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Seebestattung von Osama bin Laden:Die Aura des Märtyrers

Trauernde Männer tragen den Leichnam schließlich zur Grabstätte, auf einem Friedhof, der entweder muslimisch oder Muslimen vorbehalten sein sollte. Es gilt als besondere Ehre, Sargträger zu sein, man hofft auf spätere Sündenvergebung durch das Tragen der Totenbahre. Frauen und Kinder sind bei der traditionellen Grablegung nicht anwesend, nicht einmal die Ehefrauen.

Die Trauernden füllen Erde in das offene Grab, rezitieren Koransuren und erinnern den Toten an das islamische Glaubensbekenntnis, damit er in der Lage sein wird, den gefürchteten Todesengeln Antwort auf die Frage nach seinem Glauben zu geben.

Denn nun folgt das kleine Gericht: Kaum ist er unter der Erde, erscheinen die Todesengel Munkar und Nakir, der "Negative" und der "Verwerfliche", dem Verstorbenen und befragen ihn über sein Leben und die Grundsätze des Islam. Es heißt, dass selbst gläubige und rechtschaffene Muslime beim Anblick der beiden Engel so erschrecken, dass sie Mühe haben, die richtigen Antworten zu geben.

Die Engel fragen: Wer ist dein Gott? Wer ist dein Prophet? Was ist deine Religion? Wohin zeigt deine Gebetsrichtung? Das Grab ist die Vorstufe zum Leben im Jenseits: Nur wenn er die Antworten weiß und das islamische Glaubensbekenntnis sprechen kann, darf er auf Sündenvergebung hoffen. Die Ungläubigen und jene, die gegen die Gebote Gottes verstoßen haben, sollen, so heißt es, entsetzliche Qualen im Grab erleiden - bis zum Tag des Jüngsten Gerichts.

Dem Märtyrer werden alle Sünden vergeben

Am Jüngsten Tag werden alle Menschen und Dschinn, die auf der Erde gelebt haben, zum Gerichtsplatz laufen. Der Weg dorthin führt über eine schmale Brücke, die schärfer ist als ein Schwert und dünner als ein Haar. Wem das Paradies zugesagt worden ist, vermag sie zu überqueren, wer zur Hölle verurteilt ist, wie die Ungläubigen, der stürzt in den Höllenschlund und in das Feuer. Am Gerichtsplatz wird das Buch der Taten aufgeschlagen, und jede Seele muss für ihr Handeln und Tun Rechenschaft ablegen.

Dass der Terrorist Osama bin Laden, der so viele Menschenleben auf dem Gewissen hat, vor dem Jüngsten Gericht Gnade findet, erscheint selbst für gläubige Muslime unwahrscheinlich. Doch sein Tod im Kugelhagel der Amerikaner verleiht ihm bei seinen Anhängern die Aura des Märtyrers: Osama bin Laden brachte zahlreiche Muslime dazu, sich im Kampf zu opfern, er wollte selbst ein Shahid sein, arabisch für "Zeuge", der seinen Glauben bezeugend auf dem Schlachtfeld stirbt.

Einem Märtyrer, der im Kampf für die Sache des Glaubens starb, werden nach islamischer Vorstellung alle Sünden verziehen. Der Koran verheißt dem Märtyrer, der auf dem Wege Gottes für seinen Glauben stirbt, reiche Belohnung im Jenseits. Ein Muslim, der seinen Glauben oder die freie Glaubensausübung seiner Mitmenschen gegen die Unterdrückung von Ungläubigen verteidigt, gilt als Märtyrer. Ein Muslim, der im Dschihad seinen Glauben bezeugend stirbt, gilt ebenfalls als Märtyrer.

Da der Märtyrer sich für den Islam opfert und die natürliche Furcht vor dem Tod überwindet, gilt der Märtyrertod als edelste Form zu sterben. Für Märtyrer gelten eigene Bestattungsregeln:

Sie dürfen ohne rituelle Waschung beerdigt werden, denn das Martyrium, so die Auffassung der meisten Rechtsgelehrten, wasche die Sünden und die rituelle Unreinheit von ihnen ab. Der Märtyrer muss auch nicht in weißen Tüchern bestattet werden, er kann in seiner blutgetränkten Kleidung, Beweis für sein Martyrium, der Erde übergeben werden.

Osama bin Laden, ein Terrorist, der auch für den Tod von vielen Glaubensbrüdern verantwortlich war, der den Dschihad gegen die gesamte westliche Welt ausrief, vertrat nie den Islam - die Mehrheit der Muslime wird ihm den Status des Märtyrers wohl auch nicht gönnen. Er bekam kein Grab. So muss die grundsätzliche Frage der Islamgelehrten, ob an den Gräbern der Märtyrer auch gebetet werden darf, oder ob diese Praxis eher Ausdruck von Zweifeln an Gottes Allmacht sei, in diesem Fall nicht beantwortet werden:

Niemand weiß, wie viele Muslime dem Islamisten Osama bin Laden noch nacheifern wollen, aber eine Pilgerstätte, an der sie Inspiration finden könnten, gibt es nicht. Kein Grabstein, keine Markierung weist auf den berühmten und gehassten Toten hin, die Leiche des Top-Terroristen ruht nun irgendwo im Arabischen Meer.

© SZ vom 04.05.2011/rus
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