteigerung von Nation und Reich markierte 1945 schließlich das Ende des klassischen deutschen Nationalstaates. Erst die doppelte Erfahrung von zwei Zerfallskriegen mit beispiellosen Opferzahlen hat Nation und Nationalstaat und das ihnen zugeordnete Legitimationspotenzial infrage gestellt.

Für keine Gesellschaft dürfte das so paradigmatisch gelten wie für die deutsche: Es war auch die verdichtete Katastrophengeschichte des frühen 20. Jahrhunderts zwischen 1914 und 1945, die Westdeutschland und nach 1990 das wiedervereinigte Deutschland für neue Formen transnationaler Integration und für einen bewussten Souveränitätsverzicht geöffnet haben. Dieser Verzicht wurde gleichsam zur Staatsräson der Bundesrepublik, nämlich als Voraussetzung für jede Rückkehr auf die politischen Bühnen nach 1945.

Ohne Zweifel trug diese bewusste Distanzierung von der eigenen Nationalgeschichte dazu bei, dass Europa, aus dessen kontinentaler Mitte der Zusammenhang von Krieg und Nation im 18. Jahrhundert im Wesentlichen entstanden war, ein Friedensraum wurde.

Bis zum Ende des Kalten Krieges sah Deutschland sich als friedlich, europäisch integriert. Und jetzt?

1945 endete für Deutschland das Zeitalter der totalisierten und totalen Kriege. In der Nische des Kalten Krieges, in dem sich Bedrohungsgefühl, Stabilität aus Abschreckung und Gewaltfreiheit verbanden, entwickelte sich ein komplizierter Umgang mit der Gewaltgeschichte der eigenen Nation. So setzte sich die schon nach 1918 begonnene Debatte um die Kriegsschuld Deutschlands 1914 in der frühen Bundesrepublik nach 1949 fort und wurde zu einem entscheidenden Referenzpunkt der geschichtspolitischen Selbstpositionierung der Westdeutschen nach der Erfahrung zweier Weltkriege.

Darin lag und liegt die besondere Bedeutung der Fischer-Kontroverse der Sechziger, des Historikerstreits der frühen Bundesrepublik. Die Debatte entzündete sich an der Position des Hamburger Historikers Fritz Fischer, der eine Hauptverantwortung des Deutschen Reiches für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs feststellte.

Literatur Unter Schlafwandlern
Buch zum Ersten Weltkrieg

Unter Schlafwandlern

Nicht Weltmachtambitionen Deutschlands stießen Europa in den Abgrund des Ersten Weltkriegs: Der australische Historiker Christopher Clark schildert, wie es zur Katastrophe von 1914 kam. Sein Buch "The Sleepwalkers" ist eine Wucht.   Von Gerd Krumeich